„Ich fühlte mich nicht willkommen, weil ich nicht dem Idealbild entsprach.“

Leben
„Ich fühlte mich nicht willkommen, weil ich nicht dem Idealbild entsprach.“

Wie ein Jugendlicher trotzdem zurück in die Gemeinde fand

Obwohl Adrian Goltz als Kind gerne zum Gottesdienst ging, fühlte er sich als Teenager immer mehr abgestempelt und fehl am Platz. Warum er über Umwege einige Jahre später doch wieder den Fuß in eine Adventgemeinde setzte und sein Leben Gott übergab, und was Gemeinden aus seiner Geschichte für den Umgang mit Jugendlichen lernen können – das erzählt er hier.

Da stand ich wieder am Sabbat und musste mir anhören, wie selbstverliebt oder unchristlich mein Interesse für Mode war. Ich war mittlerweile 15 und ging nach dem Umzug unserer Familie auf ein christliches Gymnasium. Andachten, Predigten und Religionsunterricht waren in dieser Umgebung zwar allgegenwärtig, aber irgendwie interessierte mich das alles nicht mehr. Ich zweifelte nicht an der Existenz Gottes – das war nie mein Problem gewesen; aber Gott hatte einfach keine Relevanz für mein Leben. Ich interessierte mich weder für ihn noch für die Gemeinde.

In einer adventistischen Familie aufgewachsen, war ich schon von klein auf viel mit biblischen Geschichten in Kontakt gekommen und als Kind auch gerne in den Gottesdienst gegangen. Als ich dann aber älter wurde, entwickelte ich viele Interessen und Gewohnheiten, die in meiner Umgebung, also Schule und Kirche, kritisiert oder belächelt wurden. Musik, die ich hörte, wurde als schlecht eingestuft, genau wie Videospiele. Ich fühlte mich im Gemeindekontext einfach nicht willkommen und vor allem nicht zugehörig, weil vieles, was ich mochte, nicht dem erwarteten Idealbild entsprach. Umgekehrt konnte ich mich auch nicht mit dem identifizieren, was mir mein Umfeld vorlebte. Ich fühlte mich fehl am Platz und wollte mich auch nicht in dieses „System“ hineinzwängen. Zudem hatte ich außerhalb Freunde, die mich anscheinend viel besser verstanden, mich so annahmen wie ich war, und nicht jeden Schritt von mir beobachteten und bewerteten. Dadurch reifte immer mehr der Gedanke: Lieber mache ich zwanzig bis achtzig Jahre das, was ich will, und bin niemandem Rechenschaft schuldig, als mich irgendwo hineinzuzwängen, wo ich unglücklich bin, weil es nicht meiner Identität entspricht.

Von Herzlichkeit angezogen

So fing ich an, mein Glück dort zu suchen, wo alle in meinem Alter es taten. Ich ging auf „fette Partys“, in Clubs, feierte und trank. Als ich dann anfing, in Hannover Jura zu studieren, sah ich allerdings erst das Ausmaß davon: Zwei bis drei Mal die Woche große Mengen Alkohol zu trinken und feiern zu gehen, war für meine Studienkollegen an der Universität Alltag. Ständig wechselnde Partner und daraus resultierende psychische Probleme sowie komplett verdrehte Vorstellungen von glücklichen Beziehungen beobachtete ich ebenfalls bei vielen Freunden. Ich merkte außerdem, wie meine körperliche Fitness, meine Zufriedenheit mit mir selbst und mein Wohlbefinden immer weiter sanken. Beim Fußballspielen schaffte ich es nicht mal mehr, neunzig Minuten vernünftig durchzuspielen, im Fitnessstudio blieben die Fortschritte ebenfalls aus und ich wurde regelmäßig krank.

Alles in allem merkte ich, dass dieser Lebensstil mich einfach nicht weiterbrachte und ich mir selbst nur schadete. Und überhaupt: Ich wollte gar nicht so werden wie meine Freunde, einfach ohne Lebenssinn und nur für Partys und schnellen Spaß leben! Ich wollte etwas, das mich auf lange Sicht glücklich machte und mich persönlich weiterbrachte.

In dieser Zeit besuchte mich in meiner neuen Wohnung an einem Wochenende mal mein Vater. Für ihn war es selbstverständlich, dass wir am Sabbat zusammen zum Gottesdienst gingen, und da ich ihn nicht enttäuschen wollte, begleitete ich ihn. Als ich die Gemeinde betrat, erlebte ich zu meiner Überraschung etwas völlig Neues: Die Leute begrüßten mich herzlich, zeigten Interesse an mir, stellten mir Fragen und begegneten mir freundlich. Auch der Gottesdienst und die anschließende Jugendstunde überraschten mich. Ich hatte den Eindruck, dass nicht einfach ein strenges und kaltes Regelwerk abgearbeitet wurde, sondern die Leute wirklich von Liebe und Freundlichkeit erfüllt waren und auch die Jugendlichen in meinem Alter authentisch und echt ihren Glauben lebten.

Ich war begeistert von den Leuten dort und fing an, auch nach diesem Wochenende immer regelmäßiger die Partys sausen zu lassen und am Sabbat in die Gemeinde zu gehen. Besonders in der Jugendgruppe gab es eine tolle Gemeinschaft; man war wirklich ganz unbefangen und konnte auch Spaß miteinander haben, ohne dass jemand wegen irgendetwas angeprangert wurde. Das zog mich an. Denn mit den jungen Leuten in der Gemeinde konnte ich über wirklich tiefe Themen reden, während es an der Uni oft oberflächlich bei Fußball, Autos und Alkohol als Unternehmung blieb.

Eltern, die zeigen, wie Gott ist


Irgendwann traf ich schließlich die Entscheidung, mal wirklich alles, was mich beschäftigte, meinen Eltern anzuvertrauen. Normalerweise regelte ich meine Probleme selbst, da ich schon immer selbständig gewesen war. Aber dieses Mal schien es an der Zeit, alles auf den Tisch zu bringen. Ich merkte, wie gut es tat, mir all diese Dinge einfach von der Seele zu reden. Meine Eltern reagierten auch überhaupt nicht böse oder verurteilend, sondern waren froh und stolz, dass ich diese Entscheidung getroffen hatte. Am Ende eines langen Gesprächs beteten wir zusammen. Es war das erste Mal seit gut zwei Jahren, dass ich wirklich ernsthaft zu Gott kam und mit ihm redete. Und auch das erste Mal seit langem, dass ich Frieden verspürte. Die Tatsache, dass meine Eltern nicht verurteilend reagierten, sondern für mich da waren, als ich sie brauchte, drückt für mich aus, wie Gottes Charakter ist. Wenn sich Eltern schon nur das Beste für ihr Kind wünschen, wie viel mehr liebt uns Gott und möchte unser Leben zum Positiven verändern!

Kurz darauf traf ich daher die Entscheidung, mir selbst nochmal die Chance zu geben, mit Gott zu leben. Ich fing an, den Glauben wirklich ernst zu nehmen und merkte, wie ich immer glücklicher und zufriedener wurde. Mein Leben bekam einen tiefen Sinn und in der folgenden Zeit bestätigte Gott meine Entscheidung durch die eine oder andere Erfahrung. Außerdem bekam ich die Möglichkeit, Studienkollegen und Freunden zu helfen, die Probleme hatten und unglücklich mit ihrem Leben waren. Auch mir hatten damals gute Freunde aus der Gemeinde beigestanden, die, obwohl ich mich aus dem Kirchenkontext zurückgezogen hatte, für mich da waren und mir Verständnis entgegenbrachten.

Mit der Zeit legte Gott mir aufs Herz, ihm ein Jahr zu schenken, damit ich ihn besser kennenlernen konnte. So entschied ich mich, mein Studium zu unterbrechen und die Josia-Missionsschule in Isny zu besuchen. In diesem Jahr ist für mich immer deutlicher geworden, dass die Prinzipien, die Gott uns gibt, Sinn machen. Was wir dabei jedoch vergessen, ist, dass es oftmals Zeit braucht, um diese Prinzipien zu verstehen! Nicht selten versuchen Gläubige, die schon viele Jahre mit Gott leben, Regeln, die sie aus Prinzipien erkannt haben, auf junge Menschen umzumünzen und damit eine Entwicklung herbeizuführen oder zu beschleunigen. Doch eine solche Entwicklung braucht Zeit! Umso wichtiger ist es, statt gutgemeinter Ratschläge (auch wenn sie die „richtigen Dinge“ vermitteln) zuzuhören, damit sich die Jugendlichen in unseren Gemeinden verstanden fühlen. Denn wenn wir das Signal senden: „Egal, was du für Entscheidungen triffst – ich möchte für dich da sein und dich verstehen“, wird in ihrem Herzen der Wunsch wachsen, einen Gott kennenzulernen, der genau so denkt.

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