Brücken statt Barrieren bauen

Interview
Brücken statt Barrieren bauen

Interview mit David Asscherick und Ty Gibson

Als Gottes Endzeitgemeinde sind wir heutzutage mit vielerlei Herausforderungen konfrontiert, wenn es darum geht, Menschen in einer säkularen Umgebung mit der adventistischen Botschaft zu erreichen. David Asscherick, Evangelist und Pastor sowie Mitbegründer der Missionsschule ARISE (Australien), und Ty Gibson, Pastor und stellvertretender Leiter des Missionswerks „Light Bearers“ (USA), haben ihre Erfahrungen dazu mit uns in einem Interview geteilt.

Interview mit David Asscherick

David, während der Predigt beim diesjährigen Youth in Mission Congress hast du den Zuhörern deine Tattoos gezeigt. Einige waren sicher überrascht. Wie kam es überhaupt dazu, dass du Pastor wurdest?

Der Grund, warum ich Tattoos habe, ist, dass ich früher in Punk-Rock Bands gespielt habe. Außerdem war ich ein Skateboarder. Und in dieser Punk-Rock-Skateboard-Kultur gehörten Tattoos einfach dazu. Ich ernährte mich außerdem vegan – nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern vielmehr wegen des Tierschutzes. Eines Tages eröffnete ein veganes Restaurant in meiner Heimatstadt. Die Leute, denen das Restaurant gehörte, waren Siebenten-Tags-Adventisten. Das wusste ich zu der Zeit nicht; ich hatte auch noch nie von so jemandem gehört.

Um die Geschichte kurz zu machen: Ich freundete mich mit den Leuten an, denen das Restaurant gehörte, und sie gaben mir das Buch Der Große Kampf. Ein Jahr später las ich es innerhalb von zwei Wochen durch – und es warf mein Leben förmlich aus der Bahn....aber es rettete mein Leben gleichzeitig. Bereits acht Monate später, im Jahr 1996, wurde ich getauft. Damals war ich 23 Jahre alt und hatte an der Universität Wyoming gerade mein Medizin-Studium begonnen.

Hast du dann deine Pläne direkt verworfen, weiter Medizin zu studieren?

Nein, nicht wirklich. Der Plan war, ein Jahr Auszeit zu nehmen, um auf einer kleinen Missionsschule die Bibel zu studieren und meinen Glauben zu vertiefen. Glücklicherweise eröffnete damals in meiner Stadt gerade eine kleine Missionsschule namens „Black Hills Mission College of Evangelism“. Für mich war es letztendlich sehr interessant, auf diese Schule zu gehen (lacht), weil der Schwerpunkt wider Erwarten darauf lag, wie man anderen bei-
bringt, was die Bibel lehrt. Deshalb wurde das in vielerlei Hinsicht ein integraler Bestandteil meines Lebens.

Ich würde es so sagen: Mein Christsein war niemals getrennt von einem starken Verlangen, anderen davon zu erzählen und ihnen die biblischen Wahrheiten zu erklären. Von Anfang an war das ein Teil meines Glaubenslebens. Der Plan war immer, an die Universität zurückzukehren. Aber das passierte nie. Und jetzt, 17 Jahre später, bin ich immer noch in meiner Uni-Pause (grinst).

Denkst du, dass es die „effektivste“ Methode gibt, um Menschen in einer säkularen Umgebung zu erreichen? Wie ist deine Erfahrung diesbezüglich?

(denkt nach) Naja... das Patentrezept, um egal wen zu erreichen, lautet: Zeit, Wahrheit und Vertrauen. Es braucht Zeit, um Beziehungen aufzubauen. Man braucht Möglichkeiten, um die Wahrheit ins Spiel zu bringen – und was ich mit Wahrheit meine, ist in erster Linie Jesus, der die Wahrheit ist – und man entwickelt letztendlich Vertrauen zu den Menschen. Das ist der Schlüssel. Es gibt kein Patentrezept für säkulare Menschen nach dem Motto: Wenn wir ein bestimmtes Programm aufstellen, eine tolle mobile App oder eine bestimmte Webseite gestalten, dann werden auf einmal säkulare Menschen zu uns strömen. Das funktioniert so nicht. Die Verkündigung des Evangeliums begann damit, dass Menschen mit anderen Menschen redeten. Der menschliche Aspekt ist absolut wichtig und unentbehrlich. Deshalb müssen unsere Gemeinden zu Orten werden, die nicht um eine Institution, Kultur oder Tradition gebaut sind. Sie müssen zu Orten werden, in denen echtes Engagement und Interaktion unter Menschen stattfindet.

Hast du denn selbst die Zeit und Möglichkeit dazu, so nah an den Leuten zu sein und das zu praktizieren?

Oh ja, auf jeden Fall! In unserer Gemeinde bieten wir kleine Gruppen, sogenannte „Growth Groups“ (Gruppen des Wachstums) an. Dabei treffen sich die Gruppenmitglieder ein Mal in der Woche zu verschiedenen Aktivitäten. Ich leite zum Beispiel eine solche Gruppe und bringe Leuten bei, wie man Fotos macht. Außerdem habe ich eine Laufgruppe und eine Fahrradgruppe – das kann man mit allen möglichen Aktivitäten tun: Buch-Club, Bibelstudium, Antidepressionskurs, Kochschule usw. Wir bieten geistliche Gruppen, aber auch Sportgruppen an – insgesamt vier Mal neun Wochen im Jahr. Dort sind in der Regel zwischen 10 und 18 Leute, mit denen man wirklich Kontakt knüpfen kann.

Meine Gemeinde hat fast 500 Glieder, die sich am Sabbat versammeln; und in einer Gruppe von solcher Größe kommt man höchstens dazu, zu sagen: „Hey, wie geht’s?“ – „Gut, gesegneten Sabbat dir“ – „Dir auch einen gesegneten Sabbat.“ Und dann geht man weiter. Wenn man gefragt wird, wie es einem geht, sagt niemand: „Weißt du, ich habe gerade wirklich zu kämpfen... – ich brauche dein Gebet.“ Das passiert einfach nicht. Aber sobald man zehn oder zwölf Leute in einem Raum hat, beginnen sie sich zu öffnen. Sie sind ehrlich und gehen das Risiko ein, sich verletzlich zu machen.

Ich als Pastor leite mindestens zwei oder drei solcher Gruppen. Es findet immer bei uns zu Hause statt – außer natürlich die Laufgruppe, man kann schließlich nicht im Wohnzimmer umherrennen (schmunzelt). Und ich liebe es, Leute bei mir zu Hause zu haben. Wir lachen und essen zusammen, wir weinen zusammen. Das ist der Ort, wo echtes Christsein stattfindet.

Wie können wir deiner Meinung nach Gottes Auftrag als Endzeitgemeinde ganz konkret erfüllen?

Zunächst einmal sollten wir Wahrheit anerkennen und bekräftigen, wo auch immer wir ihr begegnen. Wenn der Papst etwas sagt, womit er Recht hat, sollten wir am lautesten „Amen“ dazu sagen. Wenn ein Baptist etwas sagt, das wahr ist, sollten wir diejenigen sein, die am lautesten „Amen“ sagen. Wir scheinen als Adventisten manchmal so unsicher über unsere Identität zu sein, dass wir das Gefühl haben, wir könnten niemand anderem zustimmen, weil wir Angst haben: „Ohoh... die Leute könnten davonrennen und Baptisten oder Katholiken werden!“ Niemals ... das ist eine verrückte Unsicherheit. Jede Wahrheit ist Gottes Wahrheit. Und zu oft bauen wir Barrieren statt Brücken.

Es gibt viele in der christlichen Welt, die sich derzeit „adventistischen Positionen“ annähern, zum Beispiel über den Zustand der Toten. Biblische Wahrheiten wie diese sind kein geschütztes Eigentum der Siebenten-Tags-Adventisten. Sie gehören uns nicht! Und wenn ein Baptist anfängt zu sagen, dass man, wenn man stirbt, in den Todesschlaf fällt und auf die Auferstehung wartet, dann sage ich „Halleluja“. Und diese Person wird vielleicht niemals Adventist werden, aber für mich ist das fast irrelevant, wenn sie an die adventistische Botschaft glaubt. Ich denke, die Antwort auf deine Frage ist: Wir müssen Brücken bauen, wo auch immer wir das bewusst tun können. Denn dieser Auftrag ist so groß. Und wir wissen, dass viele aus Gottes Volk Teil anderer Gemeinschaften sind, denn in Offenbarung 18 heißt es: „Kommt heraus aus ihr, mein Volk!“

Interview mit Ty Gibson

Ty, in deinen Predigten betonst du häufig Gottes Liebe als zentrales Thema der Bibel. Wie erlebst du persönlich Gottes Liebe in deinem täglichen Leben?

Bei mir ist es so, dass alles immer vom Kopf ins Herz wandern muss. Es gibt die rationale und die emotionale Dimension. Und jede meiner emotionalen Reaktionen Gott gegenüber kommt durch das zustande, was ich von ihm lerne. Deshalb müssen Emotionen durch rationale Informationen gespeist werden, damit sie richtig und wahr sind. Das bedeutet, dass ich Gottes Liebe durch den Prozess des Studiums und Nachsinnens erfahre, um aus seinem Wort mehr darüber zu lernen, wie Gott denkt, fühlt und handelt. Gottes Charakter näher kennenzulernen, führt dazu, dass meine Liebe zu ihm wächst.

Hat das einen Einfluss auf deine Arbeit als Evangelist und darauf, wie du Menschen zu Jesus führst?

Ja, denn wenn ich anderen vom Evangelium erzähle, versuche ich zum Herzen der Menschen durch ihren Verstand zu sprechen. Das heißt, ich versuche in der Vorstellung der Leute ein Bild zu erschaffen, ein Konzept, eine Idee, eine Geschichte, die sie mit sich in Verbindung bringen können – um dadurch ihr Herz zu erreichen. Für mich ist das der effektivste Weg, um Seelen für Christus zu gewinnen. Auch Jesus nutzte diese Methode. Er war ein Geschichtenerzähler. Er versuchte immer wieder, Verbindungen in den Köpfen der Leute zu schaffen zu Dingen, die sie kannten, damit sie durch diese Verbindung höhere geistliche Wahrheiten verstehen konnten.

Denkst du, dass das vielleicht eines unserer Probleme als Adventisten ist und dass wir uns zu sehr auf die rationale Seite des Evangeliums konzentrieren?

Es geht nicht so sehr darum, dass wir zu rational sind, sondern dass wir rational sind in eine falsche Richtung. Mit anderen Worten: Natürlich müssen wir rational sein, aber wir müssen rational dabei sein, den Charakter Gottes zu verstehen und nicht nur Fakten über Gott. Es liegen Welten dazwischen, etwas über Gott zu wissen und Gott zu kennen. Ellen White macht eine Aussage, die in einem Satz sehr gut zusammenfasst, wie wir die Bibel studieren sollten. Ihr zufolge ist die Bibel „das Buch, das den Charakter Gottes offenbart“. Doch wenn wir als Adventisten dieses Buch lesen, schauen wir selten darauf. Wir suchen nicht nach Gott, sondern nach dogmatischen und theologischen Fakten, um jemandem zu beweisen: „Das ist richtig, das ist falsch“, „Das trifft zu, das nicht“, „Wir haben die Wahrheit, ihr seid Babylon“. Dieser ganze Ansatz ist kontraproduktiv und nicht wirkungsvoll. In Wirklichkeit stößt dieser Ansatz Menschen entweder ab, sodass sie sich abwenden, oder es macht sie zu Pharisäern.

Was sind aus deiner Sicht die Herausforderungen, mit denen wir als Gemeinde am meisten zu kämpfen haben?

Die größte Herausforderung, mit der wir als Gemeinde konfrontiert sind, ist unsere Theologie. Wir streiten und debattieren über Dinge, die nicht essentiell sind und ignorieren dabei das, was wirklich wichtig ist. Jesus sagte damals über die Pharisäer etwas, was er heute – wie ich glaube – über viele Adventisten sagen würde. „Ihr siebt euer Wasser durch, damit ihr nicht aus Versehen eine Mücke verschluckt, und dann verschluckt ihr ein Kamel!“ (Mt 23,24, NL). Im Grunde sagte er: „Ihr seid solche Eiferer, wenn es um kleine unbedeutende Dinge geht, aber ihr ignoriert die wichtigeren Aspekte des Gesetzes.“ Und dann zählte er sie auf: Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit. Das oberste Gebot ist es, Menschen zu lieben. Doch wir tendieren dazu, Barrieren zu den Leuten aufzubauen. Sie müssen sich belehren und korrigieren lassen, um ihr Leben in Ordnung zu bringen. Innerhalb vieler unserer Gemeinden müssen sie das und jenes tun, damit wir sie annehmen.

Du hast das Medienprojekt www.digma.com ins Leben gerufen. Denkst du, dass wir auf diese Weise Menschen am besten erreichen werden?

Ich glaube stark an das Konzept, Dinge in einen Kontext zu setzen. Wir müssen lernen, die Sprache der Leute zu sprechen. Nicht die Sprache im Sinne von Deutsch, Englisch oder Japanisch – wir müssen die kulturelle Sprache der Menschen sprechen, die wir zu erreichen versuchen. Es ist ein komplett falscher Ansatz, eine Sprache zu benutzen, die die Leute nicht einmal verstehen können. Wir leben in einer Kultur, die sehr reich an Medien ist. Wir sind umgeben von sehr kreativen und guten Büchern, Video- und Musikproduktionen. Die Gemeinde sollte ganz vorne mit dabei sein und mit der Welt draußen auf eine Weise kommunizieren, die aussagekräftig und bewegend ist. Deshalb ist eines meiner Projekte www.digma.com. Diese Videos sind sehr reich an Bildern und das Drehbuch basiert auf Geschichten. Das heißt, ich wende mich nicht an die säkulare Welt mit einer Bibel in der Hand und sage: „Nun, Freunde, schlagt mit mir die Bibel auf!“ Viele von ihnen wissen nicht einmal, was die Bibel ist. Sie haben keine Bibel und kennen sich damit nicht aus. Und Christentum bedeutet in ihrem Wortschatz etwas Negatives. Nein, ich will sie erreichen, indem ich ihnen zum Beispiel erzähle: „Hey, ich war mal im Flugzeug und unterhielt mich dort mit einer Person, die das und das sagte. Und ich sagte dann dies und jenes; und dann sind wir zu dem und dem Ergebnis gekommen.“ In dem Fall hören die Leute eine Geschichte von einem Typen, der im Flugzeug jemanden traf. Jetzt hören sie zu. Deshalb müssen wir uns als Siebenten-Tags-Adventisten die Frage stellen: Wollen wir, dass uns die Leute zuhören? Oder sprechen wir nur, um unsere eigene Stimme zu hören? Sprechen wir zu ihnen oder zu uns selbst? 

Deine Bibelstudienserie „Truth Link“ wurde kürzlich auch ins Deutsche übersetzt. Was ist neu und besonders daran?

Die „Truth Link“-Bibelstudienanleitung beinhaltet eine völlig neue Umrahmung der adventistischen Glaubenspunkte. Nehmen wir als Beispiel den Sabbat. Unser traditioneller Ansatz seit über hundert Jahren ist in allen unseren Bibelstudienserien, Vers für Vers in der Bibel zu lesen, um am Ende zu beweisen, welcher Tag richtig und welcher falsch ist: Samstag, nicht Sonntag. Das ist unser Ziel. Und wenn wir das erst bewiesen haben, fragen wir, ob die Person das annehmen will. „Lass uns mit einem Gebet abschließen. Nächste Woche ist die Taufe.“ Bei der „Truth Link“-Bibelstudienserie ist das Ziel, zu zeigen, dass der Sabbat ein Gedenkstein für ein abgeschlossenes Schöpfungs- und Erlösungswerk durch Christus ist. So können wir nicht nur physisch ruhen von körperlicher Arbeit, sondern auch psychisch und emotional von unseren Anstrengungen, Gott zu gefallen. Auf diese Weise lehrt uns der Sabbat die Botschaft des Evangeliums. Das ist der Schlüssel: Der Sabbat ist ein Fenster zum Evangelium. Das gleiche gilt für den Zustand der Toten, das Gericht, die Zehn Gebote oder die Drei-Engels-Botschaft. Jeder unserer Glaubenspunkte kann entweder auf wesentliche Fakten reduziert werden, die die Menschen in eine intellektuelle Unterwerfung pressen, oder diese Wahrheiten können erhoben werden zu wunderschönen Fenstern, die Einblicke in Gottes Liebe gewähren. In der „Truth Link“-Serie gibt es 27 Themen, und dennoch gibt es nur ein Thema – die Liebe Gottes, offenbart in Jesus Christus.

Interview mit David Asscherick und Ty Gibson vom 26.03.2016, niedergeschrieben, gekürzt und übersetzt von Magdalena Lachmann.

Info: Bestellung der „Truth Link“-Bibelstudienserie über www.adventjugend.de/truthlink

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