Botschafter der Hoffnung

Soziales
Botschafter der Hoffnung

Ein persönlicher Standpunkt zur humanitären Arbeit bei ADRA Deutschland

In einer Welt, in der Nöte und Probleme nie ein Ende nehmen, ist die Versuchung groß, entmutigt zu resignieren. Warum die adventistische Hilfsorganisation ADRA sich dennoch mit aller Kraft für Gerechtigkeit einsetzt und was Geschäftsführer Christian Molke bei seinem Dienst bewegt, erklärt er hier.

Ich saß auf dem Boden in einer von ADRA aufgebauten Hütte und schaute in die rot entzündeten Augen eines Familienvaters. Durch die Übersetzerin erfuhr ich, wie dieser Familienvater und seine Frau mit ihren zwei kleinen Kindern allen Besitz durch den Wirbelsturm Haiyan verloren hatten. Auf den Philippinen war dies das Schicksal hunderttausender Familien. Jetzt aber saß ich dort auf dem nackten Hüttenboden und fing an zu erahnen, welch brutales Schicksal diese Menschen durchlitten hatten. Niemals mehr werde ich die Antwort des Vaters auf meine Frage vergessen, was sich denn zum Besseren gewendet hätte. Seine Antwort benötigte keine Übersetzung mehr, denn er spielte mir ohne Worte vor, was sich seit dem Einzug in das neue Haus zum Positiven verändert hatte.

Er ließ mich verstehen, wie in der alten provisorischen Hütte – wenn man das überhaupt so nennen konnte – das Dach an fast allen Stellen undicht gewesen war. Dazu legte er sich ganz auf den Boden wie zum Schlafen nieder. Alle paar Sekunden kroch er vor mir her an eine andere Stelle im Raum und simulierte Regentropfen, die in der Nacht auf seinen Kopf geprasselt waren. Dann schob er sich auf dem Boden wie im Schlaf wieder ein paar Zentimeter weiter, um sich den nervtötend prasselnden Tropfen auf die Schläfe oder Stirn zu entziehen. Nacht für Nacht, den Schlaf und die Kräfte raubend, bis an die Grenze dessen, was man als Mensch aushalten kann. Schließlich richtete er sich wieder in die Sitzposition auf, schaute mich an und ein Lächeln ging über das Gesicht. Sein Zeigefinger deutete auf das wasserdichte Dach der neuen Behausung über unserem Kopf. Im Herzen berührt schaue ich in Gesichter voller Dankbarkeit.

Barmherzigkeit am Nächsten


Jedes Leben zählt! Jede einzelne Familie ist unendlich wichtig. In diesen Augenblicken habe ich nicht an die vielen hundert anderen Familien gedacht, denen unsere adventistische Hilfsorganisation ADRA in gleicher Weise ein neues Zuhause bauen konnte. Mir wurde schlagartig klar, was unserem liebenden Vater wichtig ist und was unsere Mission bei ADRA im Kern bedeutet.

Gerechtigkeit, Mitgefühl und Liebe sind die drei Kernwerte, die wir zurzeit in unserer Kommunikation bei ADRA in den Mittelpunkt stellen. Mit Gerechtigkeit ist die biblische Definition gemeint, wie sie von den Propheten im Auftrag Gottes eingefordert wurde. Ein Gerechter ist derjenige, der als Frommer und Gottesfürchtiger nicht nur sein Verhältnis zu Gott ins Reine bringen möchte, sondern verstanden hat, dass die Zuwendung zu den Ärmsten der Armen ebenfalls wichtig ist.

Auch Hiob hat in seiner Weisheit verstanden, dass darin ein unzertrennlicher Zusammenhang besteht. „Wer Barmherzigkeit seinem Nächsten verweigert, der gibt die Furcht vor dem Allmächtigen auf“, heißt es in Hiob 6,14. Dieser Bibelvers bringt es auf den Punkt. Die Propheten im Alten Testament haben aufs Schärfste kritisiert, wenn vermeintlich Fromme großen Aufwand im Tempel betrieben, aber gleichzeitig die Witwen, Waisen und Armen vergaßen. Das wurde von Propheten als Gotteslästerung gebrandmarkt. Deshalb drückte es Jesus sogar in zweifacher Form aus. „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40) Und einige Verse später dann erneut: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.“

Kann man deutlicher zum Ausdruck bringen, wie wichtig Christus unsere Verbundenheit mit den Unterdrückten ist, den am Rande der Gesellschaft Stehenden, den Flüchtenden (auf dem Wasser- und auf dem Landweg), den Schwächsten und Ärmsten, den hilflosen Kindern und den schwachen Alten, den Gefangenen und in Sklavenarbeit Angeketteten – und mit den Menschen, die ungleich schlechtere Chancen im Leben haben als wir hier in Deutschland? Mich bewegen diese Prioritäten Gottes, die offensichtlich in dieser letzten Weltzeit von höchster Bedeutung sind. Als sabbathaltende Christen können uns die durch Armut benachteiligten „Mit-Menschen“ und die geschundene Schöpfung, unsere „Mit-Welt“, nicht egal sein!

Ein Gerechter und Gottesfürchtiger ist, wer mit diesen Kindern Gottes in Mitgefühl und Liebe Sorge trägt. Das ist es, was mich bewegt! Dafür setze ich mich ein und dafür kämpfen wir bei ADRA – manchmal auch über die eigenen Kräfte hinaus.

Hoffnung für die Zukunft


In meinem Dienst für ADRA komme ich in Deutschland mit vielen Menschen in Kontakt, denen ich zum ersten Mal begegne. Ein typisches Gespräch läuft wie folgt: „Sie sind der Geschäftsführer von ADRA? Von dieser Organisation habe ich noch nie etwas gehört. Wofür steht die Abkürzung ADRA?“, fragt mich mein interessierter Gesprächspartner. „Die Buchstaben stehen für Adventist Developement and Relief Agency.“, antworte ich sogleich. „Aha, eine Hilfsorganisation. Und was ist Adventist? Ist das was Religiöses?“ Gut kombiniert, denke ich mir. Und gleich kommt nach meiner Bestätigung, dass wir eine glaubensbasierte (engl. „faith based organization“, FBO) Hilfsorganisation sind, die Frage hinterher: „Von Adventisten habe ich nie etwas gehört. Was machen Adventisten anders als andere Christen?“ Nicht schlecht, mein Gegenüber kommt gleich zum Punkt, denke ich weiter.

Für diesen Moment habe ich mir eine Formulierung überlegt, die ein generelles Problem anspricht, das in Diskussionsforen unter Hilfsorganisationen und mit Beteiligung von Verantwortungsträgern immer wieder auftaucht und häufig als Berufskrankheit von Not- und Entwicklungshelfern bezeichnet wird, nämlich eine Verzagtheit und Entmutigung, weil die Nöte und Probleme nie ein Ende nehmen. Angesichts der großen Herausforderungen weltweit ist die Versuchung groß, dass man in Zynismus und Depression verfällt ... Mit einer solchen Erfahrung im Hintergrund antworte ich meinem Gegenüber: „Adventisten sind unverbesserliche Optimisten, weil sie fest daran glauben, dass die Geschichte der Menschheit gut ausgeht (Wiederkunft Christi)! Dieser Glaube gibt Motivation und Tatkraft, die Probleme der Gegenwart zu bewältigen und nicht in eine Vogel-Strauß-Politik zu verfallen!“

Es entstehen einige Sekunden Sprechpause und Nachdenken zwischen meinem Gesprächspartner und mir – und dann kommt es sehr klar heraus: „Herr Molke, das ist es, was wir brauchen. Menschen, die eine Hoffnung für die Zukunft haben und deshalb Resilienz (Stabilität) und einen Blick für das Machbare entwickeln.“ So einfach geht also Mission. Oft bleibe ich mit meinem Gegenüber weiter im Gespräch und wir entfalten diesen so grundlegenden und wertvollen Gedanken, der aus tiefster Überzeugung und Glauben an einen liebenden Gott entspringt. Nicht immer, aber erstaunlich oft, gehen wir mit einem Gebet auseinander und ich muss mich wundern, wie viele Menschen, von denen ich es im ersten Augenblick nicht gedacht hätte, ebenfalls einen tiefen Glauben leben. Für diese Erkenntnis bin ich sehr, sehr dankbar. Meine Arbeit für ADRA hat mir hier die Augen geöffnet.

Als Pastor bin ich Zeuge für die Kraft der Worte Christi, die den Glauben hervorbringt (Rö 10,17). Als Diener im ADRA-Netzwerk bin ich Zeuge für das Reich Gottes, das sich nach Vollendung sehnt. Darüber hinaus hat Gott uns alle zu diesem Zeugendienst gerufen. Das bewegt mich sehr. Denn in der Nachfolge Christi kommt etwas zusammen, was zusammengehört: Die Beziehung zu unserem himmlischen Vater im Glauben an Jesus Christus und der gelebte Glaube durch eine heilvolle Beziehung zu unseren Mitmenschen und zur Schöpfung, unserer „Mit-Welt“ (im Gegensatz zu einer „Um-Welt“), sind eine unzertrennliche Einheit. Als Kinder Gottes dürfen wir zu Botschaftern der Hoffnung werden. Das ist das feste Fundament für unseren Auftrag bei ADRA.

Weitere Informationen zu Projekten von ADRA sowie der Möglichkeit zur Spende gibt es unter www.adra.de

Urheberrechtshinweis

Die durch die Seitenbetreiber erstellten Inhalte und Werke auf diesen Seiten unterliegen dem deutschen Urheberrecht. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung des jeweiligen Autors bzw. der Redaktion. Die Autoren verfassen Artikel nicht zur freien Veröffentlichung z.B. Internet oder auf Social Media-Plattformen. Es ist daher nicht gestattet, Inhalte von BWgung ohne Erlaubnis zu veröffentlichen.

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Inhalte und Dienste. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
Unsere Datenschutzerklärung