Magneten im Herzen

Paradies
Magneten im Herzen

Die menschliche Sehnsucht nach dem Paradies

Blau schimmernde Seen, eine Blumenpracht inmitten von hellgrünen Wiesen und im Mittelpunkt: die kristallähnlich leuchtende Stadt Jerusalem – auf solch tiefe und geheimnisvolle Weise gezeichnet, dass es in meinem kindlichen Herzen ungeahnte Sehnsüchte nach dem wunderbaren Ort weckte. Immer und immer wieder betrachtete ich als kleiner Junge dieses Bild. Ich gehörte zur ersten Generation, die durch die Kinderbibelserie „Menschen in Gottes Hand“ blätterte. Die ausdrucksstarken Bilder vom Himmel und der Harmonie des friedvollen Zusammenlebens von Menschen, Tieren und Jesus hatten es mir besonders angetan – ja, sie sprachen mich sogar bis ins Jugendalter an. Zusammen mit den biblischen Verheißungen weckten sie in mir ein noch stärkeres Verlangen, eines Tages unbedingt auf der Neuen Erde zu sein.

Mediale Aktivierung unserer Sehnsüchte

Als ich viele Jahre später verschiedene bekannte Formate medienpsychologisch erforschte, wurde mir klar, dass Produzenten sich Bilder wie dieser bedienen, um die erfolgreichsten Filme, (Computer-)Spiele und Werbeformate unterschwellig mit religiösen Elementen anzureichern. Mit Grafikprogrammen werden auf dem Computer Fiktionen geschaffen, die biblische Bilder aufgreifen und paradiesische Vorstellungen wecken.

Dabei sind die fiktionalen Darstellungen nicht selten mit recht negativen Grundbotschaften versehen. Nehmen wir einmal den erfolgreichsten Spielfilm aller Zeiten: Avatar – Aufbruch nach Pandora (2009). Bestimmt haben einige von uns schon von diesem Film gehört. Was viele jedoch nicht wissen: Unzählige Zuschauer bekamen im Nachhinein Depressionen oder dachten sogar darüber nach, sich das Leben zu nehmen. Wie es dazu kommen konnte? Der Film spielt im Jahr 2154 auf dem erdähnlichen, fernen Mond Pandora, auf dem Menschen Rohstoffe abbauen. Pandora ist gleichzeitig auch das Zuhause von Einheimischen, sogenannten „Na’vi“, die vor dem Eindringen der menschlichen Zivilisation in einer naturnahen, harmonischen und zum Teil paradiesischen Umgebung lebten. Die filmische Inszenierung einer nahezu perfekten Welt führte laut dem US-Nachrichtensender CNN dazu, dass allein auf der Fanseite „Avatar Forums“ über eintausend Personen in ihren Beiträgen festhielten, sie wären depressiv geworden.1

So schrieb beispielsweise ein Fan im Forum: „Seitdem ich Avatar angeschaut habe, bin ich niedergeschlagen. Die wunderbare Welt von Pandora und all die Na’vi anzuschauen, hat in mir das Verlangen geweckt, einer von ihnen zu sein. (...) Ich denke sogar darüber nach, Selbstmord zu begehen (...)“ Ein anderer Fan beschreibt seine Erfahrung mit dem Science-Fiction-Film wie folgt: „Als ich heute Morgen, nachdem ich Avatar gestern zum ersten Mal angeschaut habe, aufgewacht bin, wirkte die Welt ... grau. Es war, also ob mein ganzes Leben, alles, was ich bisher getan und wofür ich gearbeitet habe, seine Bedeutung verloren hat (...) Ich lebe in einer sterbenden Welt.“

Der Himmel gehört uns!

Ist es nicht schockierend zu lesen, dass ausgedachte Filme solche Zustände in uns Menschen bewirken können? Im Gegensatz dazu möchte Gott uns durch seine Visionen vom Himmel und der Neuen Erde motivieren, indem er nicht nur unsere Sehnsüchte anspricht und aktiviert, sondern auch gleichzeitig das Versprechen gibt, diese zu stillen!

Dieser Gedanke führte dazu, dass ich zwei Dinge erkannte: Zum einen habe ich den Eindruck, dass viele Menschen von der Traumindustrie Hollywood hinund hergetrieben werden wie Schafe ohne Hirten (s. Mt 9,36). Und ich empfinde tiefes Mitgefühl für sie, da sie durch die Medienindustrie zu fiktiven Brunnen geführt werden, die kein Wasser spenden (Jes. 55,2). Zum anderen hat die Medienwelt durch wundervolle, von Computern geschaffene Szenarien die Sehnsüchte des Menschen nach Herrlichkeit und Vollkommenheit im Griff. Doch diese Form des „religiösen Diebstahls“, die aus rein wirtschaftlichen Gründen praktiziert wird, ist mehr als hinterlistig. Denn der Himmel gehört dem Evangelium der Bibel und all denen, die daran glauben! (Offb 22,14-17). Gott schenkte unserer Welt das Evangelium, das die Botschaft vom Himmel und der Neuen Erde enthält, um unsere Sehnsüchte hier und jetzt „im Glauben“ zu aktivieren und eines Tages „im Schauen“ zu erfüllen.

Selbst Paulus verfolgte offensichtlich ähnliche Gedanken, denn in Philipper 1,23-24 (ELB) schreibt er: „Ich werde aber von beidem bedrängt: Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christus zu sein, denn es ist weit besser; das Bleiben im Fleisch aber ist nötiger um euretwillen.“ Kein Wunder, dass der Apostel so empfand. Schließlich war er von Gott bereits in den dritten Himmel entrückt worden, wo er erstaunliche Dinge gehört hatte, die für uns noch heute ein Geheimnis sind (2. Kor. 12,2-5). Ich bin mir sicher, dass er einer Herrlichkeit begegnete, die diese Welt als „Nichtigkeit“ und „Knechtschaft“ verblassen lässt. Denn schließlich ist es ein wesentlicher Teil der Frohen Botschaft, dass wir durch die Vorhersagen über die zukünftige Herrlichkeit motiviert werden und dadurch selbst die herrlichsten Schätze dieser Erde in unserem Leben an Bedeutung verlieren (Mt 6,19-20).

Übernatürliche Vollkommenheit

Eine meiner Untersuchungen ergab, dass zahlreichen aktuellen Filmproduktionen, Musikstücken, Computerspielen und Werbeformaten übernatürliche Elemente beigemengt werden.2 Eines dieser Elemente könnte man als „übernatürliche Vollkommenheit“ bezeichnen. Da diese in unserer alltäglichen Wirklichkeit nicht zu finden ist, sehnen sich die meisten Menschen – egal welcher Herkunft oder Nationalität – danach. In vielen schlummert außerdem der Wunsch nach einer übernatürlichen Rettung. Wie sonst hätte beispielsweise der Verkaufshit „Astronaut“ von Sido und Andreas Bourani 2015 so großen Erfolg in Deutschland haben können? Wenn wir uns einen Ausschnitt des Liedtextes genauer anschauen, liegt die Antwort auf der Hand:

Ich heb’ ab
Nichts hält mich am Boden
Alles blass und grau
Bin zu lange nicht geflogen
Wie ein Astronaut
(...)
Hier oben ist alles so friedlich 
doch da unten geht’s ab
Wir alle tragen dazu bei, 
doch brechen unter der Last
Wir hoffen auf Gott, 
doch haben das Wunder verpasst.

Die mediale Darstellung einer übernatürlichen Rettung vor einer „blassen und grauen“ Welt kann ganz unterschiedlich ausfallen. Ob per Raumschiff, wie in dem Lied „Astronaut“, oder über Luftballons, wie im Disney-Film Oben (2009), bleibt dem Ideenreichtum der Drehbuchautoren überlassen. Auffällig ist jedoch, dass an ausgewählten Stellen all dieser Geschichten die tiefen menschlichen Sehnsüchte nach Errettung und die Hoffnung auf eine bessere Welt geweckt bzw. angeregt werden. Doch was folgt, wenn der 30-sekündige Werbespot, der dreiminütige Songtext oder der fast dreistündige Film vorbei ist? Ein neues Lied, ein neuer Spielfilm oder ein neues Computerspiel wird fällig.

Die Methoden der Beeinflussung sind zum Teil sehr subtil. So wird etwa in vielen filmischen Darstellungen nicht irgendein Licht benutzt, sondern eine Art „überweltliches Licht“ – also ein Licht, das es so in dieser Welt nicht gibt. Ein Licht, das jedoch an vielen Stellen in der Bibel zu finden ist, so zum Beispiel, als Moses Gesicht leuchtet, als er vom Berg hinabsteigt, oder als das Gesicht und die Kleidung bei der Verklärung Jesu strahlen, und besonders in Offenbarung 22. Dort wird das Neue Jerusalem beschrieben, in dem Gott selbst über den Erlösten leuchtet.

Ich könnte noch unzählige Beispiele nennen, auf welche Weise die Medienwelten heute so etwas wie „Pseudo-Paradiese“ inszenieren, um unsere Sinne zu fesseln. Doch leider und logischerweise werden die Sehnsüchte der Menschen dabei nie wirklich und dauerhaft befriedigt.

Magneten im Herzen

Bereits Salomo erkannte diese Tatsache und schrieb in Prediger 1,15 (ELB): „Gekrümmtes kann nicht gerade werden, und Fehlendes kann nicht gezählt werden.“ Häufig scheinen wir Menschen, die „unter der Sonne“ bzw. „unter dem Himmel“ (s. Verse 13 und 14) leben, einen Ausweg aus dieser Welt zu suchen und müssen dabei immer wieder feststellen, dass das nicht möglich ist. König Salomo geht sogar einen Schritt weiter und zeigt uns, weshalb das so ist: Wir haben einen „Magneten“ in unserem Herzen, der auf die Ewigkeit ausgerichtet ist und von ihr angezogen wird. Der Vers in Prediger 3,11 (ELB) bringt es auf den Punkt: „Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk nicht ergründet, das Gott getan hat, vom Anfang bis zum Ende.“

Darüber hinaus zeigt der Apostel Paulus in Römer 8,18-23 (ELB) auf, dass sich die ganze Schöpfung nicht nur nach der Ewigkeit, sondern auch nach einer äußerlichen Herrlichkeit sehnt: „Denn ich denke, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll. Denn das sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden – nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat – auf Hoffnung hin, dass auch selbst die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit freigemacht werden wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung zusammen seufzt und zusammen in Geburtswehen liegt bis jetzt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst und erwarten die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes.“

Also gibt es tatsächlich einen zweiten „Magneten“ – und noch viele weitere – in unserem Herzen; von Gott in uns hineingelegt, um Sehnsüchte nach der Welt zu wecken, die er für uns bestimmt hat.

Freude auf den Himmel?

Als ich 1968 als fünfjähriges Kind in Deutschland ankam und mit meinem Vater den Stuttgarter Flughafen besuchte, um zum ersten Mal in meinem Leben ein Flugzeug bei der Landung zu erleben, mussten wir damals etwa eine Stunde warten, bis wir endlich einen Flieger zu sehen bekamen. Für mich war es ein unvergessliches Erlebnis, die Landung dieser großen Maschine aus nächster Nähe zu betrachten. Wenn ich an dieses Ereignis zurückdenke, frage ich mich manchmal: Ist unser Selbstverständnis als „Adventisten“ (auf Latein adventus, was „Ankunft“ bedeutet) geschrumpft? Geht es wirklich „nur noch“ um die Ankunft Jesu, auf die unser Leben ausgerichtet ist? Oder ist es unser tiefstes Verlangen, uns mit ihm zu vereinen, um ein neues Leben im Himmel in seiner herrlichen Gegenwart zu beginnen?

Ich habe in den vergangenen Jahren in zahlreichen Gemeinden zu Beginn meiner Predigt die ernste Frage gestellt: „Freut ihr euch auf den Himmel?“ Zu meinem Erstaunen musste ich in den meisten Fällen feststellen, dass sich bei dieser Frage nur bei wenigen einzelnen Geschwistern das Gesicht positiv veränderte. Ich dachte viel darüber nach und entschloss mich, mehrere Predigten über den Himmel und die Neue Erde zu halten. Die Freude der Gemeinde bestätigte meinen Entschluss. Als ich fragte, wann Geschwister die letzte Predigt über den Himmel gehört hatten, stellte ich mit Verwunderung fest, dass es schon sehr lange her war. Und auch etliche Kinder und Jugendliche in den Gemeinden erzählten mir sinngemäß: „Bojan, ich habe keine Lust auf den Himmel. Blümchen pflücken, Harfe spielen – das zieht mich nicht an. Da gibt es auf dieser Welt Dinge, die mich viel eher ansprechen.“ Haben wir verpasst, Gottes wunderbare Verheißungen mit den tiefen Wünschen und Sehnsüchten unserer Kinder zu verbinden? Wenn wir tatsächlich nicht mehr (mit Freude und Begeisterung) über den Himmel und die Neue Erde sprechen – sollten wir uns dann überhaupt noch Adventisten nennen?

Warum überhaupt? 

Weshalb war Mose bereit, die Schätze Ägyptens aufzugeben, um sich so viele Jahre mit dem störrischen Volk Israel in der öden Wüste abzumühen? Hebräer 11,24-26 (ELB) liefert uns die Antwort: „Durch Glauben weigerte sich Mose, als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter Pharaos zu heißen, und zog es vor, lieber zusammen mit dem Volk Gottes geplagt zu werden, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben, indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens; denn er schaute auf die Belohnung.“ Mose hatte die Belohnung stets vor Augen. Und wie es scheint, richtete er den Blick nicht nur auf die irdische Verheißung, in das Land Kanaan einzuziehen, sondern trug das Vertrauen auf die himmlische Verheißung Gottes in seinem Herzen (s. Hebr. 12,16-40).

Was motivierte Jesus, dass er bereit war, all die Kraft zu investieren, das Leid, die Verachtung, den Schmerz, die Folter und zuletzt den Tod auf sich zu nehmen? In Hebräer 12,1-2 gibt uns Paulus eine Antwort darauf: „Deshalb lasst nun auch uns, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, jede Bürde und die uns so leicht umstrickende Sünde ablegen und mit Ausdauer laufen den vor uns liegenden Wettlauf, indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen die Schande nicht achtete und das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.“

Jesus schaute auf die vor ihm liegende Freude. Doch es ging ihm nicht in erster Linie um den Himmel – den kannte er ja bereits von früher. Jesus schaute auf die Freude, mit uns, seinem Volk, eines Tages vereint zu werden! So bat er seinen Vater im Himmel in seinem hohepriesterlichen Gebet eindringlich: „Vater, ich will, dass die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt.“ (Joh. 17,24 ELB)

Unsere tiefste Sehnsucht scheint nicht nur auf die perfekte neue Welt und leuchtende Stadt Gottes gerichtet zu sein; sie wird erst in der Erkenntnis der Herrlichkeit dessen erfüllt, der uns erschaffen und so geliebt hat, dass er bereit war, für uns ein solch großes Opfer zu bringen. Nicht umsonst heißt es in Offenbarung 21,3 (ELB): „Sie werden sein Volk sein und er wird bei ihnen sein, ihr Gott.“ Und wer diese Welt überwindet, wird von Gott einen neuen Namen erhalten, den nur er selbst und der Schöpfer des Universums kennen (Offb 2,17). Ja, er wird mit Christus selbst auf dessen Thron regieren! Wie groß muss Gottes Sehnsucht nach uns sein, wenn er sich diese besondere Gemeinschaft mit jedem Einzelnen von uns wünscht!

Quellen:
1 http://edition.cnn.com/2010/SHOWBIZ/Movies/01/11/avatar.movie.blues/ 2 Bojan, Godina: Unsichtbare Religion des subliminalen Marketings in den Medien, Heidelberg 2007.

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