Nicht nur fromme Theorie

Bibel
Nicht nur fromme Theorie

Ein Brief von meinem Bruder Jakobus

Eigentlich ging es „nur“ um die Vorbereitung für den Workshop „Ich bewahre dein Wort in meinem Herzen …“ beim Youth in Mission Congress. Als Workshopleiter war es mein Ziel, den Teilnehmern einfache Methoden weiterzugeben, damit sie Bibeltexte effektiv und mit Freude auswendig lernen können und diese im Langzeitgedächtnis behalten. Dabei lag der Fokus nicht nur auf einzelnen Versen, sondern auch auf längeren Abschnitten, ja sogar ganzen biblischen Büchern. Natürlich wollte ich als gutes Beispiel vorangehen und selbst ein biblisches Buch auswendig lernen. Es sollte nicht zu kurz sein, aber für den Anfang auch nicht zu lang: so stieß ich auf den Jakobusbrief. Indem ich dessen Worte auswendig lernte, war ich quasi gezwungen, sie auch „inwendig“ zu lernen, d.h., sie zu verinnerlichen und immer wieder darüber nachzudenken. Dabei fiel mir ziemlich schnell auf, dass Jakobus Dinge anspricht, die auch heute in meinem Leben und im Leben unserer Gemeinden nichts an Aktualität verloren haben.

Obwohl Jakobus die Empfänger seines Schreibens immer wieder (15 Mal) als „Brüder“ oder „meine geliebten Brüder“ anspricht – heute würde er natürlich auch „Schwestern“ sagen –, hält ihn das nicht zurück, ganz deutlich und direkt zu werden. Kein Wunder also, dass statistisch gesehen in jedem zweiten der 108 Verse eine Aufforderung vorkommt. Es scheint, als wolle Jakobus seine Leser ermutigen, die Lehren von Jesus auch wirklich auszuleben! Dafür nimmt er immer wieder Bezug auf sie: Mt 5,48 und Jak 1,4; Mt 7,7.11 und Jak 1,5; Mt 7,26 und Jak 1,22; Mt 5,3 und Jak 2,5; Mt 5,7 und Jak 2,13; Mt 6,24 und Jak 4,4; Mt 7,1 und Jak 4,12; Mt 5,34.35 und Jak 5,12. Dabei verbindet er die unterschiedlichen Themen mit einem großen, den ganzen Brief durchziehenden Gedanken: Der Glaube an Gott ist nicht fromme Theorie, sondern eine verändernde Kraft, die sich in allen Bereichen meines Lebens praktisch auswirkt (auswirken soll) und so mein ganzes Sein durchdringt (durchdringen soll).

Die Zunge bändigen

Unsere Zunge stellt uns dabei vor besondere Herausforderungen. Das weiß auch Jakobus (Jak 3,2-12). Schon damals gab es anscheinend Menschen in der Gemeinde – und es gibt sie noch heute –, bei denen die Zunge eine Art Eigenleben entwickelt und sich der Herrschaft durch einen gesunden (oder geheiligten) Menschenverstand entzieht. Wenn die verletzenden Worte dann auch noch unter einem frommen Deckmantel getarnt werden, ist der geistliche Selbstbetrug perfekt ... Sich für die Sache Gottes einzusetzen gibt allerdings niemandem einen Freifahrtschein, Personen mit anderen Überzeugungen durch Worte „fertigzumachen“. Jakobus bezieht ganz klar Stellung dazu: „Wenn ihr behauptet, Gott zu dienen, aber eure Zunge nicht im Zaum halten könnt, betrügt ihr euch nur selbst, und euer Dienst für Gott ist wertlos.“ (Jak 1,26 NLB). Und etwas weiter vorne gibt er den guten Rat: „Denkt daran, liebe Brüder und Schwestern: Seid sofort bereit, jemandem zuzuhören; aber überlegt genau, bevor ihr selbst redet. Und hütet euch vor unbeherrschtem Zorn!“ (Jak 1,19 Hfa) Vielleicht hatte Jakobus die Worte aus den Sprüchen im Sinn, als er diese Zeilen verfasste: „Kennst du jemanden, der redet, ohne vorher überlegt zu haben? Ich sage dir: Für einen Dummkopf gibt es mehr Hoffnung als für ihn!“ (Sprüche 29,20 Hfa)

Bei dieser Thematik geht es aber nicht nur darum, was unsere Worte mit anderen machen. Sie haben auch direkte Auswirkungen auf uns selbst. „Die Worte, die wir reden, [...] haben auch eine Rückwirkung auf unseren Charakter. Die Menschen werden durch ihre eigenen Worte beeinflusst. Oft sagen sie, einer plötzlichen Eingebung folgend, eifersüchtige Worte oder sie sprechen böse Vermutungen aus, die sie vielleicht selbst nicht glauben, aber das hat eine Rückwirkung auf ihre Gedanken [...]. Die Gewohnheit, gedankenlos und achtlos zu kritisieren, wirkt sich auf den eigenen Charakter aus [...].“1 Auf uns allein gestellt sind wir Menschen überfordert, wenn es darum geht, unsere Zunge zu bändigen (Jak 3,7.8). Wir brauchen übernatürliche Hilfe von Gott. Denn eigentlich ist ja nicht die Zunge das Problem. Sie ist nur ausführendes Organ. Es geht um das Herz. Die „Quelle“ muss gereinigt werden – dann wird aus ihr Gutes hervorsprudeln (Jak 3,11.12).

Kämpfe in der Gemeinde

So führt Jakobus die Kämpfe und Streitigkeiten in den Gemeinden nicht auf die Labels „konservativ“ und „liberal“ zurück. Als Ursache dafür sieht er vielmehr „bitteren Neid“, „Eigennutz“ und die „Lüste, die in euren Gliedern streiten“ (Jak 3,14 ELB; 4,1). Kann es sein, dass viele Auseinandersetzungen in unseren Gemeinden nur vordergründig theologischer Natur sind, in Wirklichkeit aber der eigentliche Auslöser unser altes sündiges Wesen ist? Ist es möglich, dass wir in unserem Herzen Selbstsucht und Neid pflegen und damit auf eine „irdische, seelische, dämonische“ Weisheit zurückgeworfen sind (Jak 3,15), die natürlicherweise ihre eigenen Interessen durchsetzen will und nicht an Einmütigkeit und Einheit interessiert ist? „Wie oft sind unser Dienst für Christus und unsere Gemeinschaft untereinander getrübt durch den geheimen Wunsch nach Selbsterhöhung! Wie rasch stellt sich das Verlangen nach Eigenlob und menschlichem Beifall ein! Eigenliebe und der Wunsch nach einem bequemeren als dem von Gott verordneten Weg führen dazu, die göttlichen Weisungen durch menschliche Theorien und Traditionen zu ersetzen. [...] Ob unser Glaube in der richtigen Weise ausgeübt wird, können wir daran erkennen, dass er die Selbstsucht und allen Schein ausrottet und dass wir nicht die eigene, sondern Gottes Ehre suchen.“ 2

Jakobus gibt uns zwei Lösungsansätze, die miteinander verbunden sind: Zum einen fordert er uns auf, unser Verhältnis mit Gott in Ordnung zu bringen. Indem wir unseren wahren Zustand erkennen, sollen wir eine völlige Hingabe an Gott vollziehen, uns ihm unterwerfen und mit unserer halbherzigen Nachfolge brechen (Jak 4,4-10). Zum anderen brauchen wir die Weisheit von oben, die von Gott kommt: Sie ist „[...] vor allem aufrichtig; außerdem sucht sie den Frieden, sie ist freundlich, bereit nachzugeben und lässt sich etwas sagen. Sie hat Mitleid mit anderen und bewirkt Gutes; sie ist unparteiisch, ohne Vorurteile und ohne alle Heuchelei“ (Jak 3,17, Hfa). Es ist klar, dass diese Weisheit nicht zu unserer menschlichen Grundausstattung gehört. Sie wird aber denen von Gott gerne gegeben, die ihn darum im Glauben bitten (Jak 1,5.6). Würde diese Kombination – Umkehr und Erhalt der göttlichen Weisheit – einen Unterschied machen, wie wir bei Meinungsverschiedenheiten miteinander umgehen?

Inspiriert durch Jakobus beten

In der Beschäftigung mit dem Jakobusbrief habe ich mich an ein Gebet erinnert, das in seinen Bitten viele Anliegen des Briefes zusammenfasst, obwohl es nicht mit dieser Absicht formuliert wurde. Als Jugendlicher habe ich es in einer Predigt gehört und bat den Pastor, mir den Text zur Verfügung zu stellen.

Ich wünsche mir, dass wir dieses Gebet, inspiriert durch unseren Bruder Jakobus, von ganzem Herzen beten können: „Lieber Gott, hilf mir, dass ich selbst so bin, wie ich andere haben möchte: ein wiedergeborener, praktizierender Christ. Hilf mir, immer mit großem Taktgefühl vorzugehen und so aufmerksam und freundlich zu sein, wie Jesus es war. Hilf mir, dass ich nicht unhöflich bin und nicht unnötig ein ernstes Wort sage und einem empfindsamen Menschen unnötig Schmerz bereite. Hilf mir, mutig, freudig und vorwärtsstrebend zu sein, mit einer heiligen Begeisterung für meine Aufgabe in der Gemeinde. Gib mir ein Gewissen, das deutlich die Sünde der Tatenlosigkeit spürt und mich gleichzeitig immer wieder in die Stille zu dir ruft. Öffne mir den Blick für die Möglichkeiten über die Schutzmauern hinweg, die mich vor der Welt abschirmen können. Meine Frage sollte nicht sein: „Ist es sicher? Ist es klug? Ist es üblich?“, sondern nur „Ist es richtig?“ Hilf mir, den Wert jedes Mitmenschen um mich herum zu erhöhen. Führe mich zu der Gelassenheit, Kränkungen zu übersehen, absichtliche und unbeabsichtigte Verletzungen zu vergeben und zu vergessen. Schenke mir die Gnade, nie rachsüchtig oder nachtragend zu sein. Lass es nicht zu, dass ich mich an den Fehlern und Schwächen anderer weide. Wenn ich nichts Gutes über einen Bruder oder eine Schwester sagen kann, dann hilf mir, dass ich meinen Mund geschlossen halte, und schenke mir Geduld, wenn ich angegriffen werde. Hilf mir, dass ich mich von meinen alltäglichen Geschäften und Sorgen nie so in Anspruch nehmen lasse, dass ich meinen höchsten Ruf – die Seelengewinnung – außer Acht lasse. Lass mich immer wieder erkennen, dass ich auf dieser Welt bin, damit ich mich und andere auf das kommende Leben vorbereiten kann. Lass mich jeden Tag mit dir beginnen und mit dir beenden. Schenk mir die Gewissheit, dass keine Aufgabe mit deiner Hilfe unmöglich ist. Hilf mir, dass ich immer nur mein Bestes dir und deinem Werk gebe: Möge ich Christus immer an die erste, die letzte und beste Stelle in allem setzen. Amen.“

Quellen:
1 White, E.G.: Intellekt, Charakter und Persönlichkeit Bd. 2, Lüneburg 2002, S.178 2 White, E.G.: Das Leben Jesu, Hamburg 1973, S.405.

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