Gewissen und Freiheit – und ihr Ende durch eine Impfampulle?

Glaubensfreiheit
Gewissen und Freiheit – und ihr Ende durch eine Impfampulle?

Warum das Thema Impfung unsere „Frei“-Kirche vor keine Zerreißprobe stellen sollte

Schon seit ihren Gründungstagen hat sich unsere Kirche für die Wahrung und Förderung von Glaubens- und Gewissensfreiheit als ein Grundrecht eingesetzt. Aber warum ist uns Adventisten dieses Thema überhaupt so wichtig? Und ist das kostbare Gut, das wir jahrzehntelang hochgehalten haben, nun in Gefahr, nachdem Diskussionen über die Covid-19-Impfung Einzug in unsere Gemeinden gehalten haben?

Es gibt jede Menge Gründe, gerne Siebenten-Tags-Adventist zu sein. Auf dieser langen Liste steht für mich ganz oben die Tatsache, dass unsere Freikirche sich bereits schon in ihren frühesten Anfängen für die Gewissensfreiheit aller Menschen einsetzte, wenn diese ihre Überzeugungen gewaltfrei vertraten. Die Miller-Bewegung war ein Sammelbecken von Menschen unterschiedlicher Konfessionen und Weltanschauungen, die in der Erwartung der unmittelbaren Wiederkunft Jesu ihren gemeinsamen Nenner gefunden haben.

Die organisatorische Formierung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten nach der Großen Enttäuschung war ein schmerzhafter Prozess, der sich über Jahre hingezogen hat. Dabei hat er Aufrichtigkeit, Respekt füreinander, intensives Bibelstudium und unbedingte Gewissensfreiheit für den Einzelnen abverlangt. Dass trotz der großen bestehenden Unterschiede die Adventgemeinde als Freikirche mit ihrem klar ausgeprägten biblischen Profil entstehen konnte, ist wie ein Wunder und dem besonderen Wirken des Geistes Gottes zu verdanken. Die Heilige Schrift als alleinige Richtschnur des Glaubens und die Führung durch den Geist der Weissagung, manifestiert im Dienst von Ellen White, waren dabei ausschlaggebend.

Sich für die Gewissensfreiheit aller Menschen einzusetzen, ist auch heute ein sehr hoher Anspruch und kostbares Gut, wenn man bedenkt, dass knapp zwei Drittel aller Länder der Welt von nicht-demokratischen Regierungen gelenkt werden. Nach aktuellen Schätzungen sind in den fünfzig Staaten mit der stärksten Christenverfolgung rund 309 Millionen Menschen einem sehr hohen Maß an Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt, weil sie sich zu Jesus Christus bekennen.1

Ja, selbst auf der persönlichen Ebene ist es eine Herausforderung, sich für Gewissensfreiheit einzusetzen. Zum Beispiel, wenn Menschen anderen Weltreligionen oder Weltanschauungen angehören, deren Ansichten der Botschaft der Bibel klar widersprechen und in unseren Ohren völlig abstrus klingen ...

Nichtsdestotrotz setzten sich Adventisten genau das zum Ziel. Deshalb war von Anfang an die Gründung eines international aufgestellten Forums zur Wahrung der Religionsfreiheit ein Anliegen unserer Freikirche. Dadurch sollte ermöglicht werden, dass Menschen unterschiedlicher Bekenntnisse an diesem gemeinsamen Ziel mitwirken können. Die Zeitschrift Gewissen und Freiheit ist ein „Kind“ der Adventbewegung und laut eigener Angabe eine offizielle Publikation der „Internationalen Vereinigung zur Verteidigung und Förderung der Religionsfreiheit“ mit Sitz in Bern. Diese Nichtregierungsorganisation ist vom Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen anerkannt und hat beratenden Status beim Europarat in Straßburg.

Warum ist Gewissensfreiheit für uns Adventisten so wichtig?

Das Prinzip der Gewissensfreiheit ist wesentlich älter als die Menschheitsgeschichte und hat ihren Ursprung im Wesen Gottes. Laut Bibel schuf er – lange, bevor es Adam und Eva gab – ganz bewusst himmlische Wesen so, dass sie ihm aus freien Stücken, aus Überzeugung und aus Liebe dienen sollten. Mit der Erschaffung des Menschen zu seinem Bild verfolgte er dasselbe Ziel. Gewissen und Freiheit als Prinzipien waren ihm so wertvoll, dass er nicht darauf verzichtete – obwohl das Risiko bestand, dass diese Freiheit missbraucht und dadurch eine Rebellion entstehen könnte. Als die größtmögliche Tragödie, der Sündenfall im Paradies, sich ereignete, waren ihm Gewissen und Freiheit des Menschen so wichtig, dass er bereit war, selbst Mensch zu werden, den Leidensweg unserer Erlösung zu betreten und den denkbar schrecklichsten Tod zu unserer Rettung auf sich zu nehmen.

Diese Freiheit ist auch uns nach wie vor wichtig. Als Adventisten gehören wir nicht zu einer Volkskirche, sondern ganz bewusst zu einer „Frei“-Kirche, einer Freiwilligkeitskirche. Wir treffen unsere Taufentscheidung nach gründlicher Prüfung der biblischen Lehre im religionsmündigen Alter und unterstützen die Verkündigung des Evangeliums durch unseren freiwilligen Zehnten und unsere Gaben. Unverzichtbarer Teil unserer Gottesdienste ist die Sabbatschule – ein Forum, in dem jeder seine Fragen und Überzeugungen frei und nach bestem Gewissen formulieren kann. Es liegt uns viel daran, dass niemand genötigt wird, zur Gemeinde zu gehören, der sich nicht aus voller Überzeugung zu den Glaubenspunkten der Adventgemeinde bekennt.

Trotz gemeinsamer Hoffnung und Einheit im Glauben bleibt gelebte Gewissensfreiheit auch innerhalb der Gemeinde eine Herausforderung, weil unsere Erkenntnis Stückwerk ist und jeder von uns seine ganz individuelle Prägung hat. Das war aber schon in der Zeit der Apostel nicht anders. Durch das Wort Jesu wissen wir außerdem, dass unmittelbar vor seiner Wiederkunft die ganze Menschheit ihrer Gewissensfreiheit beraubt sein wird: „Und es macht, das sie allesamt, die Kleinen und die Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Sklaven, sich ein Zeichen machen an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn, und dass niemand kaufen oder verkaufen kann, wenn er nicht das Zeichen hat.“ (Offenbarung 13,16.17) Gleichzeitig rief uns Jesus vor seinem Kreuzestod auf: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.“ (Johannes 15,13.14) Jesus hat das nicht nur gesagt, sondern auch in die Tat umgesetzt! Und im Hinblick auf diese kommende Zeit der Prüfung haben wir uns bei unserer Entscheidung für Jesus von Anfang an in unseren Herzen vorgenommen, in der Zeit der großen Not Jesus und einander nicht zu verraten, sondern wie die ersten Christen füreinander einzustehen, selbst wenn es uns alles kosten würde ...

Und dann kommt Covid-19!

Zugegeben, wir erleben eine Zeit, wie wir sie noch nie erlebt haben. Ein Virus hat unser ganzes Leben durcheinandergebracht. Es ist eine Zeit „babylonischer Verwirrung“, wenn wir an die vielen Vermutungen, Theorien, Thesen und einander widersprechenden Beiträge denken, die im Internet und in den Medien kursieren. Zugegeben: Unsere bürgerlichen Rechte und die Rechte der Religionsausübung sind eingeschränkt. Bei vielen Maßnahmen fragen wir uns, ob sie wirklich sinnvoll sind, auch wenn diese nur als medizinische Vorsichtsmaßnahmen gelten. Spekulative Auslegungen zur Apokalypse haben ebenfalls Hochkonjunktur. Zugegeben: Fachleute widersprechen einander, und der Laie hat kaum eine Chance, den wissenschaftlichen Fachjargon zu entziffern. Ja, es herrscht große Verunsicherung und bei vielen Menschen Ratlosigkeit und vor allem Angst vor der Zukunft. Einsamkeit und Isolation bei Jung und Alt und finanzieller Absturz sind die Folgen. Aber das alles ist noch nicht das Schlimmste.

Die tragischste Folge dieser Pandemie ist die Spaltung, die fast über Nacht in unserer bisher ach so toleranten Gesellschaft stattgefunden hat! Viele fragen sich, ob sie den Meldungen der Medien noch trauen können und ob die persönliche Meinungsfreiheit überhaupt noch existiert. Menschen, die ihre berechtigten Fragen und Ängste formulieren, werden sehr schnell als politisch Extreme abgestempelt oder einfach übergangen. Zwar wird beispielsweise betont, dass es eine Impfpflicht nicht geben soll, aber gleichzeitig deutet alles darauf hin, dass diese praktisch durch die Verordnung von Firmen, Veranstaltern, durch Einreisebestimmungen usw. wie durch eine Hintertür eingeführt wird.

Und wie geht es uns damit in der Gemeinde?

Darf uns das Tragen oder Nicht-Tragen eines Mundschutzes entzweien? Dürfen diejenigen, die sich gegen Covid-19 impfen lassen, als den Zeichen der Zeit gegenüber blind abgestempelt werden? Und die sich nicht impfen lassen, als lieblos und verantwortungslos angesehen werden, weil sie angeblich durch ihre Entscheidung auch andere gefährden? Endet bei uns das kostbare Gut von gelebter Gewissensfreiheit bei einer Impfampulle? Hört bei uns die Liebe und der gegenseitige Respekt auf, obwohl wir ursprünglich sogar unser Leben für unsere Freunde lassen wollten? Kann es sein, dass die Covid-19- Pandemie auch – und vielleicht in erster Linie – eine himmlische Prüfung unserer Liebe und Barmherzigkeit unserem Nächsten gegenüber ist? Könnte es sein, dass es eigentlich gar nicht unsere primäre Aufgabe ist, zu versuchen, alle vermeintlichen Mächte zu identifizieren, die in diesem schrecklichen Szenario womöglich ihre festgelegten Rollen spielen? Kann es sein, das Gott nicht will, dass wir unsere Zeit und Kraft darauf verwenden, angstvoll und voll böser Ahnungen endlose Beiträge im Internet zu verfolgen, um anschließend unserem Glaubensbruder ins Gewissen zu reden?

Vielleicht fühlen wir uns überfordert. Jesus hat unser Dilemma auf die einfachste Art beantwortet: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Matthäus 7,12) Selber im Vertrauen zu Gott im Glauben verankert zu sein und überall zu bezeugen, auf wen wir hoffen – das ist unsere Aufgabe. Und das mit gutem Gewissen, in großer innerer Freiheit und voller Zuversicht.

Quelle:
1 https://www.opendoors.de/christenverfolgung, Stand: 17.06.2021

Info:

Am 13.12.2020 hat die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Baden-Württemberg eine Stellungnahme zu Impfungen gegen Covid-19 verfasst. Das gesundheitliche Wohlbefinden der Bevölkerung wird darin als ein wichtiges Anliegen geschildert. Es wird den Mitgliedern empfohlen, sich gründlich mit dem Thema der Coronavirus-Impfung auseinanderzusetzen und sich ggf. auch medizinisch beraten zu lassen. Die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Baden-Württemberg ist nicht das Gewissen des einzelnen Kirchenmitglieds und achtet individuelle Entscheidungen. Diese werden durch die Einzelpersonen getroffen. Die Entscheidung, sich impfen oder nicht impfen zu lassen, beruht weder auf einer Forderung noch einer Lehrmeinung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten und sollte nicht als solche verstanden werden.

Zur Stellungnahme geht es hier: https://bw.adventisten.de/ueber-uns/aktuelles/artikel/go/2020-12-17/stellungnahme-zu-impfungen-gegen-covid-19/

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