„Ich höre ­Stimmen ... bitte bete mit mir!“

Jugendseelsorge
„Ich höre ­Stimmen ... bitte bete mit mir!“

Erfahrungen und Erlebnisse aus dem Jugendseelsorgedienst

Es ist 3.31 Uhr: Ich liege in tiefem Schlaf, als mich plötzlich recht unsanft das Telefon weckt. Noch verschlafen raffe ich mich auf und springe aus dem Bett, damit das lange Klingeln meinen Mann nicht weckt. „Ingrid, ich kann nicht schlafen, ich sehe überall Fratzen und höre Stimmen… Komm, bete mit mir!“ Ich erkenne Lauras* Stimme und frage: „Was hast du dir bloß wieder angesehen…?“ Es folgt eine kleinlaute Antwort … „Geh’ doch einfach ins Schlafzimmer deiner Mutter und bete mit ihr,“ rate ich ihr. „Nein! Das darf sie gar nicht wissen… Störe ich dich?“ Ich sage: „Ach, weißt du, ich hab’ nur grad’ geschlafen!“ Und so bete ich mit Laura und bitte Gott um Vergebung für das, was sie angeschaut hat. Wir vereinbaren einen Termin zum Seelsorgegespräch und gehen schlafen.

Seit 1997 halte ich Familien- und Jugendseminare auf Einladung von Gemeinden in ganz Deutschland. An diesen Wochenenden nehme ich mir vor allem Zeit für Gespräche mit den Jugendlichen, um herauszufinden, mit welchen Fragen und Problemen sie zu kämpfen haben. Diese sind sehr vielschichtig: Manche brauchen Hilfe auf der Suche nach dem passenden Studium und Beruf. Andere haben Probleme in der Schule oder brauchen Gebetsfürsorge durch das anstrengende Staatsexamen. Einige suchen Unterstützung, weil die Eltern sich scheiden lassen. Ich begegne Teenies, die sich die Haut einritzen, Suizid-Gefährdeten und okkult Belasteten. Auch Spielsüchtige aller Alters- und Berufsgruppen sind dabei, ebenso junge Männer (auch Ehemänner), die auf dem glatten Internetboden der Pornografie ausgerutscht sind. 

Manchmal rufen mich Jugendliche an, die gerade mit ADRA ein Jahr im Ausland verbringen und dringende Gebetsanliegen haben: „Unser kleines Krankenhaus versinkt im Schlamm durch den vielen Regen…!“, oder “Hilfe! Ich habe mich in einen Peruaner verliebt, was soll ich machen?“, oder „Ich habe solches Heimweh, doch ich will mich nicht blamieren und durchhalten. Ingrid, bitte bete!“

Ich begleite auch junge Menschen, die krebskrank sind, in ihren Todesängsten, und kümmere mich um missbrauchte Mädchen, die nur sehr schwer eine Beziehung eingehen können. In all diesen Fällen braucht es viel Gebet, Geduld, Verständnis, Ermutigung – und vor allem Zeit. Auch am Wochenende kommen junge Pärchen mit ernsten Problemen zu mir nach Hause. Dann gehen wir Spazieren durch den Wald, weinen und beten zusammen.

Ich kann nicht einfach zusehen, wie etwa 60 Prozent der jungen Leute den stillen Exodus aus den Gemeinden praktizieren. Der allmächtige Gott erhört auch heute noch unser Flehen. Deshalb: Lasst uns unsere Heranwachsenden zu Christus hin lieben und Gott um Weisheit im Umgang mit ihnen bitten. Das habe auch ich mir zur Aufgabe gemacht. Seit einigen Jahren habe ich einen Jugendseelsorgestand auf dem Youth-in-Mission Kongress und bin auch an adventistischen Schulen in Baden-Württemberg jeweils eine Woche lang zum fast an Schülern, Lehrern und Eltern vor Ort. Mit dem Verkauf meiner Kinderhörbücher kann ich jungen Menschen auch finanziell unter die Arme greifen, wenn sie als Teenager schwanger sind oder keine Arbeit haben. Im Sommer konnte ich von dem Geld außerdem Freizeiten für junge Ehepaare und Jugendliche auf unserem Waldgrundstück anbieten.

In letzter Zeit ist die Zahl der okkult belasteten Jugendlichen in Deutschland erheblich gestiegen. Dafür habe ich eine Gebets- und Fastengruppe gegründet. Wir sind acht Geschwister aus dem ganzen Land, die die ganze Woche rund um die Uhr für derzeit 26 arme geknechtete Menschen beten und fasten. Es ist eine der größten Freuden für mich, zu erleben, wie der allmächtige Gott junge Menschen befreit, die sich in den fein gesponnenen Netzen des Gegenspielers verfangen haben. Das erfordert allerdings in jedem Fall anhaltende Kniearbeit!

Wie kommt es, dass junge Menschen aus adventistischen Elternhäusern all diese Probleme haben? Oft genug fühlen sie sich in ihrer Heimatgemeinde unverstanden. Die Jugendlichen haben noch nicht zu ihrem eigenen Glauben an Gott gefunden und können sich mit dem Glauben der Erwachsenen nicht immer identifizieren. Häufig werden sie kritisiert aufgrund verschiedener Äußerlichkeiten. Diejenigen, die besonders „ernsthaft gläubig“ sein wollen, machen ihnen ein schlechtes Gewissen, obwohl sie selbst beim Doppelleben bereits ertappt wurden. Solche Geschwister fühlen sich aufgrund der 20 oder 30 Jahre Altersunterschied dazu befugt, Dinge so anzusprechen, dass die Heranwachsenden daraufhin der Gemeinde fernbleiben.

Mein Wunsch ist es, dass wir Gott so lange anflehen, bis er uns den Namen eines Jugendlichen aus unserer Gemeinde aufs Herz legt. Für diese Jungen und Mädchen sollten wir beten, dass der Herr ihren Glauben stärkt und sie Vertrauen lernen. Wir können sie zum Essen einladen und ihnen sagen, dass wir genau ihren Namen von Gott persönlich empfangen haben. Auch Gebetspatenschaften sind eine gute Möglichkeit, um sich auszutauschen und gegenseitig zuzuhören. Die Erfahrungen durch das gemeinsame Gebet können Alt und Jung näher zusammenbringen und einander verstehen helfen. Und: Lasst uns beten, dass wir darüber schweigen können, was uns anvertraut wird.

Manchmal rufen mich Eltern an, die in Ohnmacht fallen wollen, weil ihre pubertierenden Kids nichts mehr mit Gott am Hut haben wollen. Warum wohl nicht? Wenn unsere Kinder an uns nicht sehen, dass wir als Eltern das Bedürfnis haben, mit Gott Gemeinschaft zu pflegen, dann können wir auch nicht von ihnen erwarten, dass sie nach geistlichem Brot verlangen.

Gott hat mich durch eine lange Leidensschule auf meinen Dienst in der Jugendseelsorge vorbereitet, die ich so auf keiner Universität gelernt hätte. Die jungen Menschen fühlen sich weit mehr von jemandem verstanden, der ihre Probleme auch selbst durchgemacht hat. Deshalb danke ich Gott für die Kraft, Gesundheit und Liebe, die er mir schenkt, um für gut 300 Hilfesuchende Tag und Nacht Ansprechpartner zu sein.

*Laura ist ein Pseudonym. Der richtige Name wurde von der Redaktion aus Rücksicht auf die Privatsphäre ersetzt.

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