Aus drei mach eins

Dreieinigkeit
Aus drei mach eins

Trinität: eine höhere Mathematik?

Wusstest du, dass die Sonne 230 Millionen Jahre braucht, um das Zentrum unserer Galaxie, die Milchstraße, ein Mal zu umkreisen?1 Natürlich hat es bisher niemand beobachtet, also sind wir auf mathematische Berechnungen angewiesen. Eine zweite interessante Tatsache: Wissenschaftler schätzen, dass es in unserer Galaxie ungefähr 100 Milliarden Sterne gibt.2 Ehrlich gesagt bekomme ich immer einen dicken Hals, wenn Wissenschaftler Dinge schätzen. Sie tasten sich gern an etwas heran und fangen an, zu prüfen, zu zählen, zu messen, zu analysieren und zu dokumentieren. 100 Milliarden ist eine Schätzung, bei der es um Unermessliches geht. Es könnte mehr sein; es könnte weniger sein ... Erlaubt mir ein weiteres Beispiel: Würde man sämtliche DNA-Stränge in allen Zellen eines Menschen aufreihen, ergäbe sich eine Strecke von über 16 Milliarden Kilometern – das ist etwa die Entfernung von der Erde zum Planeten Pluto und zurück.3 Die DNA trägt die gesamte genetische Information, und fast jede Zelle eines menschlichen Körpers hat dieselbe DNA.4

Nun fragst du dich vielleicht: Warum muss ich wissen, wie lange die Sonne braucht, um das Zentrum unserer Milchstraße zu umkreisen? Ich lebe schließlich nicht 230 Millionen Jahre lang. Und welche Bedeutung haben 100 Milliarden Sterne (oder mehr!) in unserer Galaxie, wenn wir schon kaum begreifen, dass 7,5 Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben? Wie die Bevölkerung wächst, kann man im Internet beobachten5 – aber es wird nicht realer, wenn man die Zahlen vorbeiziehen sieht. Wer kein Biologe oder Genetiker ist, versteht die Komplexität der DNA eigentlich nicht. Und die meisten Menschen leben froh und glücklich, ohne diese beliebigen Fakten zu verstehen, die nur in geringem Maß die Breite und Weite des Lebens, unserer Milchstraße und des Universums beschreiben.

Das größere Bild

„Na, und wenn schon?“ ist daher eine berechtigte Frage. Was ist mit all diesen Milliarden Jahren? Was ist mit der ungeheuren Entfernung, die meine aufgereihte DNA abdeckt? Was ist mit all den anderen Daten und Fakten, die ich oft gar nicht verstehe und die doch mein Leben beeinflussen oder gar bestimmen? Was ist mit der Trinität (Dreieinigkeit) und der Persönlichkeit des Heiligen Geistes oder der Natur Jesu? Handelt es sich einfach nur um „höhere, (vielleicht auch) geistliche Mathematik“ oder sind das Themen und Fragen, die für mein Leben, meinen Glauben, meinen Weg mit Jesus wirklich relevant sind?

Instinktiv wissen wir, dass wir Gott eigentlich nicht begreifen können, weil er sich jenseits menschlicher Vorstellung und Erklärung befindet. Elihu, einer der Freunde Hiobs, der den armen Mann nach seinen ungeheuren Verlusten belehrte, rief aus: „Siehe, Gott ist groß und unbegreiflich; die Zahl seiner Jahre kann niemand erforschen.“ (Hiob 36,26) Wir erkennen, dass wir Gottes Gedanken nicht denken können, dass er der gänzlich Andere ist. „Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt?“, schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom. „Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?“ (Rö 11,34) Unser Verstand ist begrenzt, aber Gott hat sich durch sein Wort offenbart, denn er weiß, dass wir uns nach Antworten sehnen. Er weiß: Wenn Hoffnung jede Faser unseres Seins durchdringen soll, müssen wir einen Blick auf das große Bild werfen.

Warum Trinität?

15 Jahre lang verbrachte ich damit, künftige Pastoren zu unterrichten. Ich lehrte Hebräisch und Aramäisch, machte meine Schüler mit dem Pentateuch (den fünf Büchern Mose) sowie den historischen und prophetischen Büchern des Alten Testaments bekannt, vertiefte mich mit ihnen in die Poesie- und Weisheitsliteratur und gab ihnen Einblick in die Geschichte und Kultur der Welt, in der Gott sich dazu entschied, sein Wort zu offenbaren. Unterricht in systematischer Theologie war nicht meine Aufgabe, dennoch musste ich mich oft Fragen zur Natur Gottes, zur Trinität, zur Natur des Heiligen Geistes und zur Natur Christi stellen.

Dieses Thema ist heute genauso relevant wie damals zur Zeit Jesu. „Zeige uns den Vater“, bat Philippus, einer der zwölf Jünger. Mit seiner Antwort verwies Jesus in die Richtung, in die wir denken sollten, wenn wir die Gottheit besser verstehen wollen. „So lange bin ich bei euch, und du kennst mich nicht, Philippus? Wer mich sieht, der sieht den Vater! Wie sprichst du dann: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir? Die Worte, die ich zu euch rede, die rede ich nicht von mir selbst aus. Und der Vater, der in mir wohnt, der tut seine Werke.“ (Joh 14,8-10) „Pass auf, Philippus“, scheint Jesus zu sagen. „Sieh hin und hör gut zu. Siehst du mich, so siehst du den Vater.“

Wenn wir also über die Trinität nachdenken, sollten wir uns auf das große Ganze konzentrieren. Und lasst uns im Blick haben, dass alle theologischen Konzepte, die letztlich auch Auswirkung auf unser Leben haben, miteinander vernetzt sind. Fangen wir ganz von vorne an und beginnen wir mit einem Blick auf die Liebe.

Gott ist Liebe

Ohne Liebe gäbe es keine Trinität. Johannes versichert seinen Lesern: „Gott ist Liebe“ (1. Joh 4,8) – und damit Liebe wirklich Liebe ist, braucht es eine Beziehungsebene. Ich kann ein Sonett über meine Liebe zu meiner Frau schreiben; ich kann ihr zwanzig Mal am Tag sagen, dass ich sie liebe, aber diese Liebe wird erst dann real und spürbar, wenn ich ihr liebevoll begegne! Worte sind kostbar; Taten sind mächtig. Wenn der Vater, der Sohn und der Geist handeln und sprechen – ob miteinander innerhalb der Gottheit oder in Bezug auf uns, ihre Geschöpfe – lehren sie uns etwas über die Liebe.

Sie geben uns außerdem auch ein Beispiel dafür, wie unsere Beziehung zueinander in der Gemeinde Jesu und zu Gott sein sollte. Ihr gemeinsames Engagement im Heilsplan unterstreicht Gottes Vorhaben, eine rebellierende Welt zu retten. Die Erlösung war kein Gedanke, der erst später aufkam. Der dreieinige Gott wurde nicht überrascht, sondern er erwählte die Menschheit, d.h. uns alle, – durch Christus – „ehe der Welt Grund gelegt war.“ (Eph 1,4)

Gleichheit und freiwillige Unterordnung

„Am Anfang schuf Gott“ – darin sind alle drei Mitglieder der Trinität einbezogen. In 1. Mose 1,1 wird beschrieben, wie Gott Himmel und Erde machte. Der Geist schwebte über dem Nichts und der Leere einer formlosen Welt (1. Mose 1,2); und im Rückblick erfahren wir in Johannes 1,1-3, dass das lebendige Wort, Christus, ebenfalls da war. Der Vater, der Sohn und der Geist sind nicht einfach drei verschiedene göttliche Ausdrucksweisen. Sie nehmen unterschiedliche Rollen bei der Schöpfung und Erlösung wahr; dennoch sind sie gleichzeitig eins (5. Mose 6,4). Während Jesus am Kreuz hing, waren der Vater und der Geist nicht desinteressierte Beobachter, abgekoppelt von der Dramatik des Augenblicks. Engagiert und beteiligt, wie Jesus es war, erlitten sie denselben, durch unsere Sünden verursachten Augenblick der Trennung, der die Erde erbeben ließ.

Als Jesus auf dieser Erde war, zeigte er uns den Vater, und seit seiner Himmelfahrt geht der Geist denen nach, die sich nach Erlösung sehnen und innere Heilung suchen. Jesus ließ seine Gemeinde nicht ohne einen Tröster und Helfer zurück (Joh 14,16-18). Ich staune immer wieder über das nahtlose Zusammenwirken der Gottheit: Der Vater sendet; Jesus lehrt und demonstriert am Kreuz göttliche Gnade; der Geist erinnert uns an diese Gnade und kommuniziert sie in unser Leben, damit wir sie klarer verstehen können (Joh 16,7-14).

Diese Liebe des Vaters und die Gnade des Sohnes können wir durch das Wirken des Geistes in unserem Herzen wahrnehmen. Ein sanftes Flüstern, eine immer klarer werdende Überzeugung, eine frohe Gewissheit. Was würde in unseren Familien, in unseren Ortsgemeinden, in der weltweiten Gemeinde geschehen, wenn wir die Gleichheit und freiwillige Unterordnung, die den Gliedern der Gottheit zu eigen ist – wenigstens in begrenztem Maße – nachahmen könnten? Der Vater, der Sohn und der Geist sorgen sich nicht um Rang- und Reihenfolge, Sichtbarkeit oder Leiterschaft. Sie ordnen sich einander unter, um die große Mission der Rettung von verlorenen Menschen zu erfüllen.

Eine weitere Illustration, die ich oft verwende, um das Wesen der Gottheit besser zu verstehen, sind meine drei Töchter. Sie sind alle drei sehr unterschiedlich, haben jedoch denselben Nachnamen, denselben genetischen Pool – und die meisten Kindheitserfahrungen sind auch gleich. Dennoch sind alle drei einzigartige und sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Meine Frau und ich haben gelernt, dass wir mehr erreichen, wenn wir uns unsere eigenen Stärken und Fähigkeiten zunutze machen, um individuell zu ihnen durchzudringen. Die Heilige Schrift verwendet zahlreiche Metaphern, um das Wesen Gottes zu erfassen. Es gibt Situationen, in denen wir uns besser auf den Vater einstellen können, und manches andere Mal verstehen wir Gott als unseren Bruder besser. Und dann gibt es Zeiten, da brauchen wir einen Helfer oder Tröster. Die Vielfältigkeit der Gottheit ist ein Hinweis darauf, wie groß Gottes Wunsch ist, jedes Herz zu erreichen und zu verändern.

Erlösung aus uns selbst?

Das biblische Fundament für die Dreieinigkeit erinnert uns daran, dass wir Gnade dringend nötig haben. Nur ein göttlicher Erlöser kann Erlösung anbieten. Weder ein Engel noch ein geschaffenes Wesen könnte meine Stelle einnehmen. Jesus zeigte uns als der „Zweite Adam“ deutlich Gottes Liebe. Als das ewige lebendige Wort wurde er mein Stellvertreter. Diesen Platz konnte kein anderer einnehmen.

Wenn wir die Persönlichkeit des Geistes als integralen Bestandteil der Gottheit verstehen, erkennen wir, dass wir ihn nicht manipulieren können, als wäre er ein „Gegenstand“ oder eine „Kraft“. Mein Auto ist ein Gegenstand; es hat einen starken Motor und ein fortschrittliches Getriebe. Aber ich lenke ihn. Ich fahre den Wagen. Ich sitze hinter dem Steuer.

Manche Christen (Adventisten mit eingeschlossen), die den Geist für eine unpersönliche Kraft halten, sitzen gerne auf dem Fahrersitz. Sie beten um Kraft; sie wollen Wunder sehen; sie geben den Weg vor. Die Trinität erinnert uns daran, dass wir uns unterordnen müssen, dass nicht wir, sondern Gott alles lenkt und dass die Summe des göttlichen Ganzen größer ist als die Summe unseres individuellen Seins. Ich bin dankbar für dieses anschauliche Beispiel.

So verschieden, und doch eins

Ich liebe meine Frau. Ich schätze ihre Fürsorge, ihre Hingabe, ihre Kreativität und ihren Humor. Ich respektiere ihr Denken und schätze ihre Ratschläge. Oft weiß ich genau, was sie denkt, ohne dass ich mit ihr gesprochen habe (zumindest glaube ich, dass ich es weiß!).

Unser Einssein hat jedoch unsere Individualität nicht geschmälert. Wir haben viele gemeinsame Interessen und genießen es, Dinge zusammen zu tun. Wir haben über zwei Jahrzehnte investiert, um gemeinsam drei Töchter großzuziehen. Wir arbeiten auch missionarisch zusammen. Allerdings verfolgt sie gern die Neuigkeiten rund um die britische Königsfamilie (was mich absolut nicht interessiert!), während ich lese, was sich in den europäischen Fußballligen tut (was bei ihr auf Desinteresse stößt). Wir sind eins, aber dennoch verschieden!

Unser dreieiniger Gott ist ein vollkommenes Beispiel für die Liebesbeziehung, die er sich für seine Gemeinde vorstellt. Wir ordnen einander nicht unter, weil es natürlich ist, das zu tun. Im Gegenteil, seit dem Sündenfall tendieren wir stark zur Selbstsucht und sind ganz tief in unserem Inneren dreiste Egoisten. Wenn Jesus in unserem Herzen wirkt und uns verändert, können wir uns unterordnen und setzen uns füreinander ein, weil es göttlich ist, das zu tun.

Unsere aussagekräftigste Antwort auf die Frage „Trinität, na und?“ könnte folgende Tatsache sein: Erlösung ist ein „trinitarischer Plan“ oder ein „trinitarisches Konzept“. Gott hat es für uns so geregelt, dass jede Person der Gottheit ganz bestimmte Aufgaben hat. Wir tun uns nichts Gutes damit, wenn wir den geheimnisvollen, ausgeklügelten und komplexen Charakter dieses Plans ignorieren, ihn durcheinanderbringen oder ihn gar ablehnen. Gott kann so viel besser mit uns arbeiten und etwas mit uns erreichen, wenn wir seine Offenbarung annehmen, seinen Plan verstehen (oder zumindest erahnen) und in allen Einzelheiten, die er offenbart hat, mit ihm zusammenwirken. Wenn wir das tun, haben der vollkommene, zu lobende Vater, der allmächtige, Gnade schenkende Erlöser Jesus und der lebendig machende, unfehlbar lenkende und tröstende Geist wirklich die Freiheit, ihre Wunder in jedem von uns zu vollbringen.

Quellen:

  1. Hier findest du mehr Einzelheiten:
     starchild.gsfc.nasa.gov/docs/StarChild/questions/question18.html
  2. Vgl. www.esa.int/Our_Activities/Space_Science/Herschel/How_many_stars_are_there_in_the_Universe.
  3. Mehr dazu unter: ww2.kqed.org/quest/2009/02/02/a-long-and-winding-dna/
  4. ghr.nlm.nih.gov/primer/basics/dna
  5. www.census.gov/popclock
  6. Ich danke folgenden Personen, die mit mir am Thema gearbeitet haben: Richard M. Davidson (Andrews University), Ricardo A. Gonzáles und Eike Müller (beide vom Adventist International Institute of Advanced Studies), Frank Hasel (Biblical Research Institute), Gerhard Pfandl (im Ruhestand, Biblical Research Institute) und Peter van Bemmelen (im Ruhestand, Andrews University).

Buchtipp:
Ekkehardt Müller, Die Lehre von Gott (St. Peter am Hart: Seminar Schloss Bogenhofen, 2010)

Medientipp:
Vorträge vom Theologischen Symposium 2007 zum Thema „Dreieinigkeit in Bibel und Adventgeschichte“ unter www.bw.adventisten.de/medien

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