Im Gedächtnis eingraviert

Geschichte
Im Gedächtnis eingraviert

Das erstaunliche Leben und Vermächtnis von Edward Foss

Mitten zwischen Feldern und Ackerwiesen versammelt sich eine große Traube von Menschen um einen schwarzen Granitstein. Nahezu alle hundert Einwohner von Redka-Duby sind gekommen; in dem kleinen Dorf im Westen der heutigen Ukraine fällt an diesem Tag der Unterricht für Schüler aus. Stattdessen findet auf dem kargen Gelände eines ehemaligen deutsch-adventistischen Friedhofs eine kleine Feier statt. Wo sich einst das Grab von Edward Foss befand, wird über sechzig Jahre nach seinem Tod ein Gedenkstein eingeweiht. Auf Ukrainisch steht darauf in geschwungener Schrift: „Ein gläubiger Christ, der dem Nächsten in der Not geholfen hat.“

Die Güte und Freundlichkeit dieses Menschen hatte sich im Gedächtnis der Einwohner eingraviert. Von Generation zu Generation gaben Ansässige die Geschichte von Edward Foss weiter, einem Deutschen, der Anfang des 20. Jahrhunderts in der damaligen ostpolnischen Ortschaft Redka-Duby lebte. Durch den Besuch eines Verwandten im Herbst 1902 wurde Edward mit der Adventbotschaft bekannt und schloss sich kurze Zeit später der Adventgemeinde an. Weil er seinen neuen Glauben offen bezeugte, entstand im darauffolgenden Jahr eine kleine Gemeinde in seinem Haus, die sich wiederum einige Jahre später mit einer adventistischen Gruppe des Nachbarorts Werda zusammenschloss.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde Edward Foss zusammen mit seiner Familie und 200.000 anderen Deutschen aus seinem Heimatort verschleppt und nach Sibirien deportiert. Auch wenn der Kampf ums Überleben bitter war, stand Gott ihnen in dieser Zeit bei. Nach dem Ende des Krieges entschloss sich Edward, mit seiner Familie wieder in seine alte Heimat Redka-Duby zu ziehen. Endlich angekommen, fand er bei seinem Haus keinen Stein auf dem anderen vor: Sein Zuhause war vollkommen zerstört und er musste von vorne beginnen.

Vom Christsein überzeugt

Durch harte Arbeit als Landwirt gelang es Edward nach einigen Jahren, sein Haus wiederaufzubauen. Zu jener Zeit lebten in seiner Nachbarschaft ukrainische Familien, deren Männer häufig wegen hohem Alkoholkonsum betrunken waren und ihre Ehefrauen schlugen. Bruder Foss hatte Mitleid mit den Frauen und besuchte die Familien mit dem Wunsch, ihre Lage zu verbessern. Durch sein Mitgefühl und seinen Einsatz unter den Ukrainern kamen während dieser Zeit nicht wenige zum Glauben.

Wenn der Winter hart war und viele im Dorf hungern mussten, klopften die von Edward betreuten Familien an seiner Haustür und baten, dass er ihnen Kartoffeln, Mehl oder Weizen ausleihe. Darauf entgegnete Bruder Foss, dem seine Nachbarn und insbesondere die Kinder am Herzen lagen: Ausleihen könne er ihnen die Lebensmittel nicht, sonst hätten sie ja nächstes Jahr wieder nichts zum Aussäen und müssten weiterhungern – aber er könne sie ihnen schenken. Mit seiner Freigebigkeit wuchs Edwards Ansehen unter den Einwohnern immer mehr. Die Menschen in seinem Ort bezeichneten ihn als echten Christen und kamen gerne, wenn am Sabbat bei ihm zu Hause Gottes Wort verkündigt wurde. Sie waren der Überzeugung, dass seine Kirche die Wahrheit lehrte.

Zu Unrecht gefoltert

Die evangelistische Arbeit von Edward Foss in Redka-Duby wurde abrupt beendet, als missgünstige Nachbarn ihn nach der Machtergreifung Adolf Hitlers im Jahr 1939 beschuldigten, ein Spion des deutschen Diktators zu sein. Daraufhin brachte man ihn in ein Arbeitslager in Weißrussland, wo er verhört und gefoltert wurde. Währenddessen betete seine Familie zu Hause ernstlich um seine Befreiung.

Als sich seine Unschuld herausstellte, kam er im August 1939 schwer entstellt und nur noch halb lebendig wieder nach Hause. Die Freude, dass er noch lebte, erfüllte das ganze Dorf. Und auch diejenigen, die ihn beschuldigt hatten, kamen zu ihm und baten um Vergebung.

Als zu Beginn des Zweiten Weltkriegs Hitler anordnete, dass alle Deutschen die Ostgebiete verlassen sollten, machte sich auch Bruder Foss bereit, sein bisheriges Zuhause aufzugeben. Er fuhr zu einem Schmied, um seine Pferde neu beschlagen zu lassen. Dabei schlug einer der Vierhufer heftig aus und verletzte Edward so schwer am Kopf, dass er im Dezember 1939 verstarb. Am 4. Januar 1940 machte sich seine Frau samt Kindern und Pferdegespann alleine auf den Weg in eine neue Heimat und ließ sich schließlich in Nauenburg bei Leipzig nieder.

Früchte über den Tod hinaus

Obwohl die Rote Armee im Jahr 1944 in einer sogenannten „Säuberungsaktion“ den gesamten adventistischen Friedhof von Redka-Duby dem Erdboden gleichmachte, behielten die Bewohner des Ortes den Grabplatz von Edward Foss und das Gedenken an ihn über Generationen hinweg in ihrem Herzen.

Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Adventgemeinde von S und Werda auflöste, schien es wie das Ende dieser Geschichte. Doch im Jahr 2002 erinnerte sich eine ältere Schwester aus der ehemaligen Gemeinde Redka-Duby/Werda an Bruder Foss und berichtete dem damaligen ukrainischen Vereinigungsvorsteher von seinem Dienst und Einsatz für die Bedürftigen. Als der Vorsteher Valentin Shewchuk Redka-Duby besuchte, konnten ihm die Bewohner tatsächlich die Stelle des Grabes von Edward Foss zeigen. Etwa ein Jahr später wurde in einer feierlichen Stunde ein Denkmal für Bruder Foss an derselben Stelle errichtet, an der einmal sein Grab gestanden hatte.

Adventistische Buchevangelisten, die daraufhin in dem Gebiet um Redka-Duby missionierten, fanden überall herzliche Aufnahme, wenn sie sagten, sie seien Glieder der Kirche, der Edward Foss einmal angehört hatte. Diese Bemühungen führten dazu, dass im Jahr 2005 nach 65 Jahren wieder eine Gemeinde mit zwanzig Gliedern in Werda gegründet wurde.

So hat die Güte und Freundlichkeit unseres Bruders über seinen Tod hinaus Früchte getragen. Mögen auch wir von seiner Geschichte motiviert und inspiriert werden, damit unser Leben in den Herzen unserer Mitmenschen ebenfalls solche Spuren hinterlässt.

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