Das Diktat des Zeitgeistes

Gesellschaft
Das Diktat des Zeitgeistes

Im Konflikt zwischen Glaube und Wissenschaft: Warum die meisten Menschen nicht mehr glauben

Bei der Suche nach Antworten auf die Frage, warum viele Menschen heutzutage nicht mehr glauben – zumindest nicht im Sinne des biblischen Christentums –, stößt man früher oder später auch auf das Phänomen des Zeitgeistes. Er hat den Unglauben salonfähig gemacht, mehr noch: Er diktiert ihn geradezu. Mit Zeitgeist ist hier die Art und Weise gemeint, wie wir denken, ohne zu wissen, dass wir so denken. Vieles in unserem alltäglichen Denken ist derart selbstverständlich geworden, so mächtig und allgemein akzeptiert, dass es nur noch selten in Frage gestellt wird. Gewisse Vorstellungen und Meinungen werden dabei als unumstößliche Wahrheiten gespeichert. Sie beeinflussen unbewusst unser Denken und Handeln. 

So akzeptieren die meisten Menschen bereits seit einer Weile den Absolutheitsanspruch der Wissenschaften. Entsprechend versuchen sie, „alle Bereiche menschlichen Handelns an den Prinzipien wissenschaftlicher Rationalität auszurichten.“1 Der wissenschaftlihe Absolutheitsanspruch aber setzt einen Glauben voraus, der in der Materie die einzige objektive Realität anerkennt, die unabhängig vom Bewusstsein des Menschen existiert. Folglich wird versucht, alle Erscheinungen auf dem Fundament von Logik und Erfahrung zu erklären2 – und das ohne Gott und ohne Schöpfungsakt. Wahr ist, was nachweisbar, was messbar ist. Und da Gott in diesem Sinne nicht messbar und beweisbar ist, gibt es ihn nicht – auch keine Engel, keine Auferstehung, kein ewiges Leben etc. Gott ist zu einer von Menschen geschaffenen Projektionsfläche des Guten und Übermächtigen reduziert worden; er ist nur noch ein psychotherapeutisches Symbol einer diffusen Hoffnung und einer in uns selbst schlummernden mental-emotionalen Kraft. Als typische Kinder des Zeitgeistes geht unsere Wissenschaftsgläubigkeit – sofern wir nicht zu den Exoten gehören, die noch gläubig sind – so weit, dass wir das Etikett „wissenschaftlich bewiesen“ mit „Wahrhaftigkeit“ gleichsetzen.

Jede wissenschaftliche Erkenntnis hat jedoch Grenzen. Schon den griechischen Philosophen war dies bewusst. Platon versuchte, anhand des sogenannten Höhlen-Gleichnisses die Beschränktheit jeder menschlichen Wahrnehmung und Wahrheitsfindung zu veranschaulichen: Jemand sitzt in einer Höhle. Er ist gefesselt und kann nur nach vorne auf die Wand der Höhle sehen. Hinter ihm brennt ein Feuer. Personen tragen jetzt bestimmte Gegenstände hinter dem Kopf des Gefesselten vorbei. Alles, was er sieht, sind die Schatten dieser Gegenstände an der Wand. Von einer roten Kugel sieht er nur eine graue Scheibe usw. Frei nach Platon könnten wir sagen: Das ist ungefähr das, was wir von der Wirklichkeit sehen und erforschen können. Wir erkennen immer nur einen Teil von dem, was ist.

Das mag überspitzt formuliert sein. Aber wissenschaftliche Wahrheit, die wir Menschen erforschen, ist immer nur relativ. Warum? Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine neue wissenschaftliche Erkenntnis die sogenannte Wahrheit von gestern wieder korrigieren, ja sogar völlig verwerfen kann. Der Stand der Wissenschaft muss immer als ein vorläufiger betrachtet werden. Der absoluten Wahrheit aber – und das hat schon Emmanuel Kant so formuliert – können sich die Wissenschaften immer nur nähern, ohne sie je zu erreichen.

Dennoch scheinen manche Wissenschaftler dieses Prinzip bisweilen zu vergessen, wie auch im Jahr 2015 in einem Spiegel-Streitgespräch deutlich wurde. In ihm ging es um grundsätzliche Fragen zu „Gott, Religion und Glaube“. Beteiligt waren der Hamburger Pastor Johann Hinrich Claussen und der britische Astrophysiker Ben Moore. Auf die an den Physiker gerichtete Frage3, ob er
ausschließen könne, dass da mehr sei als das „Sicht- und Verstehbare“4, antwortete er: „Ich für mich schließe es aus.“

Das ist eine absolute Aussage. Erstaunlich für einen Naturwissenschaftler! Streng genommen hat er mit ihr bereits den Bereich der Wissenschaft verlassen. Angemessener wäre gewesen, wenn er bekannt hätte: „Ausschließen kann ich nichts. Nur habe ich bisher durch die wissenschaftlichen Methoden, die ich benutze, keine Erkenntnis über eine Welt, die über das Sicht- und Verstehbare hinausgeht.“ Jede Wissenschaft sollte sich der Grenzen ihrer Möglichkeiten und Aussagen bewusst sein und diese berücksichtigen und benennen, d.h., sie darf und kann keine Erkenntnis als absolut hinstellen.

Zwei Realitäten


Im Gegensatz zur Wissenschaft kennt die Bibel neben der materiellen Welt noch eine andere Welt, über die unsere menschlichen Methoden der Erkenntnisgewinnung, unsere wissenschaftlichen Methoden, keine Aussagen machen können. Zu ihr gehört alles Transzendente, also auch Gott, Engel, Satan, die Dämonen und jegliche Gotteserfahrungen sowie das, was sich im Gebet abspielt. Für das Christentum sind auch diese Dinge real.

Folglich akzeptieren bibelgläubige Christen grundsätzlich die Existenz zweier Realitäten:

  • die materielle Realität – das ist die Schöpfung mit allem, was dazu gehört, einschließlich ihrer Naturgesetze und
  • die nicht-materielle Realität. Das ist die Wirklichkeit, die außerhalb unserer sichtbaren Welt existiert und nicht unseren natürlichen Erkenntnisvorgängen und -methoden unterworfen werden kann. Auch das ist Realität, nur eine vollkommen andere. Da diese andere Welt nicht mit unseren naturwissenschaftlichen Methoden erforscht werden kann, bietet sie zugegebenermaßen Anlass zu vielförmigen Spekulationen und Projektionen.

Wie aber erfahren wir etwas Verlässliches über diese andere Realität? Können wir das überhaupt? Ich behaupte: ja. Indem wir nämlich diejenigen Informationen genauer betrachten, die Gott aus seiner Welt zu uns hereinreicht. Es handelt sich dabei um eine Form der Informationsvermittlung, die Christen als Offenbarung bezeichnen. Die wichtigste Quelle göttlicher Offenbarung ist seit eh und je die Bibel. Auf ihren Aussagen basiert der christliche Glaube.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, dass wir uns sicher sein können, dass die Bibel von Gott kommt und dass sie absolut zuverlässig ist. Wodurch können wir uns Sicherheit verschaffen? In erster Linie geschieht das durch die Inhalte der prophetischen Bücher der Bibel; sie machen einen bedeutenden Teil der Schrift aus. In ihnen werden Aussagen gemacht, die die Zukunft betrafen bzw. betreffen. Aus heutiger Sicht können wir mit Erfolg nachprüfen, ob diese Vorhersagen – soweit ihre Erfüllung bereits in der Vergangenheit liegt – eingetreten sind. Übertragen auf die anderen Teile der Bibel, die wir nicht oder noch nicht überprüfen können, bedeutet das: Wenn sich die Inhalte der Prophetie als wahrhaftig herausgestellt haben, können wir mit einer gewissen Legitimität schlussfolgern, dass auch die anderen Teile mit großer Wahrscheinlichkeit wahr sind – also etwa Vorhersagen, deren Erfüllung noch in der Zukunft liegt oder auch die Zusage der Sündenvergebung oder der buchstäblichen körperlichen Auferstehung.

Wenn man davon ausgehen kann, dass die Bibel Gottes Wort ist, dann ist die Wahrheit dieser Offenbarung im Gegensatz zu den immer nur vorläufigen, relativen Wahrheiten der Wissenschaft absolut wahr. Warum? Weil Gott – nach eigener Aussage – allwissend und wahrhaftig ist. Das hat er in der Geschichte immer wieder demonstriert, wie es uns die Bibel veranschaulicht. Schwierig wird es (zumindest auf den ersten Blick), wenn wir die Entstehung des Lebens, den Schöpfungsprozess, betrachten. Der Schöpfungsbericht, wie wir ihn in der Bibel finden, ist wahr, so die Überzeugung bibelgläubiger Christen, liefert jedoch keine naturwissenschaftliche Beschreibung. Welche Erkenntnismethode setzen wir dann aber ein, um Informationen über die Entstehung des Lebens zu erhalten – vorausgesetzt, wir akzeptieren die Darstellung des biblischen Schöpfungsberichts zumindest als Arbeitshypothese?

Die erschaffene Welt, d.h. die Natur, liegt in der Domäne der Naturwissenschaft. Aber der Prozess der Schöpfung hat laut Bibel lange vor unserer Zeit stattgefunden. Keiner von uns war dabei. Wir können diesen Vorgang auch nicht unter wissenschaftlichen Bedingungen wiederholen. Es gibt gebildete Christen, die an dieser Stelle verwirrt sind – hin- und hergerissen zwischen den Ergebnissen der Naturwissenschaft, etwa der Geologie und der Biologie einerseits, und dem, was in der Bibel steht, nämlich der göttlichen Offenbarung andererseits. Ist diese Spannung zwischen Naturwissenschaft und Glauben überhaupt lösbar?

Tatsache ist: Die wissenschaftliche Erkenntnis hilft uns nicht, wenn es darum geht, letzte Aussagen über die Entstehung der Welt zu machen. Wir kommen hier in einen Grenzbereich. Hier geht es entweder um den Glauben an die Allmacht Gottes und das, was er uns über seinen Schöpfungsakt offenbart hat – oder um den Glauben an eine wissenschaftliche Theorie, in diesem Fall die Evolutionstheorie, die letztlich ebenso wenig bewiesen werden kann. Wenn wir aber Gott als Schöpfer der Erde bejahen, kommen wir zu dem Schluss, dass Gott die Naturgesetze für eben diesen unseren Planeten geschaffen haben muss.

Glaube vs. Wissenschaft?


Die Bibel spricht davon, dass Gott die Erde in nur sechs Tagen erschaffen hat. Da er allmächtig ist, hätte er sie auch in zehn Sekunden oder zehn Millionen Jahren erschaffen können. Aber er schuf sie in sechs Tagen. Warum? Genau wissen wir das nicht. Vermutet werden kann nur, dass er diese Zeitspanne um des Menschen willen wählte, um ihm einen klaren und sinnvollen Rhythmus von Arbeit und Ruhe zu geben.

Der Glaube an einen allmächtigen Schöpfer, der diese Welt geschaffen hat, kann sehr wohl vernünftig sein. Er widerspricht nicht den Naturwissenschaften, solange wir an die Allmacht Gottes glauben und den Schöpfungsakt als etwas Einmaliges verstehen und uns zugleich die Grenzen der Wissenschaft bewusst machen.

Auch wenn die Evolutionstheorie, die auf den anglikanischen Pastor (!) und Naturforscher Charles Darwin5 zurückgeht, für die allermeisten Naturwissenschaftler immer noch der Standard für die Erklärung der Entstehung allen Lebens ist, gibt es durchaus Wissenschaftler, die gerade durch ihre Forschung zu dem Schluss kamen, dass es einen intelligenten Schöpfer geben muss und dass am Anfang allen Lebens ein Schöpfungsakt stattgefunden haben muss.

Einer von ihnen ist der Australier John F. Ashton, Professor für Biowissenschaften an der Victoria University in Melbourne. In seinem Artikel Leben durch Zufall nicht möglich, gibt er zu bedenken, „dass eine einzige Zelle um ein Vielfaches komplexer ist als alles, was der menschliche Verstand je hergestellt hat. Darwin […] stellte sich die Zelle als das kleinste Element des Organismus vor, das nur sehr wenige simple elementare Bestandteile hat. Alles, was er sah, war ein recht primitiv aussehendes Klümpchen Protoplasma unter einem Mikroskop. Er hatte nicht die geringste Ahnung, dass eine einzige simple Zelle eher einer Riesenfabrik mit digitalisierten, hochspezialisierten Maschinen der Spitzentechnologie gleicht – und dass die Informationsverarbeitung innerhalb der Zelle jeder von Menschen entwickelten Computersprache weit überlegen ist.“6

Ashton ist nicht der einzige, der Zweifel an der Richtigkeit und Wissenschaftlichkeit der Evolutionstheorie hat. Das Discovery Institute, eine christliche Denkfabrik in Seattle, hat einen „Wissenschaftlichen Widerspruch zum Darwinismus” veröffentlicht, der bis April 2014 von 840 Naturwissenschaftlern weltweit unterzeichnet wurde. Unter ihnen angesehene Professoren von Harvard, Yale, Princeton, Stanford, Cornell, MIT und dem Britischen Museum. Diese Wissenschaftler stimmen folgendem Satz zu: „Wir stehen den Behauptungen skeptisch gegenüber, dass die Fähigkeit zufälliger Mutationen und natürlicher Selektion die Komplexität des Lebens erklären können. Die Beweise der Darwinschen Theorie sollten sorgfältig untersucht werden.“7
Auch wenn die 840 Unterzeichner durch ihre Zustimmung zu diesem Satz nicht automatisch als Schöpfungsgläubige betrachtet werden können, zeigt die eindrucksvolle Reaktion auf diese Unterschriftenaktion, dass die Evolutionstheorie längst nicht so akzeptiert ist, wie es manche Wissenschaftler darstellen. Der Philosoph David Berlinski von der Princeton University schrieb dazu: „Darwins Evolutionstheorie ist der große weiße Elefant zeitgenössischer Denkweise. Sie bzw. er ist groß, fast völlig nutzlos und Gegenstand abergläubischer Ehrfurcht.“8
Auch wenn der Schöpfungsbericht der Bibel den Rahmen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden sprengt: Glaube und Wissenschaft müssen einander nicht ausschließen. Und es ist nicht weniger intelligent, an Gott zu glauben, als an eine Theorie, die sich immer mehr als lückenhaft erweist.

Dem Zeitgeist entgegen


Abgesehen von der Richtigkeit und Akzeptanz verschiedener Erklärungen für die Entstehung des Lebens hat der Zeitgeist gerade aufgrund enormen Fortschritts in Wissenschaft und Technik zur Verbreitung einer Haltung beigetragen, die meint, auf den Glauben an einen allmächtigen Gott verzichten zu können. Schließlich sei alles machbar, erklärbar, beherrschbar. Die meisten Menschen haben sich mehr und mehr selbst an die oberste Stelle gesetzt und Gott aus ihrem Leben verdrängt. Es ist eigentlich nicht verwunderlich und lediglich eine Auswirkung des schier übermächtigen Zeitgeistes, der das Denken vieler Menschen durchdrungen hat, ohne dass ihnen das bewusst ist. Genau das scheint Jesus gemeint zu haben, als er in einer prophetischen Vorausschau auf unsere Zeit die wohl rhetorisch gemeinte Frage stellte: „Wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?“9

Als Christen, die wir gleichzeitig im (unsichtbaren) Reich Gottes und in dieser (sichtbaren) Welt leben und die wir nicht als weltfremde Spinner alle Akzeptanz verlieren wollen, fällt es uns nicht immer leicht, uns dem Diktat des Zeitgeistes zu widersetzen. Wahrscheinlich war es auch dieser Konflikt, den der Apostel Paulus ansprach, als er der jungen Christengemeinde in der Großstadt Rom den Rat gab: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“10 Das ist guter Rat – auch für heute. Vielleicht gerade für heute.

Quellen:

1 Art. Szientismus, Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, hrsg. von Hans-Jörg Sandkühler und Arnim Regenbogen, 1990, Band 4, 506.
2 Logische Empiristen sprechen nicht mehr von Materialismus, sondern Physikalismus; vgl. Art. Physikalismus, in Band 3 der Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, hrsg. von Jürgen Mittelstraß, 1995, 237.
3 Die Fragen stellten Susanne Beyer und Martin Doerry.
4 „Wir wollen unsterblich sein”, in: Der Spiegel 24.12.2015.
5 Er hatte keinen Abschluss in Biologie oder in irgendeiner anderen Naturwissenschaft.
6 John F. Ashton, „Leben durch Zufall nicht möglich: Warum eine lebende Zelle nicht zufällig entstehen kann“, in: INFO VERO 09 (2016).
7 www.discovery.org.
8 Robert L. Crowther, II., „Over 500 Scientists Proclaim Their Doubts About Darwin’s Theory of Evolution” (2006), in: www.evolutionnews.org.
9 Lukas 18,8.
10 Röm 12,2.

 

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