Luther und der Antichrist

Reformation
Luther und der Antichrist

Ein historischer Rückblick

Um das Jahr 1500 hatte das Papsttum sich selbst in ein schlechtes Licht gerückt. Der Gang nach Canossa (11. Jh.), die Kreuzzüge (11.-13. Jh.) sowie das große päpstliche Schisma (14.-15. Jh.) hatten das weltliche Machtstreben Roms mehr als deutlich werden lassen. Um Roms Macht zu stärken, dienten nicht nur die Angst vor der Hölle, sondern auch monumentale, Ehrfurcht gebietende Bauwerke.1 Fast alle Renaissancepäpste waren durch Bestechung ins Amt gekommen.2 Es scheint, als ob das päpstliche System als Stellvertreter Gottes auf Erden selten irdischer gewesen wäre als in dieser Zeitenwende.3 Der katholische Historiker Joseph Lortz fasst zusammen: „Die Reformation war unvermeidlich, die katholische Kirche ist schuldig am Verfall der damaligen Christenheit.“4 So dachte der junge Martin Luther natürlich nicht, noch lange nicht! Er verehrte den Papst und die römische Kirche als von Gott eingesetzt. Es war ein jahrelanger Prozess, der ihn zu einer anderen Sichtweise führen sollte.5

Erste Zweifel an Rom

Bei seiner Romreise 1510 wurde Luther der Formalismus innerhalb der Kirche zum Anstoß. Das Tempo, mit dem „rips raps die Messe abgehalten wurde, „als wäre sie ein Gaukelspiel“6, widerte ihn an. Beim ersten Anblick der „Heiligen Stadt“ rief er noch: „Sei gegrüßt, heiliges Rom“, später schrieb er: „Ist irgendeine Hölle, so muss Rom darauf gebaut sein; denn da gehen alle Sünden im Schwang.“7 Schon hier begann in ihm ein Sinneswandel8 und seit etwa 1515 erschien ihm eine Reformation der Kirche immer dringender.9

Die Konsequenzen seines sogenannten Turmerlebnisses (zwischen 1512 und 1517), der Wiederentdeckung des Evangeliums als der Erlösung allein aus Gnade ohne Werke, waren Luther nicht sogleich aufgegangen.10 Erst mit der Zeit wurde ihm deutlich, dass das Evangelium den unbiblischen Heilsweg der römisch-katholischen Kirche aufdeckte. Mit seinen Messen, Priestern und der Heiligenverehrung war ein System geschaffen worden, das sich an die Stelle Christi setzte und somit antichristlich war (siehe 2 Thess 2,3-4; Dan 8,9-14).

Die Auseinandersetzung mit dem Papsttum setzte dort an, wo der biblische Glaube am schlimmsten entstellt worden war: beim Nachlass der zeitlichen Sündenstrafen. Während Jesus Vergebung übte, forderte die römisch-katholische Kirche dazu auf, Sünden durch gute Werke zu sühnen. Zuweilen wurde auch der Ablass als völliger Nachlass der Sünde verstanden, den man nicht nur mit Werken, sondern auch mit Geld erwerben konnte. Ablassurkunden wurden zum Freibrief, lebenslang weiterzusündigen.11 Die Kirche hatte die Gnade Gottes zu einem Handelsgut herabgewürdigt12 und war längst ein riesiges Kaufhaus geworden.13

Eine wachsende Überzeugung

1517, als die 95 Thesen angeschlagen wurden, ging Luther noch fest davon aus, dass der Papst nichts von diesen Missständen wusste14 (These 50, 55, 70 und 91), im Gegenteil: Er rief ihn sogar als oberste Instanz an (These 73 und 74), weil die gotteslästerlichen Anmaßungen der Ablasskrämer ihn mit Entsetzen erfüllten.15 Er schrieb später: „Ich war so trunken, ja beinahe ertrunken in den Lehren des Papstes, dass ich ganz und gar bereit gewesen wäre …, alle zu töten …, welche auch nur mit einer Silbe den Gehorsam gegenüber dem Papst verweigerten.“16

Bereits im Februar 1518 verfasste Luther Erläuterungen zu den 95 Thesen, die über seine ursprünglichen Aussagen hinausgingen. Er bestritt zum Beispiel, dass ein Sakrament durch bloßen Vollzug wirke und gerecht mache, womit er den mittelalterlichen Sakramentsbegriff völlig umwarf.17

Im Herbst 1518 belehrte Kardinal Cajetan Luther in einem Verhör in Augsburg darüber, dass der Papst über der Bibel und jedem Konzil stehe.18 Der Streit um den Ablass entwickelte sich hier zu einer Grundsatzfrage über die päpstliche Autorität. Luthers Zweifel am Papsttum wurde größer,19 obwohl er auch jetzt noch ein Befürworter der römischen Kirche blieb.

Als der Pontifex knapp einen Monat später eine Urkunde über den Ablass verfassen ließ, in der bestätigt wurde, dass der Papst Sünden vergeben und zeitliche Sündenstrafen erlassen könne (widerspricht These 6 und 22), hatte die Kirche eine Grundlage dafür geschaffen, gegen Luther vorzugehen.20

Im Nachdenken darüber, wer der wahre Antichrist sei, kam Luther zu folgendem Ergebnis: „Ich glaube, inzwischen nachweisen zu können, dass Rom schlimmer ist als die Türken.“21 Ende 1518 wird diese Erkenntnis für ihn immer mehr zur Gewissheit.22 Johannes Eck trat Luther 1519 mit der Überzeugung entgegen, dass allein der Papst befugt sei, die Heilige Schrift auszulegen. Damit drängte er Luther dazu, die Heilsnotwendigkeit des päpstlichen Primats und die Irrtumslosigkeit der Konzilien zu leugnen. Luther entgegnete, dass der Papst, wenn er über der Schrift stünde, schlimmer als Luzifer und alle Ketzer sei, die nur die Gleichheit mit Gott gesucht hätten, aber nicht die Herrschaft über ihn.23 Durch solche Aussagen sah Eck Luther als Ketzer überführt24 und in einer Linie mit Hus. Er erwirkte nun in Rom den Bann über Luther.

Aus dem Streit über das Ablasswesen und die Erlösungslehre war ein zweiter, noch grundsätzlicherer Widerspruch erwachsen, der an den Grundfesten der Papstkirche rüttelte. Es ging darum, ob die Bibel oder Päpste und Konzilien Glaubensgrundlage des Christen sind.25

Die Erkenntnis wird zur Gewissheit

Als Luther die Schriften von Johannes Hus studierte, schrieb er 1520: „Er ist, wie die ganze Christenheit, Opfer eines umfassenden Betrugs geworden ... Ich habe unbewusst bisher alle seine Lehren vorgetragen und behauptet ... Wir sind alle Hussiten, ohne es zu wissen.“26 Als Luther wenige Tage später Ulrich von Huttens Edition der angeblichen Konstantinischen Schenkung von Laurentius Valla „De donatione Constantini“27 in die Hand bekam und die Unechtheit der Urkunde erkannte, fügte sich für ihn eins ins andere. Am 24. Februar 1520 schrieb er: „Ich bin so in Ängsten, dass ich fast nicht mehr zweifle, der Papst sei recht eigentlich der Antichrist, den die Welt erwartet: so sehr passt hierzu all sein Leben, Tun, Reden, Beschließen.“28 Luthers Fazit: „Lieber Gott, was ist das für eine Finsternis, eine Schändlichkeit, in der uns die Römlinge halten ... Lauter unreine, widerwärtige, unverschämte Lügen sind an die Stelle von Glaubensartikeln getreten. Die Botschaft läuft auf diesen einen Satz hinaus: Ich habe inzwischen keinerlei Zweifel mehr, dass der Papst selber jener Antichrist ist, mit dem die Welt schon lange rechnen muss.“29 Zu dieser Zeit fiel es Luther schwer, zu begreifen, wie er je dem römischen Aberglauben anhängen konnte.30

Der endgültige Bruch mit Rom

Am 15. Juni 1520 wurde die Bannandrohungsbulle „Exsurge Domine“ veröffentlicht. Doch Luther scheute den Konflikt nicht und kritisierte weiterhin den antichristlichen Autoritätsanspruch des Papstes, Priester und Sakramente. Mit der demonstrativen Verbrennung der päpstlichen Bulle im Dezember 1520 vollzog er den endgültigen Bruch.31 Luther bekannte, sich über keine Tat in seinem Leben mehr gefreut zu haben.32 Am 3. Jänner 1521 wurde Luther durch eine neue Papst-Bulle als Häretiker deklariert und exkommuniziert.

Natürlich gab und gibt es nach wie vor viele aufrichtige Christen innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Papst Franziskus selbst ruft unaufhörlich zu Gerechtigkeit und Solidarität mit den Armen und Schwachen dieser Welt auf und setzt sich vorbildhaft für Frieden und Religionsfreiheit ein. Was ihre Lehren angeht, hat sich die heutige Papstkirche allerdings nur noch weiter von den Grundsätzen der Bibel entfernt (z. B. Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens, 1854, oder der Unfehlbarkeit des Papstes, 1870). Sie tritt heute anders auf, spricht auch von „Missverständnissen der Geschichte“ usw., hat sich aber im Wesen nicht verändert (Semper eadem). Auf die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung mit dem Lutherischen Weltbund (1999) folgte die Ankündigung eines vollkommenen Ablasses (2000).

Auch wenn die römisch-katholische Kirche scheinbar Zugeständnisse macht, um die Lutheraner wieder näher zu sich zu ziehen,33 so bleibt doch bis heute deutlich, dass die Dogmen der römisch-katholischen Kirche nicht geändert werden können. Was einst gesagt wurde, hat für immer Bestand.34

Die evangelische Kirche hingegen hat als offizieller Nachfolger Luthers dem Anspruch des Papsttums kaum noch etwas entgegenzusetzen. Wenn noch der Reformator sich immer wieder vollends auf die Bibel berief und bezeugte, dass sein Gewissen an Gottes Wort gebunden ist (z.B. Worms 1521)35, so ist heute von seinem Glaubensinhalt nicht mehr viel übrig geblieben. Schauen wir beispielsweise in das evangelische Kursbuch für Religion für die neunte und zehnte Klasse, fällt die Tatsache, dass Jesus Christus auf unsere Erde kam, für uns starb und wieder auferstand, unter die Kategorie „Mythos“.36,37

Doch was bleibt von der biblischen Botschaft überhaupt übrig, wenn wir solch zentrale Glaubenspunkte streichen? Entwicklungen wie diese zeigen, dass die Adventgemeinde mit ihrer bibelzentrierten Botschaft nach wie vor ihren besonderen Auftrag hat und die biblische Identifikation des Antichristen auch in der Gegenwart nichts von ihrer Relevanz verloren hat.

Quellen:

1 Gregorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter vom V. bis zum XVI. Jahrhundert. Band III, 2, 67. 2 Willi Winkler, Luther. Ein deutscher Rebell. Berlin, Rowohlt, 2016, 17. 3 Ibid., 19. 4 Joseph Lortz, Die Reformation in Deutschland, Freiburg, 1939, Bd. 1, 191. 5 Ellen G. White, The Great Controversy Between Christ und Satan, Boise, Pacific Press, 1950, 124, 126, 128, 139, 142. 6 Tischreden 3, 3428, wohl aus den dreißiger Jahren. 7 Tischreden 3, 32016, Mai 1532. 8 Ellen G. White, The Great Controversy Between Christ und Satan, 125 9 Walter Eberhardt, Reformation und Gegenreformation, Berlin, Union Verlag,1973, 84. 10 Kurt Dietrich Schmidt, Kirchengeschichte. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 1990, 284. 11 Eberhardt, 41. Johannes Mathesius, Historien: Von des Ehrwirdigen in Gott. Seligen thewren Manns Gottes, Doctoris Martini Luthers, 42 in Winkler, 172. 12 Ellen G. White, The Great Controversy Between Christ und Satan, 126 13 Winkler 120-121. 14 Friedenthal, Luther, sein Leben und seine Zeit, 207. 15 Ellen G. White, Der große Kampf, Hamburg, Advent-Verlag, 128. Karl Heussi, Kompendium der Kirchengeschichte, Tübingen, J.C.B. Mohr, 1981, 281 16 Nach der Übersetzung von Aland (Hg.), Luther Deutsch. Band 2, 12. 17 Eberhardt, 47. 18 Ibid., 52. 19 Daniel Heinz (Hg.) So komm doch diese Stunde! Luthers Reformation aus Sicht der Siebenten-Tags-Adventisten. Lüneburg, Advent-Verlag, 2016, 58. 20 GEO Epoche Edition. Martin Luther und die Reformation. Hamburg, Gruner & Jahr, 2009, 34-35. 21 WA Br 1, 270. Nr 122. Brief an Wenzeslaus Linck vom 18. Dezember 1518. Heinz, 58-59. 22 Heussi, 285. 23 Heinz, 194-195. 24 Walch, Bd 15, Nr 377, Sp. 948 f., 979, 991, 1100. 25 Bruce L. Shelley, Church History in plain language, 241. 26 Luther an Spalatin, etwa 14.02.1520: WA Br 2, Nr 254, 42, 22 ff. Ellen G. White, Vom Schatten zum Licht, Wien, Wegweiser Verlag, 2015, 132. 27 Gregorovius, 470. Becker, Ulrich von Hutten polemische Dialoge im Spannungsfeld von Humanismus und Politik, 175. 28 WA, Br 2, Nr 257, 48, 22 ff. 29 Winkler, 265 – WA Br 2, 48 f., Nr 257, 24. 30 Winkler, 265. 31 Ellen G. White, The Great Controversy Between Christ und Satan, 124, 126, 128, 139, 142. 32 WA Br 2, 234, Nr 366. Brief vom 14.1.1521. 33 Denzinger, Heinrich/ Hünermann, Peter, Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei et morum – Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Freiburg i. Breisgau 1991, 42. Auflage, 5081, „Lumen gentium“ 34 Ibid, DH 4149 35 J.-H. Merle d’Aubigne, Geschichte der Reformation, Stuttgart 1854, VII, 8 36 https://www.ekd.de/; 24.5.2017 37 Wolfram Eilerts und Heinz-Günter Kübler, Hg., Kursbuch Elementar 9/10, Calwer Verlag GmbH, Stuttgart, 2006, 182.

 

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