Von der Qual(ität) der Gottesdienstmusik

Gemeindemusik
Von der Qual(ität) der Gottesdienstmusik

Wie Anfänger und Profis sich die Hand reichen können

Zu schnell, zu langsam, nicht richtig abgemischt – solche Kritik ist zwar verständlich, kann jedoch Musiker und Techniker, die im Gottesdienst ihr Bestes geben, entmutigen. Während wir auf der einen Seite wissen, dass kein Meister vom Himmel fällt, wünschen wir uns doch eine gewisse Qualität im Rahmen unseres Gottesdienstes. Lässt sich dieses Spannungsfeld so einfach lösen?

Sabbatmorgen. Ich sitze in der vierten Reihe und warte auf den Beginn des Gottesdienstes. Endlich ergreift jemand das Mikro und möchte die Gemeinde begrüßen. Doch das Mikro ist noch nicht eingeschaltet. Nach dem dritten Begrüßungsversuch zuckt die Gemeinde zusammen: Ein ohrenbetäubender, übersteuerter Ton aus den Lautsprechern erschlägt die Versammlung und macht allen bewusst, wozu die Soundanlage sonst noch so imstande ist. Viele meiner Geschwister, ich miteingeschlossen, drehen den Kopf, um dem armen Bruder hinter dem Mischpult einen verärgerten Blick zuzuwerfen, bevor der Gottesdienst beginnt.

Das erste Lied wird angekündigt: „Seliges Wissen, Jesus ist mein.“ Es ist eines meiner absoluten Lieblingslieder. Vom Pult wandert mein Blick zum Pianisten, der heute eingeteilt ist. Meine Vorfreude auf das zu singende Lied verwandelt sich in Ernüchterung. Allzu selig wird der Gesang heute nicht klingen, denn die Pianistin ist bekannt dafür, Lieder eher zu langsam und ohne Frische anzuspielen ... Nachdem die Gemeinde sich durch die drei Strophen gequält hat und der letzte Ton verklungen ist, atme ich auf – es ist geschafft.

(Un)erreichbare Ideale?

Jeder regelmäßige Gemeindebesucher kennt wohl diese Situationen. Gleichzeitig ist mir aber auch die andere Seite nicht fremd: Ich weiß, wie ist es, die Gemeinde am Klavier zu begleiten und selbst nicht zu bemerken, dass ich ein Lied viel zu langsam spiele. Ich habe Freunde, die sich mit einer unzulänglichen Gemeindetechnik herumschlagen und versuchen, mit dem Wissen, das sie haben, ihr Bestes zu geben. Man hat schon einiges hinter sich: Die eigene Begeisterung über ein Lied, welche ein Pianist gerne durch Lautstärke auszudrücken wünscht, kommt beim Publikum ebenso wenig gut an, wie der Wunsch des Gemeindetechnikers, die veraltete Gemeindetechnik durch kreative Abmisch-Maßnahmen zu zähmen.

Für den Gottesdienstbesucher wie auch für denjenigen, der sich aktiv einbringt, bleibt es eine Herausforderung, jenes Profil perfekt auszufüllen, welches die Gemeinde beispielsweise durch den Rahmen eines Gottesdienstes vorgibt. Oft muss man auf der einen oder der anderen Seite Abstriche machen, so dass es zu Kritik kommt. Und die kann sehr entmutigend sein, wenn man sich für Gott einbringen und sein Bestes geben möchte. Dass niemand als Meister geboren wird, wissen wir. Doch während wir die Ansicht vertreten, dass man Gott im Gottesdienst, vor allem auch im Bereich der Musik, das Beste geben sollte, müssen Anfänger gleichzeitig in ihre Aufgaben hineinwachsen. Wie löst man diese Spannung?

Eines liegt auf der Hand: Um einen Kompromiss aus beidem wird man in der Gemeinde nicht herumkommen. Die Gemeinde ist kein Musikkonservatorium, in welchem sich nur professionelle Musiker ausleben dürfen – sie ist für alle da. Und zudem gibt es einfach nicht genug studierte Audioengineers („Tonmeister“), die sich sabbats um die Abmischung des Klangs unserer Gemeinden kümmern, so dass wir auf all die Hobbytechniker verzichten könnten. Man könnte im Bereich der Musik noch viele weitere Ideale hinzufügen, die noch weit entfernt scheinen: Wir wünschen uns mehr adventistische Lieder, aber es gibt nicht genug Komponisten und Textdichter (mit und ohne Ausbildung), die uns ein perfektes Lied abliefern, um dieses in einem Gemeindeliederbuch abzudrucken. Wir sehnen uns nach einer besseren Darbietung der Musiker, müssen aber feststellen, dass diese oft erst mit der Praxis kommt.

Für Entspannung sorgt in diesen Spannungsfeldern nur die Bereitschaft der Gegenpole, kompromissbereit aufeinander zuzugehen. Der Gemeinde wird es nicht guttun, wenn studierte Musiker nur noch mit anderen Musikern auf ihrem Niveau musizieren. Andererseits muss auch ein Rahmen geschaffen werden, in welchem Profis die Möglichkeit haben, ihre Kompetenzen mit anderen zu teilen, damit diese besser werden können. Das gilt insbesondere für den gottesdienstprägenden Bereich der Musik, in den auch die Audiotechnik stark mit hineinspielt. So muss ein Musiker die für ihn oft ernüchternde Einsicht finden, dass er seinen künstlerischen Part perfekt beherrschen kann – doch ohne eine gute Abmischung wird seine Professionalität in einer Suppe aus sich überlagernden Frequenzen ertrinken – was für ein geschultes Ohr einfach nicht schön klingt.

„inTune“: Voneinander und miteinander lernen

Musik schenkt uns die Möglichkeit, einander die Hand zu reichen und als kreative Köpfe nicht allein, sondern gemeinsam etwas zu erschaffen, was nachher zur Ehre Gottes dargebracht wird. Profis und Anfänger, Musiker und Techniker sollten ihren Beitrag hierzu bringen dürfen. Diese unterschiedlichen Gruppierungen müssen lernen, miteinander zu kommunizieren, den Input des Anderen ernst zu nehmen und zu berücksichtigen. Musik wird dadurch zu einer deutlich vielseitiger gestalteten Anbetungsform.

In der Baden-Württembergischen Vereinigung gibt es einen Arbeitskreis, der sich mit der Organisation einer einzigartigen Veranstaltung auseinandersetzt, welche im Herbst 2018 zum ersten Mal stattfand. Bei „inTune“ (dt.: „im Einklang“) reichten sich Profis und Anfänger die Hand und lernten voneinander, Wissen weiterzugeben oder das eigene Talent auszubauen. Techniker gaben für Musiker wichtige Informationen in Bezug auf Studioproduktionen weiter und sensibilisierten sie für relevante Inhalte bei der Live-Performance. Das Feedback am Ende der Veranstaltung war deutlich: Es muss wieder stattfinden – das Konzept muss erweitert und verfeinert werden.

So arbeitet der Jugendmusik-Arbeitskreis gegenwärtig an der Vorbereitung einer neuen Auflage von „inTune“. Vom 23. bis 26. Februar 2019 werden sich junge Musiker und Audiotechniker wieder im Haus Schwarzwaldsonne in Freudenstadt treffen, um zu schulen oder sich schulen zu lassen. Innerhalb verschiedener Module, welche den jungen Erwachsenen zur Auswahl stehen, sollen Workshops angeboten werden, mit denen sie ganz praktisch ihre Kompetenzen entdecken oder erweitern können. Hier bekommen ausgebildete Musiker und Techniker unserer Gemeinde die Möglichkeit, in kompakter Form hilfreiche Tipps weiterzugeben, wie die Qualität unserer musikalischen Darbietungen noch besser werden kann. Ziel ist es, dass die Besucher der Workshops ihr neu erlerntes Wissen mit in ihre Heimatgemeinde nehmen und dort nicht nur umsetzen, sondern ebenfalls an die Musiker vor Ort weitergeben – mit dem Ziel, das Anbetungsformat „Musik“ mit neuer Qualität zu beleben.

Info:
Jugend-Musik-Akademie „inTune“
23.-26. Februar 2019
Haus Schwarzwaldsonne, Freudenstadt
Anmeldung unter: www.bw.adventjugend.de/events 

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