1888 – Was war da nochmal?

Geschichte
1888 – Was war da nochmal?

Die Botschaft von Waggoner und Jones

Die Generalkonferenzsitzung von Minneapolis (USA) im Jahr 1888 hat unter Adventisten einen besonderen Stellenwert. Was wir von dieser Sitzung wissen, ist, dass dort die beiden jungen Prediger Ellet J. Waggoner (1855-1916) und Alonzo T. Jones (1850-1923) die Botschaft der Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus verkündigten. Dabei erfuhren sie zwar viel Gegenwind von den alteingesessenen Gemeindeleitern, aber auch Unterstützung von Ellen G. White. Da es jedoch keine offiziellen Protokolle von den Vorträgen gibt, gehen die Meinungen darüber, was diese Botschaft im Detail war, ziemlich auseinander. Und da Ellen White die Verkündigung von Waggoner und Jones während der Sitzung und in den Jahren danach unterstützte, ja, sie sogar als eine herrliche Botschaft bezeichnete, die Gott ihnen gegeben hatte und die von der Gemeinde gehört werden sollte, misst man der Rekonstruktion dieser Botschaft große Bedeutung bei.

Rekonstruktionen und ­Reaktionen

Über die Jahre hinweg gab es verschiedenste Versuche, die „Botschaft von 1888“ zu rekonstruieren. (1) Manche meinen, dass alles, was die beiden in den 15 bis 20 Jahren nach der Sitzung geschrieben haben, genauere Erklärungen dieser Botschaft seien. (a) Zum Teil wird davon ausgegangen, dass sich an der Verkündigung von Waggoner und Jones in dieser Zeit nichts geändert habe und die Botschaft statisch erhalten blieb. (b) Andere Geschwister sind sich wiederum bewusst, dass echtes christliches Leben immer auch Wachstum im Verständnis, Glauben und Charakter hervorbringt, und dies auch bei diesen beiden Predigern der Fall war. Die Weiterentwicklung von Ideen in ihren Veröffentlichungen wird daher als positiv und die Unterstützung von Ellen White als eine Art Blankovollmacht betrachtet, die uns die Richtigkeit der Ideen von Waggoner und Jones garantiert. (2) Andererseits haben in den letzten 120 Jahren immer wieder Personen und Gruppen ausgewählte Zitate von Ellen White und den beiden Predigern instrumentalisiert, um ihre eigene Agenda voranzutreiben. Immerhin profitieren sie quasi von der offenen Unterstützung, die Ellen White Waggoner und Jones entgegenbrachte. (3) Wieder andere Geschwister setzen die „Botschaft von 1888“ einfach mit der lutherischen Rechtfertigungslehre gleich und verkündigen eine Erlösungsbotschaft, die sich allein auf Vergebung konzentriert und Loyalität zu den Zehn Geboten als Gesetzlichkeit abtut. (4) Konfrontiert mit solchen verschiedenen Zugängen, werfen viele Geschwister das Handtuch und lassen lieber die Finger von Waggoner und Jones, da sich die beiden ja sowieso um 1905 und 1906 von der Gemeinde trennten bzw. getrennt wurden. (5) Ich denke jedoch, dass eine gewisse Rekonstruktion der Botschaft möglich ist. Es gab Augenzeugen, die Aufzeichnungen von den Vorträgen der beiden bei der Sitzung im Jahr 1888 gemacht haben. Ellen White selbst schrieb später, was ihrer Meinung nach die Botschaft von 1888 war. Und ferner zeigen die Veröffentlichungen von Waggoner und Jones, dass sich ihre Ideen über die Jahre hinweg wirklich weiterentwickelt haben.

Zustimmung und Bekräftigung

Ellen White fasste die Punkte der Botschaft von 1888 prägnant zusammen. Dessen ungeachtet, wie Waggoner und Jones bestimmte Bibeltexte auslegten, stimmte sie ihnen in konkreten Schwerpunkten zu. So war sie fest davon überzeugt, dass Gott die beiden berufen hatte, Adventisten wieder auf Jesus, den Glauben an sein Opfer und seine Verdienste aufmerksam zu machen. Sie betonte, dass ihre Botschaft Christus als Erlöser und nicht nur als Gesetzgeber erhöhte, die Rechtfertigung durch den Glauben an Jesus hervorhob und auf die innige Beziehung zwischen Christi Gerechtigkeit, dem Gehorsam gegenüber Gottes Geboten und die dritte Engelsbotschaft hinwies. Das war insbesondere wichtig, weil Adventisten zwar das Gesetz hervorgehoben, aber Jesus und die Bedeutung des Glaubens an sein Opfer vernachlässigt hatten. Adventisten sollten auf Jesus schauen; er halte besondere „Bundessegnungen“ für seine Kinder bereit.1

Einwände und Unterschiede

Ein interessanter Unterschied war die Auslegung des Gesetzes in Galater 3,19-26. Bereits im Vorfeld der GK-Sitzung hatte dieses Thema die Gemüter erregt. George I. Butler (1834-1918), Präsident der GK, hielt das Gesetz für das Zeremonialgesetz (Opfervorschriften), wohingegen Waggoner argumentierte, dass damit das Moralgesetz (Zehn Gebote) gemeint sei. Somit schien Waggoner vielen anderen Christen Recht zu geben, die diesen Text verwendeten, um zu zeigen, dass die Zehn Gebote seit Christi Tod abgetan wären. Dass zur gleichen Zeit vor dem amerikanischen Senat ein nationales Sonntagsgesetz diskutiert wurde und mit Dudley M. Canright ein prominenter adventistischer Prediger, unter anderem wegen der Gesetzesdiskussion, die Gemeinde verlassen hatte, machte Waggoners Auslegung nicht beliebter. Und doch diente sie als Grundlage für seine Verkündigung im Jahr 1888, da Waggoner damit deutlich machte, wie uns die Zehn Gebote zu Christus hinführen – indem sie uns nämlich zeigen, dass wir Sünder sind und eines Erlösers bedürfen. Ellen White fand, dass seine Auslegung nicht ganz richtig sei. Ihrer Ansicht nach umfasste das Gesetz im Galaterbrief sowohl das Moralgesetz als auch das Zeremonialgesetz, die uns beide zu Christus hinführen. Das Moralgesetz zeigt uns, dass wir eines Erlösers bedürfen, während uns das Zeremonialgesetz diesen Erlöser und den Erlösungsweg vor Augen führt. Christus verändert uns, sodass wir die Liebe zu Gott und zum Nächsten im Rahmen der Gebote ausleben. Dadurch wird das Gesetz nicht abgetan, sondern erhöht. Nach 1893 entwickelten Waggoner und Jones zunehmend Ideen weiter, die sie insbesondere nach der Jahrhundertwende theologisch, moralisch und zwischenmenschlich in Konflikt mit der Gemeinde, Ellen White und der Bibel brachten, und die schließlich Mitte des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts zu ihrem Ausschluss bzw. Austritt aus der Gemeinde führten.

Schlussfolgerung
Ellen White ermutigte beide in ihrer Verkündigung, weil sie die richtigen Schwerpunkte setzten, auch wenn sie mit ihnen nicht in jedem Detail übereinstimmte. Sie glaubte, dass Gott ihnen im Jahr 1888 eine besondere Botschaft für die Gemeinde anvertraut hatte, betonte aber auch, dass die beiden keineswegs irrtumslos waren. Sie empfand ihre Botschaft nicht als „neues Licht,“ sondern als etwas, das sie in ihren Schriften bereits seit 1844 versucht hatte, den Gläubigen bewusst zu machen – „die einzigartigen Vorzüge Christi.“2

Quellen:
1 Ellen G. White, Testimonies to Ministers and Gospel Workers, 91-93; ibid., The Ellen G. White 1888 Materials, 3:1322-1343.; 2 Ellen G. White, The Ellen G. White 1888 Materials, 1:212, 348, 349.


Die Vorträge vom letzten Theologischen Symposium zum Thema „1888 – Theologischer Wendepunkt?“ können auf der Homepage www.ats-info.de unter „Medien“ angeschaut werden.

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