... doch nicht so bald!?

Wiederkunft
... doch nicht so bald!?

Leben in der Naherwartung

Es ist der 9. November 2016, der „Morgen danach.“ Die Nachrichten überschlagen sich förmlich in ihrer Berichterstattung über die amerikanische Präsidentschaftswahl. Und es dauert nicht lange, da flattert schon die erste Anfrage bei mir herein, ob Trump jetzt die Erfüllung der Prophezeiung aus Offenbarung 13 sei. Kenne ich das nicht schon? Ein neuer US-Präsident, ein neuer Papst, eine neue Sonntagsgesetzgebungsinitiative, Atom-Supergau – das muss doch der Startschuss für die allerletzten Endzeitereignisse sein! Meine Mundwinkel verziehen sich leicht genervt. Ich erinnere mich, wie bei jedem Irakkrieg Stimmen laut wurden: das muss Harmagedon sein! Ich nippe genüsslich an meinem heißen Tee. Aber dann dämmert mir der eigentliche Ernst der Lage. Je länger routinierte Weltuntergangspropheten in regelmäßigen Abständen ihre Botschaften herausposaunen, desto mehr werden Menschen dadurch in den Schlaf gewiegt – denn es passiert ja nie etwas wirklich Dramatisches in unserem Leben, oder?


Wer zu viele Fehlalarme miterlebt hat, der glaubt es irgendwann nicht mehr, wenn es wirklich brennt. So bewirken „Katastrophen-Adventisten“ langfristig genau das Gegenteil dessen, was sie eigentlich wollen, nämlich einen „Lethargie-Adventismus.“ Vergeblich aufgerüttelt und danach wieder in den Tiefschlaf versenkt. Und dann müssen schließlich noch sensationellere Endzeit-Horrorszenarien effektheischend serviert werden, um uns hinter dem Ofen hervorzulocken. Ich unterdrücke einen Gähnanfall. Aber was, wenn doch … Kann es sein, dass wir uns langsam an das siedende Wasser um uns herum gewöhnen und uns in einer untergehenden Welt kuschelig wohlfühlen?

Adventisten haben seit dem 19. Jahrhundert tapfer verkündigt, dass Jesus bald kommt – doch er ist immer noch nicht gekommen. Und heute sind wir näher dran an der Wiederkunft Jesu als jede andere Generation vor uns – aber unsere Verkündigung der Wiederkunft Jesu dümpelt kraftlos vor sich hin. „Jesus kommt bald noch einmal“ – diese Hymne adventistischer Urüberzeugung ist heute zu einem leicht angestaubten Evergreen verkommen. „Jesus kommt bald“ – glaube ich das wirklich noch? Wie wirkt sich das in meinem Alltag aus?

Kleiner Zusatz mit fatalem Ende

Ich öffne meine Bibel und lese die Geschichte von zwei Knechten, mit der Jesus seine Endzeitrede beendet (Mt. 24,45-51). Beim letzten Vers stolpere ich über die Worte Jesu. Der zweite Knecht wird als Schlemmer, Trinker und Schläger beschrieben – doch warum rechnet Jesus ihn zu den Heuchlern? Auch dieser Knecht ist ein „Adventist“, also jemand, der an die Wiederkunft seines Herrn glaubt. Die Überzeugung, dass sein Herr kommt, gibt er nicht auf. Doch er formuliert es für sich so: „Mein Herr kommt – noch lange nicht!“ Jesus kommt schon zurück – aber eben noch nicht so bald. Und noch etwas fällt auf: Er verkündigt es nicht laut, denn es heißt über ihn „er sagt in seinem Herzen.“ Der Knecht tut weiterhin so, als sei er ein Adventgläubiger, aber innerlich hat er sich von der baldigen Wiederkunft verabschiedet. Nach außen hin erscheinen diese beiden Personen auf den ersten Blick fast identisch: Beide glauben, dass ihr Herr kommt – nur der eine macht für sich im Stillen einen Zusatz: „später, noch nicht so bald ...“ – „Heuchler!“ nennt ihn der Text am Ende.

Nun ja, denke ich, der zweite Knecht hat Zeit. Und wer Zeit hat, kann doch viel Gutes tun: Kleiderkammern einrichten, Konzerte und soziale Veranstaltungen organisieren, Flüchtlinge willkommen heißen ... Aber seltsamerweise fängt dieser Knecht an, immer mehr an sich selbst zu denken. Während der erste Essen austeilt, isst der andere selbst. Er bereichert sich auf Kosten der anderen Mitknechte. Er suhlt sich im Reichtum seines Herrn. Ich kenne das nur zu gut. Berauschen wir uns nicht auch so manches Mal an theologischen Gedankenergüssen und Sabbatschuldiskussionen – und die, die so dringend das geistliche Brot des Evangeliums brauchen, gehen leer aus?

Obwohl sich dieser zweite Knecht vom ersten nur durch einen kleinen gedanklichen Zusatz unterscheidet, ist sein Ende in der Erzählung Jesu fatal! Jesus scheint mir hier zu sagen: Ob du an die baldige Wiederkunft Jesu glaubst oder nicht, macht einen gewaltigen Unterschied in deinem alltäglichen Leben! Eine fehlende Naherwartung zeigt sich im Lebensstil.

Drei entscheidende Merkmale

Ich wende mich dem ersten Knecht zu. Er entspricht genau den Erwartungen seines Herrn, er wird glücklich gepriesen. Am Ende bekommt er reichen Lohn von seinem Herrn. Wodurch zeichnet sich dieser Knecht aus? Erstens ist er klug. Zweitens ist er treu. Und drittens: Er gibt den Leuten des Herrn rechtzeitig zu essen. Mir fällt auf, dass Jesus in Matthäus 25 drei weitere Geschichten erzählt, in denen deutlich wird, was er mit diesen drei Merkmalen ausdrücken möchte: Im Gleichnis von den zehn Jungfrauen macht Jesus klar, dass Klugheit bedeutet, sich durch die Kraft des Heiligen Geistes einen langen Atem schenken zu lassen. Ich glaube, das fällt leichter, wenn wir jetzt schon in solch einer Verbindung zum wiederkommenden Herrn leben, als ob er bereits sichtbar da wäre (vgl. Hebr. 11,27). Im Gleichnis von den Talenten zeigt Jesus auf, was Treue bedeutet; nämlich aktiv zu warten und Gaben und Fähigkeiten zum Wohl und Wachstum einzusetzen – nicht nur den Kirchen-Stammplatz warm zu halten und dabei Alibi-Cent-Stücke in den Klingelbeutel zu werfen. In der Szene vom Weltgericht macht Jesus deutlich, dass das Unterscheidungsmerkmal am Ende für die Gläubigen nicht nur der Sabbat sein wird, sondern ob sie die Geringsten angenommen, besucht, sie bekleidet und sie mit Essen und Trinken versorgt haben.

Als ich die Gleichnisse lese, höre ich Jesus zu mir sagen: „Lass zu, dass der Heilige Geist dich bleibend verändert! Setze deine von Gott gegebenen Talente ein, egal wie viel du bekommen hast (kein Neid!). Diene den Geringen mit Hingabe, als ob ich schon da wäre (denn ich bin in ihnen ja schon gegenwärtig)!“

Ich lehne mich auf meinem Stuhl zurück und denke nach. Ob ich in meinem Herzen den Herrn bald erwarte oder nicht, hat eine entscheidende Auswirkung auf mein jetziges Leben und mein zukünftiges Schicksal! Die auf Jesus warten, leben in einer Spannung: Sie hoffen inständig, dass er lieber heute als morgen kommt. Aber falls er übermorgen immer noch nicht gekommen sein sollte, haben sie in der Zwischenzeit ein Talent dazu gewonnen, Menschen zur richtigen Zeit zu essen gegeben und noch ein Ersatz-Ölfläschchen abgefüllt. Der Glaube, dass Jesus bald kommt, beeinflusst in der Tat, wie ich heute lebe.

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