Bescherung mal anders

Mission in Indien
Bescherung mal anders

Weihnachten im Dschungel Indiens

Gemütlich an Heiligabend im Wohnzimmer zusammensitzen, den Duft von frisch gebackenen Plätzchen genießen, Bescherung mit der Familie erleben ... – auf all das verzichteten wir diesen Winter und beschlossen als Jugendgruppe, die Weihnachtszeit im indischen Dschungel Meghalayas östlich von Bangladesch zu verbringen. „Schenk dich selbst“ hieß das Projekt, an dem 19 Jugendliche aus der Gemeinde Nagold teilnahmen. Fast zwei Wochen lang unterstützten wir die Einheimischen bei einfachen Bauprojekten an der adventistischen Schule Springs of Love, boten medizinische Hilfe an und stellten ein Ferienprogramm für die Kinder in den umliegenden Dörfern auf die Beine. Die Schule ist eine von drei Bildungseinrichtungen, die Missionare in den vergangenen Jahren im Osten Indiens gegründet haben. Seit 2013 gibt es dort eine Grundschule, die mittlerweile 175 Kinder aus dem Umfeld besuchen; die Räumlichkeiten einer weiterführenden Schule befinden sich noch im Aufbau. Durch das adventistische Bildungsangebot und den Einfluss baptistischer Missionare in diesem Gebiet ist der christliche Glaube den Bewohnern der kleinen Dörfer nicht fremd. Um ihnen an Heiligabend eine Freude zu bereiten, zogen wir daher kurz nach unserer Ankunft zusammen mit dem Direktor und einigen Schülern von Hütte zu Hütte, um Weihnachtslieder zu singen und für die Familien zu beten. Dankbar schüttelte der selbsternannte Dorfkönig jedem Einzelnen von uns die Hand und wünschte uns „Namgapa Christmas!“ – was so viel wie „Frohe Weihnachten!“ bedeutet.

Ran an Schaufel und Bambusholz

Wir konnten es kaum erwarten loszulegen, als zu Beginn der ersten Woche der Startschuss für die Bauarbeiten und das Kinderprogramm fiel. Etliche Schüler waren in der Ferienzeit nicht zu ihren Eltern gefahren, weil sie „die Deutschen“ kennenlernen wollten. Und als hätte die anfängliche Zurückhaltung nie existiert, strömten bereits am zweiten Tag knapp siebzig Kinder aus allen Ecken des Urwalds herbei. Für jeden Tag hatten sich einige aus unserer Gruppe eine Bibelgeschichte überlegt, zu der es Anspiele und Basteleien gab. Auch Fangspiele wie „Fire on the mountain – Run, run!“ (Feuer auf dem Berg – Renn, renn!) kamen in dem Wald, in dem wir nahe einer kleinen provisorischen „Adventgemeinde“ unseren Unterstand aus Bambusholz und Planen errichtet hatten, nicht zu kurz.

Unter Anleitung der älteren Schüler legte während unseres Aufenthalts der männliche Teil unserer Truppe ein Versickerungsrohr in die Erde und baute – mit gelegentlicher Hilfe einiger Mädchen – eine Sickergrube für das Abwasser der Schule. Die Mechaniker unter uns versuchten darüber hinaus, Reparaturen an dem alten Geländewagen vorzunehmen, der bei unseren abenteuerlichen Fahrten durch den Dschungel immer wieder auseinanderzufallen drohte (irgendwie kein Wunder, wenn regelmäßig dreißig Personen auf Ladefläche und Dach transportiert werden ...!). Als bei einer Fahrt bergab die Bremsen ausfielen, die Achse brach und wir nur fünfzig Zentimeter vor einem Baum zum Stehen kamen, waren wir mehr als dankbar über Psalm 91, Vers 11.

Barrieren überwinden

Bei all unseren Aktionen unterstützte uns unser indischer Koch Moti, der ebenfalls in Deutschland lebt und die Gemeinde Nagold besucht. Genau wie er übersetzten uns auch die englischsprechenden Schüler vor Ort, wodurch die sprachlichen Hürden schnell überwunden waren und die Kinder begeistert mitmachten. Dies führte dazu, dass unser Pastor Carsten Reinhold gebeten wurde, doch auch ein Programm für die Eltern anzubieten. So fand sich Carsten kurzerhand inmitten von zwanzig indischen Einheimischen wieder, von denen die Frauen in ihren bunten Kleidern schweigend dasaßen und die Männer sich nacheinander vorstellten. „Nachdem sie mich über die Adventgemeinde in Deutschland ausgefragt hatten“, erzählte Carsten nach dieser besonderen Begegnung, „kamen wir auf Martin Luther, meinen Großvater und die Rechtfertigung aus dem Glauben zu sprechen. Alles kam total anders als vorbereitet – ich habe gespürt, wie der Heilige Geist mich führt!“

Diese Erfahrung machte auch unsere Operationstechnische Assistentin Michaela. Zusammen mit unseren Krankenschwestern und den örtlichen Hebammen zog sie regelmäßig los, um den schwangeren Frauen, die in den Dschungelhütten leben, medizinische Hilfe zu leisten. Erschreckenderweise liegt die Sterblichkeitsrate von Säuglingen hier bei 43 auf 1000 Geburten (ca. 14 Mal so hoch wie in Deutschland). „Wir liefen etwa dreißig Minuten über die Hügel“, berichtete Michaela, „bis wir zu drei kleinen Bambushütten kamen. Die Familie saß gerade beim Frühstück am Feuer und lud uns freundlich ein, uns dazuzusetzen. Nach einem kurzen Gespräch mit der Schwangeren gingen wir in eine kleine Hütte, wo wir die uns möglichen Untersuchungen durchführten. Ich durfte Blutdruck und Puls sowie Bauch und Herztöne des Babys messen. Dabei stellten wir fest, dass das Baby sich schon gedreht hatte und es jeden Tag so weit sein konnte. Fünf Tage später besuchten wir die Familie und der stolze Papa präsentierte uns sein Neugeborenes, für das wir gemeinsam beteten. Die Freude über ein solches Wunder ist eben überall auf der Welt gleich und überbrückt auch die eine oder andere Sprachbarriere.“

Von Fremden zu Freunden

Nach einem tränenreichen Abschied gegen Ende der zweiten Woche fanden wir auf unserer Rückreise über Delhi im Haus von Motis Schwester nicht nur einen Platz zum Schlafen, sondern wurden auch mit unglaublicher Gastfreundschaft und Liebe empfangen – und natürlich mit den allerbesten indischen Gerichten, die wir je gegessen hatten, umsorgt.

Kurz vor unserer Abreise hatten uns die Schüler gefragt, was uns in Indien am besten gefallen hätte. Und eigentlich ist mir die Antwort erst jetzt bewusst geworden: Es ist nicht allein die wunderschöne Natur, die wir auf unseren holprigen Fahrten von Dorf zu Dorf bestaunten – nein, vielmehr sind es die Menschen, die so einfühlsam und selbstlos mit uns umgingen, obwohl wir Fremde für sie waren; die, obwohl sie kaum etwas besitzen, unter so einfachen Umständen leben und teilweise keine schöne Vergangenheit haben, wirklich glücklich sind.

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