‚Geht nicht‘ – gab’s für ihn nicht

Leben
‚Geht nicht‘ – gab’s für ihn nicht

Gotthilf Lorch: Trotz Handicap für andere im Einsatz

Er wurde zwar ohne Arme und Beine geboren, dennoch hinterließ er „Fußspuren“ im Leben von Menschen. Als Gotthilf Lorch verstarb, blieb eine merkliche Lücke in der Stadt Tübingen zurück. Hannele Ottschofski berichtet, wie sich dieser Mann trotz körperlicher Einschränkung für andere einsetzte und was wir als Gemeinde von ihm lernen können.

Als Gotthilf Lorch am 28. Juni 1961 geboren wurde, wusste man noch nichts von den Nebenwirkungen des Arzneimittels „Contergan“. Als man der Mutter ihr Kind in die Arme legte, brachte sie nur ein hilfloses „Oh je“ heraus – denn es hatte weder Arme noch Beine. Als sie sich dann etwas gefangen hatte, sagte sie: „Da kann nur Gott helfen“ und gab dem Jungen den Namen „Gotthilf“ in vollem Vertrauen auf himmlischen Beistand. So hat Gott tatsächlich sein Leben gesegnet und ihm geholfen, trotz seiner Einschränkungen ein Segen für andere zu sein. Nun ist dieses Leben zu Ende gegangen, als Gotthilfs Herz am 20. Mai 2019 stehen blieb.

Am 7. Juni versammelten sich an die 300 Menschen in der Adventgemeinde Tübingen, um sich von Gotthilf zu verabschieden. Zu ihnen gehörten Familienmitglieder, der Oberbürgermeister und Stadträte der Universitätsstadt Tübingen, Vertreter der Vereine und Initiativen, in denen Gotthilf Lorch aktiv war – insbesondere das Sozialforum Tübingen e.V., AMICI e.V., der Paritätische Wohlfahrtsverband sowie Freunde, Bekannte und Wegbegleitende.

In seinen Gedenkworten blickte Pastor Markus Witte auf Gotthilf zurück als einen äußerst warmherzigen, mitfühlenden Menschen, der immer zur Hilfe für andere bereit war. Jemanden, den alle als lebensfrohe und humorvolle Kämpfernatur kennengelernt haben; der sich für Recht und Gerechtigkeit stark machte, für ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben von Behinderten eingesetzt hat. Er zeigte aber auch, was Gotthilfs Glauben ausmachte. Er glaubte an die Auferstehung, die stattfinden wird, wenn Jesus Christus wiederkommt. Diese Hoffnung trug Gotthilf im Herzen; deshalb wurde er Adventist, weil er auf die Wiederkunft von Jesus wartete.

Barrierefreier Zugang zur Gemeinde


Nach dem Studium arbeitete Gotthilf als Sozialarbeiter in verschiedenen Behinderteneinrichtungen. Ehrenamtlich war er in diversen Organisationen zur Hilfe für Behinderte tätig. Er war auch im Aufsichtsrat des Paritätischen in Baden-Württemberg, Gründungsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft „Selbstbestimmte Behindertenpolitik“ und 2008 Vorstandsmitglied im Sozialforum Tübingen e.V. Der Urlaub in Rumänien im Jahr 2000 führte ein Jahr später zur Gründung des Vereins AMICI. In Rumänien lernte er auch seine Frau Aniţa kennen.

Zu der Zeit befand sich die Adventgemeinde Tübingen in der Brunnenstraße. Es gab viele Treppen zu überwinden, um in die Gemeinde zu gelangen. Gotthilf fuhr Aniţa regelmäßig dorthin zum Gottesdienst, obwohl er selbst noch nicht Adventist war. (Ja, Gotthilf erfüllte sich den Traum, ein eigenes Fahrzeug zu lenken.) „Was ist das für eine Gemeinde?“ fragte er sich da oft. In der Gemeinde überlegten sich einige kreative Menschen, wie es möglich gemacht werden konnte, dass Gotthilf den Gottesdienst besucht. Sie besorgten mobile Aluminiumschienen, mit deren Hilfe Gotthilf trotz der steilen Steigung hinaufgeschoben werden konnte. Dort wurden Aniţa und Gotthilf auch 2002 getraut. Es war nun der Gemeinde wichtig, einen barrierefreien Zugang für Rollstuhlfahrer zu haben, und so kam der Wechsel in die Moltkestraße 2005 gelegen, wo schon eine Rampe für das Obergeschoss vorhanden war. Das Untergeschoss wurde dann auch barrierefrei zugänglich gemacht. 2007 wurde Gotthilf schließlich in der Adventgemeinde Tübingen durch Untertauchen in einem Rollstuhl getauft.

Ein Name mit Appell


Gotthilf war Pragmatiker und überlegte sich, wie er mehr erreichen könnte. So wurde er 2008 Mitglied der Partei „Die Linke“ und dann auch 2014 in den Gemeinderat der Stadt Tübingen gewählt. Als Oberbürgermeister Boris Palmer von Gotthilfs Tod erfuhr, unterbrach er die Gemeinderatssitzung für eine Schweigeminute. Es war ihm ebenfalls ein Anliegen, Abschiedsworte bei der Trauerfeier zu sprechen und auf die vielen Initiativen einzugehen, die Gotthilf eingebracht hatte, um Tübingen barrierefrei zu machen. Auch für den Oberbürgermeister war Gotthilf ein Ratgeber und Hilfe in sozialen Fragen. Er sagte, „Sein Name: ‚Gott hilf!‘ war auch ein Appell. Er zeigte, dass es möglich ist, Ziele zu erreichen, die unmöglich erscheinen. Er hat für die Stadt viel getan und hinterlässt ein politisches Vermächtnis. Gotthilf hat uns allen in diesem Leben viel gegeben. Es wird viel im Gedächtnis bleiben und die Stadt wird sein Vermächtnis weitertragen.“

Die Stadträtin Gerlinde Strasdeit betonte, wie auch Behinderte Anspruch auf Selbstbestimmtheit haben. Sie sagte, „Für Gotthilf gehörte Demokratisches, Soziales und Christsein zusammen. Alle Menschen gehören dazu. ‚Geht nicht‘ – gab’s bei ihm nicht.“

Viele Anekdoten ließen die Anwesenden in liebevoller Erinnerung lachen. Von allen interessanten Beiträgen zu berichten, ist nicht möglich, aber sein Engagement für Behinderte in Rumänien muss erwähnt werden: Mit dem Verein AMICI setzte er sich dafür ein, auf die Missstände im Umgang mit Behinderten in Rumänien hinzuweisen und er erreichte auch dort viel. Furchtlos suchte er dabei den Kontakt zu den Machthabern des Landes. Gotthilf war immer ein Antreiber und Interessenvertreter gewesen. Auch wenn sein Herz stehen geblieben ist – seine Arbeit wird weitergeführt werden.

Das Evangelium praktisch gelebt


„Denke daran,“ zitierte Gotthilfs Assistentin Laura Beck Franziskus von Assisi, „dass du beim Verlassen dieser Erde nichts mitnehmen kannst, was du bekommen hast, nur das, was du gegeben hast.“

Selten erleben wir es in unseren Gemeinden, dass so viele Besucher von außerhalb zu uns kommen. Diese Trauerfeier hat uns als Gemeinde Tübingen bewusst gemacht, wie viel Gotthilf der Gesellschaft gegeben und besonders in der Stadt Tübingen bewirkt hat. Als Gemeinden beschäftigen wir uns oft nur mit uns und vergessen, dass wir eigentlich für die Menschen in unserer Welt da sein sollten. Markus Witte sagte in einem Gespräch nach der Trauerfeier: „Wir fragen uns manchmal, ob es jemand in unserer Stadt bemerken würde, wenn es die Adventisten nicht mehr gäbe. Wahrscheinlich würden uns sehr viele nicht vermissen. Bei Gotthilf war das ganz anders; er ist für mich ein vorbildliches Beispiel eines engagierten Adventisten, der sich unermüdlich für die Menschen in seiner Umgebung eingesetzt hat. Er hat das Evangelium praktisch gelebt. Sein Tod hinterlässt eine große Lücke in der Stadt Tübingen und weit darüber hinaus.“

Wie schön wäre es, wenn jeder von uns sich so engagiert in das Leben von Menschen einbringen würde wie Gotthilf. Dann würden unsere Gemeinden einen enorm wahrnehmbaren „Fußabdruck“ im Sinne eines praktischen Christseins hinterlassen.

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