Wider den Zeitgeist

Reformation
Wider den Zeitgeist

Der „adventistische“ Glaube Martin Luthers

Die Reformation des 16. Jahrhunderts zählt sicherlich zu den ganz großen Ereignissen der Menschheitsgeschichte. Für den Historiker ist die Reformation eine Epochenscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit. Für den gläubigen Protestanten hingegen – und damit auch für den Adventisten – stellt sie eine Intervention Gottes dar. Das Christentum sollte in Lehre und Leben wieder nach der Norm des biblischen Wortes und nicht nach den Überlieferungen der Menschen ausgerichtet werden. Schließlich ist sie für jeden Christen – ganz gleich welcher Konfessionszugehörigkeit – eine beständige Herausforderung zur Überprüfung der eigenen Glaubenshaltung und der Glaubenssituation in seiner Zeit: Ecclesia semper reformanda (Kirche muss ständig reformiert werden) oder, wie es Friedrich Daniel Schleiermacher einmal nach seiner Vorstellung ausgedrückt hat: „Die Sache der Reformation muss weitergehen.“1 Was aber Reformation konkret bedeutet, lässt sich brennpunktartig an einer Person aufzeigen: Martin Luther! Der bekannte katholische Kirchenhistoriker Joseph Lortz hat daher auf die Frage, was denn eigentlich Reformation sei, geantwortet: „Die Reformation? Das ist Martin Luther!“2 Er kämpfte mutig gegen den Geist seiner Zeit und führte wieder zurück zum Evangelium.

Allein die Heilige Schrift – allein aus dem Glauben

Warum Luther? Warum nicht Wycliff (14. Jh.), Hus oder Savonarola (15. Jh.)? Hus und Savonarola wollten ebenfalls zu ihrer Zeit das Leben der Kirche reformieren. Dies war in der Epoche des Papstschismas und der Renaissancepäpste höchst dringend, aber die Kernaussage des Evangeliums, die Heilsaneignung allein durch den Glauben an Christus, blieb unberührt. Wycliff erkannte schon vor Hus und Savonarola angesichts des Hochmuts der Papstkirche die Notwendigkeit der Lehrreform und fand die Norm, nach der alles aufgerichtet werden muss, im Sola-scriptura-Prinzip (in Glaubensfragen gelten allein die Aussagen der Heiligen Schrift). Luther aber war der Erste, der das Evangelium von der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben – sola fide – wiederentdeckte. Mit seinem „Paulinismus“ – „Paulus, mein Paulus“ – überwand er eine Deformation der Heilslehre von fast eineinhalb Jahrtausenden und brachte den Menschen wieder die Freude der Heilsgewissheit zurück.

Dies wird heute auch von katholischen Theologen anerkannt. Für Hans Küng war Luthers Entdeckung eine „Rückkehr zum Evangelium“3 und Otto Hermann Pech ist sogar der Überzeugung, Luther müsse als Kirchenspalter auch wieder „Heimatrecht“ in der katholischen Kirche bekommen.4 Sogar Rom pries den Reformator für seine „leidenschaftliche Suche nach dem Heil“ (Papst Johannes Paul II.) und betrachtet ihn als „gemeinsamen Lehrer“ in der Rechtfertigungslehre.5

Allein aus der Gnade – allein durch Christus

Mit der Lehre, dass der „einzige Ruhm des Christen in Jesus Christus liegt“6, und dass Glauben herzliches Vertrauen zu Gottes Barmherzigkeit bedeutet – sola gratia (Gnade allein) heißt ja eigentlich sola misericordia (Barmherzigkeit allein) – stand aber Luther damals schon gegen den Geist der Zeit: Erstens gegen den geistlichen Rationalismus der Hochscholastik, der primär auf die Kraft der Vernunft setzte und das Evangelium von Aristoteles her begründen wollte. Dabei verachtete der Reformator die Vernunft keineswegs. So konnte er sagen: „Vernunft ist auch ein Licht, ein schönes Licht.“7 Aber ihr Feld ist die Juristerei, die Medizin, die Geschichtsforschung. Als Beherrscherin des Glaubens wird sie jedoch zur Verführerin, zur „Hure Vernunft“. Zweitens gegen die Spätscholastik, in der Luther selbst erzogen wurde und welche die Tragweite der Vernunft schon zu relativieren begann, aber dafür ganz auf die Autorität der Kirche setzte. Den Vertretern dieser Richtung wird er entgegenhalten: „Was kann die Kirche verbindlich machen, was nicht schon vorher in der Schrift gelehrt wurde!“8 Drittens gegen den damals aufkommenden Humanismus, der statt Gott den Menschen in den Mittelpunkt rückte nach dem philosophischen Homo-mensura-Prinzip, wonach der Mensch das Maß aller Dinge sei. Und letztlich gegen das Missverständnis in seinen eigenen Reihen, Christus haben zu wollen, ohne ihm nachzufolgen: Das „süße Evangelium“, wie Luther damals sagte, die „billige Gnade“, wie Dietrich Bonhoeffer in unserer Zeit meinte.

Der frühe Luther hoffte, seine biblisch begründete Botschaft werde ein positives Echo in der Welt finden: Das Papsttum werde die Reformation begrüßen und künftig Lehre und Leben nach der Heiligen Schrift ausrichten. Die Juden werden das Evangelium erkennen, das die Papstkirche verdunkelt hat und werden – befreit von den Verfolgungen der Inquisition – Christus als Erlöser annehmen. Sollte aber Rom reformunwillig bleiben, werden der Kaiser und der weltliche Adel für das Reformwerk eintreten.

Doch in diesen hohen Erwartungen täuschte sich Luther gründlich. Weder Papst noch Juden waren bereit zu einer Reform nach der Norm des Evangeliums. Je älter Luther wurde, desto klarer sah er, dass die Lösung aller uns bedrängenden Fragen letztlich weder durch weltliche Autoritäten (Kaiser und Fürsten) noch durch die Kirche selbst (Papst und Konzilien) kommen könne, sondern allein durch den wiederkehrenden Christus: „Komm, lieber jüngster Tag!“9 In diesem Wunsch kommt seine ganze Sehnsucht zum Ausdruck, sein „Ruf zur Sache.“ Seine Hoffnung auf Vollendung gründete in der Überzeugung, dass Christus am jüngsten Tag allem Abfall, aller Verderbtheit, allem Krieg, aller Not, ja dem Tod selbst, ein Ende setzen würde. So ruht für Luther die Zukunft der Welt nicht auf den Schultern der Menschen, sondern allein auf Gott. Seine Güte und Gnade und nicht des Menschen Werk und Anstrengung bereiten uns den Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft. Das ist die Wurzel von Luthers Rechtfertigungserlebnis und Endzeitverständnis (Eschatologie).

Luthers Adventhoffnung

So war der Reformator auch in seiner eschatologischen Hoffnung ein echter Erneuerer. Das Mittelalter kannte den Tag der Erscheinung Christi vor allem als dies irae, als Tag des Zorns. Luther gab ihm wieder den urchristlichen Freudencharakter zurück, den Charakter der „glückbringenden Hoffnung“ (Titus 2,13), der „lebendigen Hoffnung“ (1. Petrus 1,3) und daher der „besseren Hoffnung“ (Hebräer 7,19). In seinem freudigen „Adventist-sein“ ist der Reformator Vorbild für die ganze Christenheit, besonders aber für uns als Adventgläubige. Von dieser Hoffnung her, ließ sich Luther nicht über die Zukunft der Welt täuschen. Klarsichtig durchschaute er das Wesen der Welt: „Die Welt ist des Teufels Kind, ihr ist nicht zu helfen noch zu raten.“ Sie ist des „Teufels Wirtshaus“, denn in ihr gelten die „umgekehrten zehn Gebote“. Papst und Kaiser setzen ihre Hoffnung auf politische Lösungen, die Menschen sehen daher in ihnen „Heilande“, aber Luther mahnt, alle Lösung vom „rechten Heiland“ zu erwarten. Nur die Wiederkunft Christi macht den Begriff „Erlösung“ zu einem „fröhlichen lieblichen Wort“.10 Was Paulus im 1. Korintherbrief, Kapitel 15, Verse 14 und 19 von der Auferstehung Christi aussagte, überträgt Luther auf dessen Wiederkehr und meint: Wenn Christus nicht wiederkäme, wären die, die auf ihn gewartet haben, die elendsten unter den Menschen. Das Kommen dieses Tages muss man ersehnen, denn hier in der Welt ist der Christ umringt von „lauter Teufeln“. Wenn auch diese Verkündigung keinen Lohn bei den Menschen findet, der „kleine Haufe“ wird es verstehen. Jetzt beißen die Christen in den „sauren Apfel“ und „trinken ein bitteres Trünklein“, aber im Vorausblick auf die Zukunft haben sie die Gewissheit, dass der Herr, Christus triumphator (der siegende Christus), alles wenden wird.

Wenn auch die Adventisten – Anhänger William Millers und die SiebentenTags-Adventisten – in keiner historischen Verbindung zu Luthers Reformation stehen, so haben sie doch viel mit Luthers Denkweise und Hoffnung gemein:

• Nicht die Ideen der Menschen, nicht der Geist der jeweiligen Zeit, sondern allein Gottes Wort ist normativ für Lehre und Leben der Christen. Reformation – von reformare, zurückbilden, umgestalten, verbessern, wiederherstellen – bedeutet, dass die Deformation im Laufe der Kirchengeschichte durch Reformation abgebaut bzw. zurückgebildet werden muss. Dies geschieht durch entschiedenes Eintreten (Protest) für das Evangelium. Protest – von protestari, Zeugnis geben – bedeutet ja primär für etwas eintreten, und dann erst gegen etwas sein. Adventisten verstehen sich in diesem Sinn als „Protestanten“.

• Eintreten für das Evangelium heißt aber, so wie Luther gegen die Verirrungen des Zeitgeistes zu stehen. So widersetzten sich die Adventisten des 19. Jahrhunderts dem maßlosen Fortschrittsglauben ihrer Zeitgenossen, dem der theologische Postmillenarismus das religiöse Fundament geliefert hatte. „Post (nach) Millenium (tausendjähriges Reich)“ bedeutet, Christus werde nicht vor, sondern erst nach dem tausendjährigen Reich wiederkommen. Dieses postmillenaristische Reich werde ein „goldenes Zeitalter“ hervorbringen, Fortschritt, Frieden und religiöse Einheit, und dann erst nach einer langen Zeitepoche werde Christus erscheinen. Dagegen begriffen die Adventisten, dass der Auftakt zur Parusie (Wiederkunft) nicht in einem „goldenen Zeitalter“ besteht, sondern in der „apokalyptischen Krise“ – angezeigt durch die „Zeichen der Zeit“ – und hinführend zu einem „Ende“. Aber zu einem Ende nicht im Sinne eines unrettbaren Chaos oder gar eines alles auslöschenden Nihil (Nichts), sondern als telos, als Ziel, Rettung und Vollendung.

• Darum ist die Wiederkehr Christi – wie sie Luther geglaubt und erhofft hat – auch das Zentralthema des adventistischen Glaubens. Wie der Reformator im abgefallenen Papsttum und in der damals vorherrschenden Türkengefahr (das Heilige Römische Reich wurde im 16. Jh. durch die Türken bedroht) Zeichen für den hoffnungslosen Zustand der Welt sah, so sehen wir heute als Adventgläubige in den sogenannten „Großgefahren unserer Zeit“ – möglicher Atomtod, Wachstumstod und Umwelttod – Hinweise, dass der „Zauberlehrling Mensch“ mit den Problemen der Welt nicht mehr fertig wird; Probleme, die er selbst geschaffen hat. Wir zweifeln heute berechtigterweise an der Brave, new world (Aldous Huxley), und im Unterschied zu der Zeit, in der die ersten Adventisten auftraten, zweifelt heute der Großteil der Menschheit mit. Adventgläubige sind aber mit dem Reformator gewiss, dass trotz allem Hoffnung für die Welt besteht. Diese Hoffnung gründet aber nicht in einer vom Menschen geschaffenen „Zivilisation der Liebe“, in einem ökumenischen Weltprogramm oder in einer „ökologischen Demokratie“, und schon gar nicht in einer „klassenlosen Gesellschaft“. Die christliche Hoffnung zielt auf das Reich Gottes, auf die große Weltwende, die allein Jesus Christus bringen wird. Er wird die verlorene Welt retten und heimführen oder, um es mit den Worten Luthers auszudrücken: „Jetzt ist lange genug Winter gewesen, dann aber wird ein Sommer kommen, der nie mehr wieder enden wird.“11

Die adventistische Sympathie für Luther und sein Werk ist seiner tiefen eschatologischen Frömmigkeit geschuldet. Dazu kommt die grundlegende Erkenntnis, dass nicht die guten Taten einen guten Christen ausmachen, sondern allein der Vertrauensglaube in die Erlösungstat Jesu Christi am Kreuz. Beide Einsichten, die eschatologische Dringlichkeit und die soteriologische Hans Heinz, Th. D., ehemaliger Schulleiter in Bogenhofen und langjähriger Bibellehrer, lebt seit 1995 im Ruhestand in Braunau am Inn (Österreich). Gewissheit, sind auch für das adventistische Glaubensverständnis von zentraler Bedeutung. Luther fand durch das Studium der Heiligen Schrift den Weg zurück zum Kreuz. Die Gewissheit der Erlösung begründete seine Hoffnung auf Vollendung. Dass diese Hoffnung eines Tages in Erfüllung gehen wird, dafür steht der schon einmal gekommene Christus Jesus mit seinem Wort! Jeder Siebenten-Tags-Adventist wird Luther danken für sein Vorbild im Glauben, für seine Bibeltreue und seine ungebrochene Zukunftshoffnung.

Quellen:

1 Zitat nach H. Küng, Kirche im Konzil, Freiburg i. Br. 1963, 31. 2 J. Lortz/E. Iserloh, Kleine Reformationsgeschichte, Freiburg i. Br. 1969, 29. 3 „Katholische Besinnung auf Luthers Rechtfertigungslehre heute“, in: Theologie im Wandel (hg. von der Katholischen Fakultät Tübingen), München 1967, 464. 4 Ketzerfürst und Kirchenlehrer, Stuttgart 1971, 42. 5 Kardinal Willebrands, zit. nach D. Oliver, Le procès Luther, Paris 1971, 217f. 6 WA 13, 570. 7 Ibid. 48,76. 8 Ibid. 18,604. 9 WA BR 9, 175. 10 WA 34 II, 476. 11 Ibid., 481.

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