Massaker im Gelobten Land?

Altes Testament
Massaker im Gelobten Land?

Gott unter Verdacht

Achan zückte sein scharfes Schwert – einen kurzen Moment musste er zögern, doch dann schlug er zu. So ähnlich hatte Gott es ja befohlen, dachte er. Zumindest waren das die Worte des großen Mose gewesen, die Josua ihnen allen am Vorabend noch einmal in Erinnerung gerufen hatte: „Von den Städten dieser Völker, die der Herr, dein Gott, dir als Erbteil gibt, sollst du nichts leben lassen, was Odem hat“ (5 Mo 20,16).1

Gottes Befehl, die Kanaaniter beim Einzug ins Gelobte Land zu töten, zählt zu den schwierigsten ethischen Fragen des Alten Testaments, und das Verständnis darüber beeinflusst unser Gottesbild entscheidend. Wie kann ein heiliger, gerechter und liebender Gott wollen, dass alle Bewohner des Landes, in das sein Volk ziehen soll, getötet werden? Was für ein Gott befiehlt einen derart abscheulichen Völkermord?

Gott – ein blutrünstiger Schlächter?

Für Bibel-Paparazzi kommt die „Ermordung der Kanaaniter“ gerade recht. Sie zählt zu einer ihrer größten Trophäen. Mit ihrem „mentalen Fotoapparat“ bewaffnet, drücken sie immer genau dann ab, wenn sie glauben, dass Gott in einem unvorteilhaften Licht erscheint. Und ihre „Schnappschüsse“ stellen sie dann zu einem Album des verzerrten Gottesbildes zusammen. Auf diese Weise erscheint der Gott des Alten Testaments als ein (un)moralisches Monster! Dass von so einem Gott kaum jemand etwas wissen will, ist wohl kein Wunder. Denn schließlich entscheidet unser Gottesbild darüber, ob wir uns Gott nähern oder ihm aus dem Weg gehen.

Kaum eine Begebenheit hat die Auffassung über Gottes Wesen so in Verruf gebracht wie die Tötung der Kanaaniter. Mancher Leser ist verstört, verständnislos und sucht verzweifelt nach einer Erklärung ... und nach dem wahren Wesen Gottes im Alten Testament. Zwei Fragen sind es vor allem, die sich beim Lesen dieser herausfordernden Texte stellen, wobei die zweite aus meiner Sicht die problematischere ist: 1. Warum sollten die Kanaaniter vertrieben oder umgebracht werden? 2. Warum beauftragte Gott Menschen, dies durchzuführen? Überschreiten wir also den Jordan, um uns diesen beiden Fragen zu widmen.

Die „guten“ alten Zeiten

Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass der Auftrag, die Kanaaniter zu vertreiben, zu einer bestimmten Zeit (15.-14. Jh. v. Chr.) für einen bestimmten Ort (Kanaan) unter bestimmten Umständen gegeben wurde. Da es schon lange keinen theokratischen (d.h. von Gott geführten) Staat mehr gibt, können wir heute die Kriege im Buch Josua nicht als Vorbild oder Verhaltensprinzip für uns heranziehen.

Im altorientalischen Kontext war die kriegerische Beschreibung der Landnahme Israels jedoch nichts Ungewöhnliches. Die folgenden Auszüge von drei historischen Berichten über militärische Eroberungen aus damaliger Zeit belegen dies, zeigen allerdings auch Unterschiede zur Begebenheit im Buch Josua:

So schildert etwa der ägyptische König Thutmosis III. (um 1486-1425 v. Chr.) in seinen Aufzeichnungen, wie er im Typus eines apokalyptischen Gemetzels eine syrische Koalition unter der Führung des Erzfeindes Mitanni bei Megiddo schlug. Dabei endet er mit der Feststellung: „Ihre Krieger lagen hingestreckt wie die Fische im Bausch des Netzes.“2

Auf dem sogenannten Moabiterstein, der im Musée de Louvre in Paris zu bewundern ist, rühmt sich König Mesa (um 850 v. Chr.), dass er die israelitische Stadt Nabo in einer Nacht- und Nebelaktion einnahm und alles darin tötete, „siebentausend Männer und Knaben und Frauen und Mädchen und Sklavinnen.“3

Der assyrische König Salmanassar III. (858-824 v. Chr.) feiert in der Steleninschrift Kerh-i-Diele die entscheidende Schlacht gegen eine syrische Koalition, zu der auch der israelitische König Ahab gehörte, als Erfolg auf ganzer Linie: „14.000 ihrer Kampftruppen fällte ich mit Waffen. [...] Ihre Leichen verstreute ich, füllte [mit ihnen] die Steppe. Ihre massenhaften Truppen fällte ich mit Waffen. Das Feld des Bezirks war zu klein, um sie niederzumachen, das weite Gefilde reichte nicht aus, sie zu begraben. Mit ihren Körpern staute ich den Orontes wie mit einem Damm.“4 Obwohl die Schlacht historisch unentschieden endete und Salmanassar III. das militärische Patt propagandistisch ausschlachtete, geben solche Kriegsberichte doch einen Eindruck darüber, mit welch brutaler Gewalt es in altorientalischen Zeiten zuging.

Der Bericht im Josuabuch unterscheidet sich in wesentlichen Punkten: Zwar wird in Josua 10,40 und 11,12-15 gesagt, dass Josua das gesamte Land und alle Bewohner mit der „Schärfe des Schwertes“ schlug, aber das betraf nur den südlichen Feldzug und damit den kleineren Teil des Landes. Der Rest des Buches zeichnet ein genaueres Bild: Die Israeliten töteten nicht alle Kanaaniter. „Sehr viel Land“ musste noch eingenommen und viele Bewohner vertrieben werden (Jos 13,1-6). Tatsächlich wurden viele Gebiete nicht erobert und das Vernichtungsversagen wird immer wieder konstatiert (Jos 15,63; 16,10; 17,12; Ri 1,19-34).

Außerdem finden sich im Buch Josua keine Berichte über Verstümmelungen oder Brutalität. Männer und Frauen werden nur zwei Mal in den Feldzugberichten erwähnt: bei der Eroberung von Jericho (6,21; zusammen mit Senioren und Kindern) und von Ai (8,25). Allgemein besteht die Vermutung, dass in altorientalischen Kriegsschilderungen „Männer und Frauen“5 stereotypisch für eine vollständige Zerstörung stehen, ohne zwingend zu meinen, dass Frauen oder auch Kinder getötet wurden.

An dieser Stelle sollte zudem betont werden, dass man nach Glorifizierung von Gewalt in der Bibel vergeblich suchen wird. Der Krieg Israels war ein Krieg um ein Heimatland, kein Expansionskrieg, wie die Assyrer oder Moabiter ihn führten, um ihre Grenzen zu erweitern. Nach der Eroberung Kanaans waren alle weiteren von Gott angeordneten oder sanktionierten Kriege reine Verteidigungskriege.

Die Vertreibung der Kanaaniter

Das Motto der Landnahme sollte nicht die Vernichtung, sondern die Vertreibung der Kanaaniter sein. Mose versprach dem Volk, falls es treu bleiben sollte, dass Gott „alle Nationen vor euch vertreiben wird; und ihr werdet Nationen vertreiben, größer und stärker als ihr“ (5 Mo 11,23). Die Vokabel „vernichten“ kommt einige Male im Zusammenhang mit der Landnahme vor6, aber das weitaus häufigere Thema ist „vertreiben“.7 Eine Vertreibung muss nicht notwendigerweise brutal vor sich gehen, denn Gott wollte auch, dass der Pharao das Volk Israel aus Ägypten „vertreiben“ oder „verjagen“ sollte (2 Mo 6,1; 11,1; 12,39).8 Israel musste Goshen, seine Heimat von 430 Jahren, verlassen, aus Ägypten ausziehen und ein neues Siedlungsgebiet finden. Gott wollte das so. Das Vertreiben aller kanaanitischen Stämme bedeutet also nicht, dass ihr Blut das Land Kanaan tränken musste. Vielmehr war es Gottes Plan, das Land von verderblichen und gottesfeindlichen Einflüssen zu befreien.

Es ist ein Missverständnis, wenn wir glauben, dass Gott die Auslöschung oder Ausrottung der gesamten kanaanitischen Stämme im Sinn hatte. 2. Mose 23,27-33, 4. Mose 33,51-56 und 5. Mose 7,22 offenbaren deutlich Gottes Absicht, diese Völker nach und nach aus dem Lande zu treiben. Nur jene, die trotz Warnung starrköpfig oder herzenshart an ihrem Ort blieben, mussten mit der Vernichtung rechnen.

Israelitische Kriegsführung

Das Vorgehen der Israeliten im Krieg legte Gott in 5. Mose 20,10-18 fest. Ganz grundsätzlich sollten sie bei einer kriegerischen Auseinandersetzung einer Stadt zuerst Frieden anbieten. Wenn die Bewohner zustimmten, blieben sie als Kriegsgefangene oder Versklavte am Leben (20,10.11; 21,10-14). Lehnten sie ab, wurde die Stadt belagert und bei einer Eroberung ihre Kämpfer getötet. Gehörte diese Stadt jedoch zum kanaanitischen Land, sollte Israel keinen Frieden anbieten, sondern „unbedingt den Bann vollstrecken“, also alle streitbaren Kämpfer töten. Der „Bann“ betraf nur die Städte Kanaans und muss als Ausnahme zur prinzipiellen Kriegsführung verstanden werden.

Jericho (Jos 6,21), Ai (8,24-27) und einige andere Städte wurden beim südlichen Feldzug vernichtet (alle gelistet in 10,28-40); beim nördlichen Feldzug waren es nur vier Städte (11,11-14). In Josua 11,19 wird schließlich das Resümee gezogen: „Es gab keine Stadt, die sich den Söhnen Israel friedlich ergab, außer den Hewitern, die in Gibeon wohnten, alles andere nahmen sie im Kampf ein.“ Es gab also bei der Vernichtung Ausnahmen wie Gibeon. Es wurde bei weitem keine Ausrottung vorgenommen. Deshalb schärfte Josua in seiner Abschiedsrede dem Volk ein, sich nicht mit dem „Rest dieser Nationen“ einzulassen (Jos 23,12.13).

Warum befahl Gott die Vertreibung?

Gott hatte gute Gründe, wenn er befahl, die Kanaaniter zu vertreiben oder den Bann an ihnen zu vollstrecken:

1. Die Sünden der Kanaaniter:
Die Völker in Kanaan brachten das Gottesgericht über sich selbst, weil sie das Maß ihrer Sünde erfüllten. So kündigte es Gott in 1. Mose 15,16 an: „Und in der vierten Generation werden sie hierher zurückkehren; denn das Maß der Schuld des Amoriters ist bis jetzt noch nicht voll.“ Gott zeigte lange Geduld, doch zur Zeit Josuas war das Limit letztendlich erreicht. Darum erklärte er, dass er die Nationen wegen ihrer Schuld und Gottlosigkeit vor Israel vertreiben würde (5 Mo 9,4.5).

Um welche Sünden der Kanaaniter handelte es sich? Die in 3. Mose 18,6-23 verzeichneten Sünden orientieren sich an der kanaanitischen Praxis (V. 3.24.27.30). Die meisten von ihnen gelten heute in praktisch jeder Kultur als genauso grässlich wie damals: Inzest, Ehebruch, Kindesopfer, homosexuelle Handlungen, Sex mit Tieren. In 5. Mose 18,9-14 fügt Gott zu diesen Sünden noch die Gräuel des Okkultismus hinzu. Eine weitere, oft unbeachtete Sünde ist der aktive Widerstand der Völker gegen Gottes Volk (Jos 9,1.2; 10,1-5; 11,1-5). Obwohl sie von Israels Siegen und Gottes Wirken gehört hatten, versammelten sie sich, „um gegen Israel zu kämpfen.“ Mit diesem Verhalten zeigten sie eine bewusste Missachtung Gottes.

Bereits zuvor waren andere kanaanitische Stämme und umliegende Völker den Israeliten mit unverhohlener Feindschaft begegnet: Die Amalekiter (2 Mo 17,8-16), der Kanaaniterkönig von Arad (4 Mo 21,1-3), die Amoriter (4 Mo 21,23-32; 5 Mo 2,32-36) und Baschan (4 Mo 21,33-35; 5 Mo 3,1-22) initiierten Kriege gegen die aus der Sklaverei entflohenen Israeliten, obwohl diese keinen Kampf gesucht hatten. Die Aggressoren wurden „mit der Schärfe des Schwertes“ geschlagen (2 Mo 17,13; 4 Mo 21,24), genauso wie die übrigen kanaanitischen Stämme bei der Landnahme.

Die in der Bibel genannten Sünden hinsichtlich Sex und Gewalt sind in der kanaanitischen Religion nicht unbekannt. Ugaritische Texte offenbaren sakrale Prostitution, d.h. sexuelle Rituale zwischen dem Kultpersonal und den Anbetern, die im Fruchtbarkeitskult des Baal auf magische Weise die Götter dazu verleiten sollten, der Erde mehr Fruchtbarkeit zu schenken. Ein weiteres Beispiel für die Abart der kanaanitischen Religion ist Baals Schwester und Ehefrau Anat, die Göttin des Kriegs und der Liebe, die einmal entsetzlich blutrünstig, ein anderes Mal wieder begehrenswert, sinnlich und promiskuitiv auftritt. Eine haarsträubende Beschreibung ihres Blutdurstes stammt aus dem religiös grundlegenden Baalsmythus: Nachdem sie ihre Feinde niedergemetzelt hat, schreitet sie über die Schädel hinweg und wirbelt die abgetrennten Hände durch die Luft. Sie bringt Köpfe um ihren Hals an und bindet Hände an ihren Gürtel. Voll sadistischer Freude watet sie lachend bis zu ihren Knien, ja, ihrem Nacken, im Blut der Gegner (KTU 1.3 II).

Nun sind Menschen so erschaffen, dass sie das Bild Gottes widerspiegeln. Welches Bild sie von Gott (oder den Göttern) haben, zeigt sich in ihrem Leben. Die kanaanitische Religion war keine abstrakte, sondern eine praktische Religion, bei der die Menschen ihre Götter imitierten. Mit dem kanaanitischen Konzept von Sex und Gewalt im Namen der Religion erstaunt es nicht, dass die Völker Kanaans dem ständigen Wirken Gottes gegenüber abgestumpft und geradezu abgetötet waren. Ihr moralisches Unterscheidungsvermögen lag jenseits von Gut und Böse. Es blieb Gott in seiner Gerechtigkeit und Gnade gar nichts anderes mehr übrig, als das Leben dieser Menschen ihrem moralischen Zustand gleichzusetzen – und ihre Existenz zu einem Ende zu bringen.

2. Zeit zur Umkehr:
Gott schenkt immer Zeit zur Umkehr, die Kanaaniter nutzten ihre Chance jedoch nicht. Wie in anderen Fällen auch kündigte Gott das Gericht über die Kanaaniter an (1 Mo 15,16). Zu Abrahams Zeiten war ihr Sündenmaß „noch nicht voll.“ Sie waren noch nicht reif für das Gericht, das Land war noch nicht bereit, um seine Bewohner auszuspeien (3 Mo 18,25). Sie bekamen sage und schreibe 430 Jahre lang Zeit, ihr Verhalten zu überdenken und sich Gott zuzuwenden.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass Menschen nicht sofort sterben, wenn sie sündigen, denn laut der Heiligen Schrift hätten alle den Tod verdient. Das klingt zwar nicht populär, ist aber so. Selten ergeht Gottes Urteil blitzschnell, meistens stirbt kaum jemand auf der Stelle, wenn er sündigt (Pred 8,11). Warum? Ganz einfach. Gott ist ein Gott der Gnade, der langsam zum Zorn ist (2 Mo 34,6.7). Er verzögert das Gericht, sodass Bekehrung möglich ist. Diese Verzögerung, und damit Gottes Gnade, sollten wir jedoch nicht für selbstverständlich halten.

Hatten die Kanaaniter die Möglichkeit zu Reue und Umkehr? Ja. Abrahams Sieg als Zeugnis für den höchsten Gott (1 Mo 14,17-20), der Untergang von Sodom und Gomorra als Warnung (1 Mo 19), der von Wundern begleitete Auszug aus Ägypten und die Prophezeiungen Bileams (4 Mo 22-24) sind unübersehbare Botschaften. Rahab ist ein Beispiel dafür, wie es funktionierte. Sie berichtete den israelitischen Spionen, dass sie und alle Bewohner Jerichos und des Landes Kanaan davon gehört hatten, was vor etwa vierzig Jahren (!) in Ägypten geschehen war und wie Israel die Kämpfe im Ostjordanland gewann, und dass die Kunde davon sie alle in Furcht versetzte (Jos 2,8-13). Sie war überzeugt, dass der Gott Israels der Gott im Himmel und auf Erden ist, und bat um Gnade. Sie wusste nicht nur, dass es Gott gibt, sie suchte auch seinen Schutz. So sieht errettender Glaube aus! Deshalb blieb Rahab, eine Kanaaniterin, mitsamt ihrer erweiterten Familie am Leben.

Die anderen Bewohner Kanaans hatten ebenso von den Ereignissen gehört. Sie hatten die gleiche Chance wie Rahab, aber ihre Furcht verwandelte sich nicht in Ehrfurcht vor Gott, selbst als sie vom Wunder der Durchquerung des Jordans hörten (vgl. 5,1 mit 2,11). Sie verpassten die Möglichkeit, ihre Einstellung zu ändern. Sie waren ungehorsam (Hebr 11,31) und ihr Herz war verstockt (Jos 11,19.20). Wenn davon die Rede ist, dass Gott ihr Herz verstockte, dann ist dies genauso wie beim Pharao zu verstehen, der sein Herz nach jeder der ersten fünf Plagen verstockte, bis Gott diese Hartherzigkeit akzeptierte und gewissermaßen festmachte.

Als Israel nun vor den Toren Kanaans stand, hatte die Bevölkerung eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen: Hingabe an Gott (wie Rahab) oder Widerstand und Angriff (wie die kanaanitischen Könige). Wer den Israeliten mit Freundlichkeit begegnete und sich vom Heidentum lossagte, war unter Gottes Volk willkommen. Ob Rahab, ein Mann aus Bethel (Ri 1,24.25), die listigen Gibeoniter (Jos 9) oder die Keniter (1 Sam 15,6) – sie alle blieben am Leben, wie alle anderen Fremden, die sich Israel anschlossen (Jos 8,33-35; 20,9). Gott ist xenophil (fremdenfreundlich), nicht xenophob (fremdenfeindlich). Er bietet dem Fremden Schutz, wenn dieser bei ihm danach sucht. Von Anfang an beabsichtigte Gott, alle Nationen, Stämme und Völker der Erde zu erlösen (1 Mo 12,3 bis Offb 14,6).

3. Ein Heimatland als Geschenk:
Nach dem Auszug aus Ägypten brauchte Israel eine neue Heimat. Die Vorfahren Israels hatten in Kanaan gelebt, Besitz gekauft und waren dort begraben worden (1 Mo 23,16-20; 25,9.10; 33,19; 50,13). Es war den Patriarchen und dem Volk Gottes versprochen worden (12,1.7; 13,15-17; 15,7.18; etc.) und gehörte zum Segen Gottes. In diesem Land wollte Gott Wunder tun, nicht nur für sein Volk, sondern um alle Nationen der Erde zu sich zu ziehen. Natürlich lebten darin andere Völker, die es als ihr Heimatland betrachteten, aber Gott fällte das Urteil, dass diese Menschen wegen ihres ethisch-moralischen Verhaltens ihr Anrecht darauf verloren hatten.

Und auch Israel würde sein Anrecht auf das Heimatland verlieren, wenn es Gott untreu werden würde! Genau das passierte, als Israel (2 Kön 17) und Juda (2 Kön 24-25) vernichtend geschlagen und ins Exil geführt wurden. Gott bestrafte nicht nur die Kanaaniter, sondern auch sein eigenes Volk. Gott bleibt sich treu und ist in seinen Erwartungen und seiner Handlungsweise konsequent. Er gewährte Israel das Land, aber er würde sie auch wieder vertreiben, wenn sie, wie die Kanaaniter, von ihm nichts wissen wollten (5 Mo 4,26; 8,19.20; 28,63; Jos 23,13-16).

4. Unverfälschte Gottesverehrung:
Gott wollte, dass die Israeliten in Kanaan die wahre Anbetung bewahrten. Der Auftrag Gottes zur Austreibung und Vernichtung der Völker Kanaans (4 Mo 33,50-53; 5 Mo 7,1-6.16-26; 20,17.18; vgl. 2 Mo 23,23.24) wird immer mit der Gefahr des Götzendienstes begründet: „[...] damit sie euch nicht lehren, nach all ihren Gräueln zu tun, die sie ihren Göttern getan haben, und ihr so gegen den Herrn, euren Gott, sündigt“ (5 Mo 20,18). Deshalb befahl Gott seinem Volk, keinen Bund mit den Kanaanitern zu schließen, ihre Altäre und religiösen Standbilder niederzureißen und sich nicht mit ihnen zu verheiraten (2 Mo 34,12-16).

Gottes Befürchtung, dass Israel der sinnlichen Anziehungskraft der kanaanitischen Religion erliegen könnte, war berechtigt. Das hatte sich bereits bei der Anbetung Baal-Peors schmerzlich gezeigt (4 Mo 25,1-3) und zieht sich wie ein blutroter Faden durch die spätere Geschichte des Nordreiches. Die Religion Kanaans war eine ernste Bedrohung für das Leben mit Gott.
 
Weil die Israeliten dem Vertreibungsauftrag nicht völlig nachgekommen waren, entstand im weiteren Verlauf der Geschichte viel Leid für Gottes Volk. Die Folgen waren feindliche Unterdrückung, Invasionen, Zerstörungen, religiöser Abfall bis hin zur grauenvollen Kindopferpraxis (2 Kön 16,3; 17,17; 21,6; 23,10; Jer 7,31), und schließlich das Exil.

5. Ein Beispiel für den Krieg der Welten und Gottes Endgericht:
Die Heilige Schrift versichert uns, dass Gott am Ende der Zeit auch Gericht über die Gottlosen halten wird. So dient die Geschichte der Eroberung Kanaans als gleichnishaftes Modell für diesen letzten „Zorn“ Gottes. Gleichzeitig ist es ein Teil der großen Auseinandersetzung zwischen Gott und Satan. Die kanaanitische Religion war keineswegs harmlos. Das Alte Testament erwähnt, dass im Götzendienst auch Dämonen gehuldigt wurden (3 Mo 17,7; 5 Mo 32,17; 2 Kön 23,8; 2 Chr 11,15; Ps 106,34-39). Die Ausrottung der kanaanitischen Religion ist damit auch als Sieg des Lichts über die Finsternis zu verstehen.

Warum befahl Gott dem Volk Israel zu töten?

Bevor ich mögliche Gründe liefere, sollte vorab erwähnt werden, dass der Krieg um das Land Kanaan wohl ein notwendiges Übel in dieser gefallenen Welt, und im weiteren Kontext des Großen Kampfes zwischen Gut und Böse, war.

1. Töten ist nicht gleich töten:
Das Gebot „Du sollst nicht töten“ betrifft weder die Todesstrafe noch den göttlich beauftragten Krieg. Wenn in der Bibel von „töten“ die Rede ist, gibt es dabei gravierende Unterschiede. Gab Gott den Auftrag zur Tötung (Opfertiere, Todesstrafe, Abraham und Isaak, Bann vollstrecken), war dieses Töten erlaubt bzw. gefordert. Dabei wird jedoch unterschiedliches Vokabular verwendet: „Mit der Schärfe des Schwertes [den Bann] vollstrecken“ bezieht sich auf befohlene Kriegshandlungen (Jos 6,21; 8,24), während in den Zehn Geboten das Wort ratsach („töten“) (2 Mo 20,13) in erster Linie den Mord an einem Mitglied der Bundesgemeinschaft beschreibt (z. B. 4 Mo 35,16-21; 5 Mo 22,26). Ratsach wird nie verwendet, um das Erschlagen eines Feindes auf göttlichen Befehl zu bezeichnen.

2. Gottes ursprünglicher Plan war anders:
Gott hatte versprochen, seinen Engel vor Israel herzusenden (2 Mo 23,20-23; 33,2), wie auch Schrecken und Angst (2 Mo 23,27.28). Immer wieder versicherte Gott, dass er selbst gegen die Feinde Israels kämpfen würde (2 Mo 23,29.30; 34,11; 5 Mo 1,30; 7,18-22; 20,4). Nach dem Misstrauensvotum beim ersten Stopp an den Toren Kanaans und der Wüstenwanderung scheint es, dass nun auch die Israeliten zum Krieg beitragen sollten (5 Mo 7,1.2). Vielleicht deutete die erste Eroberung (Jericho) an, wie die Landnahme nun ablaufen würde: Gott kämpfte an der Seite von Israel; das Heer der Engel unter der Führung des Sohnes Gottes begleitete das Volk (siehe Jos 5,15 und Ellen White, Wie alles begann – Textausgabe = WAB-T, S. 472).

Das Paradebeispiel für Gottes Originalplan ist der Auszug aus Ägypten. Man denke an die Zehn Plagen und das Erlebnis am Schilfmeer. Gott selbst tat alles. Die Israeliten schauten „einfach“ zu. Das Kampfmotto findet sich in 2. Mose 14,14: „Der Herr wird für euch kämpfen, ihr aber werdet still sein.“ Das war die Geburtsstunde des biblischen Motivs von Jahwe als göttlichem Krieger, wie er dann im Lied des Mose (2 Mo 15,1-19) gepriesen wird: „Der Herr ist ein Kriegsheld, Jahwe sein Name“ (V. 3). So wie es beim Auszug war, wollte Gott auch den Einzug gestalten, denn „Gott hatte ihnen niemals geboten, hinaufzuziehen und zu kämpfen. Sie sollten das Gelobte Land nicht durch einen Feldzug erlangen, sondern durch striktes Befolgen seiner Gebote“ (WAB-T 372).

Auch in der späteren Geschichte Israels gab es noch Zuschauerkämpfe: Gideon und sein Mini-Heer schauten zu, wie sich das Lager der Midianiter selbst vernichtete (Ri 7,20-22); Völker östlich des Jordans wurden aufgerieben, während Joschafat und sein Heer dankten und lobten (2 Chr 20,21-29) – und der Engel des Herrn schlug das assyrische Heer vor Jerusalem (2 Kön 19,35).

Selbst wie sich die Eroberung Kanaans dann tatsächlich ereignete, analysierte Gott für das Volk rückblickend so: „Es geschah nicht durch dein Schwert und nicht durch deinen Bogen“ (Jos 24,11).

3. Bewusstsein für den Ernst des Abfalls:
Die Israeliten sollten selbst erfahren, was die abscheulichen Sünden der Kanaaniter bedeuteten. Mit eigener Hand die kanaanitischen Kultstätten zu zerstören, machte ihnen den Ernst des moralischen Abfalls bewusst. Es wurde für sie zu einer drastischen Lektion über die Folgen des Götzendienstes, die sie dann an ihre Kinder und die nächsten Generationen weitergeben würden.

Die biblischen Beispiele aus dem Alten Testament zeigen, dass letztendlich nicht die menschliche, sondern die göttliche Perspektive entscheidend ist, um den Krieg im Buch Josua verstehen zu können. Gott ist und bleibt ein Gott der Liebe – auch wenn er richtet. Er möchte retten und nicht zerstören. So war es auch bei der Eroberung Kanaans: Es ging nicht um Volkszugehörigkeit, sondern um Sünde, die von Gott trennt und früher oder später den Tod bedeutet. Das bekam auch Achan einige Tage darauf am eigenen Leib zu spüren (s. Jos 7). Die gute Nachricht ist: Gott gibt lange Zeit zur Umkehr, doch irgendwann setzt er der Sünde – der Ursache von Leid und Schmerz – ein Ende.

Buchtipps:

Ellen White, Wie alles begann: Von der Schöpfung bis zum König David, Kapitel 45 „Der Fall Jerichos“ (Zürich: Advent-Verlag; Wien: Top Life Wegweiser-Verlag, 2016).
Paul Copan, Is God a Moral Monster? Making Sense of the Old Testament God (Grand Rapids: Baker, 2011).
Paul Copan & Matthew Flannagan, Did God Really Command Genocide? Coming to Terms with the Justice of God (Grand Rapids: Baker, 2014). 

Quellen:

1 Alle Bibelzitate nach der Elberfelder Bibel 2006 (Witten: SCM R. Brockhaus, 2006).
2 Elke Blumenthal, Ingeborg Müller, Walter F. Reineke, Adelheid Burkhardt (Hrsg.), Urkunden der 18. Dynastie. II: Übersetzung zu den Heften 5-16 (Berlin: Akademie-Verlag, 1984), 194.
3 Manfred Weippert, Historisches Textbuch zum Alten Testament (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2010), 246-247.
4 Ibid., 259.
5 Wörtlich heißt es „von Mann bis Frau.“ Diese Wendung kommt acht Mal im AT vor (Jos 6,21; 8,25; 1 Sam 15,3; 22,19; 2 Sam 6,19; 1 Chr 16,3; 2 Chr 15,13; Neh 8,2).
6 Das hebräische Wort schamad „vernichten“ wird in Bezug auf die Kanaaniter elf Mal verwendet (5 Mo 7,23.24; 9,3; 12,30; 31,3; 33,27; Jos 7,12; 9,24; 11,14.20; 24,8), hikrit „ausrotten“ vier Mal (5 Mo 12,29; 19,1; Jos 11,21; 23,4) und ʼavad „umkommen, ausrotten“ drei Mal (5 Mo 7,24; 8,20; 9,3), wobei an diesen Stellen häufig auch das Vertreiben erwähnt wird.
7 Die zwei hebräischen Wörter garasch und horisch, die die Elberfelder mit „vertreiben“ übersetzt, kommen in Bezug auf die Kanaaniter etwa vierzig Mal vor (2 Mo 23,28-31; 33,2; 34,21.24; 3 Mo 18,24; 20,23; 4 Mo 21,23; 32;21.29; 33,52.55; 5 Mo 4,38; 7,17; 9,3-5; 11,23; 12,2.29; 18,12; 19,1; 31,3; Jos 3,10; 13,6.12.13; 14,12; 15,14.63; 16,10; 17,13.18; 23,5.9.13).
8 Andere Vertreibungen im Alten Testament sind z. B. Adam und Eva aus dem Garten Eden (1 Mo 3,24), Kain von den Ackerfeldern (4,14), Hagar vom Lager Abrahams (21,10), David vom Land Israel (1 Sam 26,19).

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