Mit Traditionen brechen

Mission
Mit Traditionen brechen

Glaube, Geschäft und Mission verbinden

„Jesse Zwiker, Evangelist”, las ich auf dem Flyer einer philippinischen Gemeinde und konnte kaum glauben, was da stand. „Was, ich, ein Evangelist?!“, dachte ich und starrte ungläubig auf den bunten Werbezettel. Unser Jugendpastor hatte eine Missionsreise auf die Philippinen organisiert und wir hatten zugestimmt mitzuhelfen. Aber mit meinen 19 Jahren wusste ich nicht wirklich, was eine Evangelisation überhaupt beinhaltete. Als Schlagzeuger konnte ich zwar Konzerte geben, doch das half mir an der Stelle wenig. Es gab kein Zurück mehr ... und ich hatte keine andere Wahl, als nun die adventistischen Glaubenslehren der vorgefertigten Vorträge zu studieren, die ich bald jeden Abend präsentieren sollte. Während ich mich darauf vorbereitete, andere zu unterrichten, begannen die Glaubenspunkte mich plötzlich zu fesseln und ich verstand, was „Adventist sein“ eigentlich bedeutet und warum ich überhauptAdventist war. Ich war so beeindruckt von dem, was ich da lernte, dass ich am Ende der Vorträge Aufrufe zur Taufe machte – obwohl ich selbst noch gar nicht getauft war.

Schlagzeug und Konzerte verloren nach und nach ihren Reiz für mich und so gab ich bald auch meinen Lebenstraum auf, professioneller Schlagzeuger zu werden. Ich lehnte das Angebot eines Musik-Stipendiums für Schlagzeug am Berkley College of Jazz in Boston (USA) ab. Für meine Freunde hörte sich meine Entscheidung absolut verrückt an, doch für mich war es einfach nur logisch: Ich wusste, ich wollte nichts anderes als nur für Gott arbeiten. Doch meine Optionen schienen begrenzt: entweder Pastor werden oder typischer Missionar im Dschungel – beides gefiel mir nicht hundertprozentig. Stattdessen fragte ich mich: Was ist mit den anderen von Gott gegebenen Talenten? Können die nicht irgendwie für Gott genutzt werden? Es musste doch einen Weg geben, wie Gott alle Begabungen für sein Werk nutzen konnte.

Mangelnder Glaube?

Es war sicherlich kein Zufall, dass Gott mich auf eine Missionsschule nach Norwegen führte. Dort konnte ich ganz praxisnah lernen, wie Christus Menschen gewann. Dies umfasste quasi alle Wege, mit denen wir andere erreichen können: von kleinen Geschäften, Biogärten, Bäckereien, Gesundheitszentren, Physiotherapie- und Arztpraxen bis hin zu Gesundkostläden, einer Post usw. Also alles, was dazu dient, die alltäglichen Bedürfnisse der Menschen praktisch zu stillen, ihr Vertrauen zu gewinnen und mit ihnen so auch ins Gespräch über den Glauben zu kommen. Am schönsten war für mich zu sehen, dass alle dort als Laien mit ihren unterschiedlichen Talenten in Vollzeit für Gott arbeiteten und evangelistisch tätig waren!

Trotz dieser Eindrücke war meine Erfahrung auf den Philippinen so intensiv, dass ich mich dazu entschied, Theologie zu studieren. Ich versuchte, so viel wie möglich im Studium aufzusaugen. Doch als ich gebeten wurde, ein Missionswerk in Honduras zusammen mit José, einem guten Freund aus der Missionsschule, aufzubauen, unterbrach ich mein Studium. Ich war sehr jung und José war noch jünger; er hatte noch nicht einmal seinen Führerschein gemacht. Doch wir fingen einfach an, obwohl wir keinen ausgefeilten Plan hatten. Wir wussten auch nicht, wie herausfordernd dieser Weg sein würde – und Gott sei Dank sagte uns das auch niemand im Voraus! Wir beteten und beteten und hofften, dass das notwendige Geld für das Projekt buchstäblich vom Himmel fallen würde. Und wie durch ein Wunder erhielten wir jeden Monat gerade so viel Geld von anonymen Spendern, um alle Missionare in dem Missionswerk zu vergüten. Doch nach einigen Monaten wollte Gott uns in eine tiefere Erfahrung führen: Glaube bedeutet nicht nur, dass die Ernte direkt vom Himmel in unseren Mund fällt, sondern dass wir die Pflanzen auch anbauen und den Herrn bitten, die Ernte zu segnen. Auf diese Weise lernten wir, dass Fundraising und die Generierung von regelmäßigem Einkommen durch Industrien und Geschäfte kein Mangel an Glauben bedeutet, sondern vielmehr Ausdruck unseres Glaubens ist.

Aus den Fehlern anderer lernen

Mit der norwegischen Missionsschule als Vorbild bauten wir zunächst das Vertrauen der Bevölkerung in der ländlichen Gegend von Honduras durch Gesundheitsarbeit auf – zumal es in der gesamten Umgebung um El Suyatal noch keine Adventisten gab. Durch intensiven persönlichen Einsatz und einfache medizinische Behandlungen wurde die Nachfrage nach Bibelstunden immer größer. Heute befindet sich eine Gemeinde mit über siebzig aktiven Mitgliedern im Zentrum des Dorfes. Danach begannen wir mit dem Aufbau der Missionsschule, einer Grundschule (die mittlerweile über hundert Kinder des Dorfes besuchen), eines Gesundheitszentrums und anderer landwirtschaftlicher Unternehmen, die mein Verständnis für die Verbindung von Glaube, Geschäft und Mission weiter schärfen sollten. Gott segnete uns, obwohl wir keine Ahnung hatten ...

Als junges Projekt mit wenig Vorkenntnissen war für uns die Hilfe von erfahrenen Leitern und Organisationen sehr wichtig. So beriet und unterstützte uns Outpost Centers International (OCI) als kompetente Dachorganisation nicht nur einmal in kritischen Situationen. Wir lernten von den Fehlern anderer, hatten Zugang zu einem starken Netzwerk von ähnlichen Missionswerken und konnten viele erfahrene Personen kennenlernen. Als Vorstandsmitglied von OCI durfte ich mittlerweile selbst viele verschiedene Missionswerke einige Jahre lang mit Rat und Tat, vor allem im Bereich der Geschäftsentwicklung, unterstützen.

Eine Welt voller Möglichkeiten

Nachdem unser Missionswerk in Honduras wuchs und sich immer mehr etablierte, wurde ich gebeten, als Schulleiter am Wildwood Center for Health Evangelism in den USA zu arbeiten. Gott weitete dort meinen Blick für Unternehmertum und Start-ups als wirkungsvolle und skalierbare Methoden, um Einfluss in der Gesellschaft zu gewinnen. Dies führte mich dazu, Geschäftsentwicklung und Geschäftsmodelle zu studieren und dieses Wissen gleich praktisch umzusetzen.

Mit meiner neu gewonnenen Begeisterung für Geschäftsevangelisation und dem Wunsch, etwas für Gott in Europa zu bewegen, kam ich zurück auf den alten Kontinent. Nach Abschluss meines Theologiestudiums konnte ich mich nun ganz auf die Entwicklung von „Hyvecamp“ fokussieren. Hyvecamp ist eine Initiative von gläubigen Innovatoren, die mit Unterstützung von Mentoren und Investoren innovative und missionarische Unternehmen aufbauen. Dafür bildeten meine theologische Ausbildung und meine unternehmerische Erfahrung eine wertvolle Grundlage.

Es war wie eine Vorsehung, dass sich in Baden-Württemberg schließlich für mich die Möglichkeit eröffnete, unternehmerisch geführte Einflusszentren unter der Gesundheitsabteilung der Vereinigung aufzubauen. Hier kann ich meine Begeisterung für Business, Start-ups und Geschäftsevangelisation mit Jung und Alt teilen. Mein persönliches Ziel ist es, möglichst viele Gemeindeglieder in die Selbstständigkeit zu führen, damit sie ihren Einfluss auf Kunden auch geistlich nutzen können. Mit Gottes Hilfe wollen wir DVG-Center entwickeln, in denen gesundheitsorientierte und ausgebildete Gemeindeglieder professionelle Beratung und auch andere Dienstleistungen (z.B. im Bereich Gastronomie) anbieten. Diese DVG-Center sollen als Einflusszentren fungieren.

Mein weiteres Anliegen ist, den Ortsgemeinden zu helfen, ihre Ressourcen optimal zu nutzen – insbesondere die Infrastruktur der Gemeindehäuser. Unternehmerisch denkende Menschen würden ihre wertvollsten Ressourcen kaum nur an einem Tag der Woche nutzen. Doch das ist oft die (traurige) Realität in den Gemeinden. Ich hoffe, dass unsere Ortsgemeinden einen starken, positiven Einfluss auf ihre Umgebung ausüben können, indem sie ihre Räumlichkeiten durch nützliche Angebote füllen, an denen die Gesellschaft wirklich Interesse hat.

Die Erkenntnis, die ich als Teenager gewann, nämlich Gott auf „nicht-traditionelle“ Art und Weise zu dienen, eröffnete für mich eine Welt voller neuer Möglichkeiten. Darum möchte ich Jugendlichen eine Vision ins Herz legen, wie sie kreativ und zielorientiert mit ihren Talenten für Gott arbeiten und gleichzeitig davon leben können – ob im Dienst für die Freikirche, als Angestellter, als Geschäftsmann oder als Innovator jeglicher Art.

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