Heinz Hopf im Portrait

Leben
Heinz Hopf im Portrait

Weisheiten aus einem bewegten Leben des Dienstes

Die Interviewfragen stellte Erhard Biró

Lieber Heinz, so Gott will, wirst du in diesem Jahr deinen 90. Geburtstag erleben. Somit kannst Du mehr als acht Jahrzehnte überblicken. Welche Veränderungen in der Welt würdest du aus heutiger Perspektive als die wichtigsten nennen?

Die größten, die mir persönlich am entgegenkommendsten sind, sind jene technischen Fortschritte, die wir heute mit einem Handy erreichen können. Damals, vor 80 Jahren, gab es noch nicht einmal Telefon in jedem Heim. Man musste straßenweit gehen, um eine öffentliche Telefonzelle zu erreichen. Also das Handy ist eine wunderbare Sache. Weiter: Die digitale Revolution und jetzt die künstliche Intelligenz. Aber ich würde sie nicht als die wichtigsten Veränderungen bezeichnen. Wichtigste Veränderung wäre für mich der Wandel in unserer Gesellschaft; weg von wertebasierten und wertefundierten Grundeinstellungen hin zum ich-zentrierten, gottlosen Verhalten der heutigen Gesellschaft. Es macht uns am meisten zu schaffen, dass die Moral eine andere geworden ist und die Ethik und die christlichen Werte, die früher vielleicht – wenn auch nur formell – doch noch vorhanden waren, komplett verloren gegangen sind.

Gibt es ein Erlebnis aus deiner vielleicht frühen Kindheit, das deinen Werdegang entscheidend beeinflusst hat?

Nein, DAS Erlebnis gibt es nicht. Aber es gibt natürlich zahlreiche Kindheitserinnerungen: Fliegeralarm jede Nacht im Keller; acht Parteien vom Haus saßen dort zusammen im Schutzraum und haben auf die Entwarnung gewartet…

Du bist in einer adventistischen Familie geboren und aufgewachsen. Trotzdem musstest du wie jeder auch deinen ganz persönlichen Weg im Glauben finden. Was war bei deiner Bekehrung entscheidend?

Meine Eltern haben mich beten gelehrt; in der Kindersabbatschule habe ich biblische Geschichten gelernt; ich hatte einen guten Prediger, der uns Jugendliche betreut hat. So war ich im Alter von etwa 15 Jahren bereit, mich taufen zu lassen – und zwar aus Überzeugung. Aber Überzeugung war noch nicht Erfahrung. Ich bin später aus Überzeugung auch Prediger geworden. Aber ich war kein bekehrter Prediger. Es war keine Erfahrung mit Jesus vorhanden, sondern mehr eine, wie kann man sagen, eine Dienstbereitschaft. Jetzt habe ich das Wort: Pflichtbewusstsein. Aus Pflichtbewusstsein, weil ich geglaubt habe, was in der Bibel steht – und da steht, dass wir Menschen gewinnen sollen. Deshalb bin ich Prediger geworden. Also meine Bekehrung hat sich nach und nach vollzogen. Ich kann das nicht an einem Punkt festmachen, aber durch Tagungen und Konferenzen, durch Vorträge und Bücher, die ich gelesen habe, durch persönliches Studium der Bibel und Andachten ist meine Beziehung zu Jesus immer enger geworden, sodass ich heute sagen kann: Christus ist mein Freund geworden!

Nach deinem Abitur hast du eine Schreinerlehre absolviert. Wie kam es dazu, dass du dich anschließend für ein Theologiestudium auf der Marienhöhe entschieden hast?

Es war nicht so, dass ich mich nach der Schreinerlehre entschieden hätte, es war genau umgekehrt. Noch als Gymnasiast war ich innerlich überzeugt, dass ich einmal Prediger werden wollte. Ich hatte zwar kein Berufungserlebnis, aber eine Berufungssicherheit und Gewissheit. Ich dachte, Holz gibt es überall auf der Welt, Jesus war ein Zimmermann und wenn ich mal ins Missionsfeld gehe … mit Holz zu arbeiten, das ist eine gute Sache. So wollte ich, bevor ich zum Seminar ging, eine Lehre machen, eine Handwerkerlehre – und das war dann die Schreinerlehre.

Erst vor kurzer Zeit hast du einen sehr großen Verlust erlebt. Deine liebe Frau Wilfriede hast du beerdigt. Als du damals die junge Wilfriede Lorenz kennengelernt hast, was hat dich überzeugt und innerlich sicher gemacht, sie zu heiraten?


Jetzt kommst du ans Eingemachte. Erstens war sie keine Schülerin. Ich bin auf die Marienhöhe gegangen, in dem Bewusstsein, die Schwestern, die dort sind, suchen alle einen Mann. Ich will aber nicht gesucht werden, sondern ich möchte suchen. Also, eine Schülerin kam von vornherein nicht in Frage. Aber Wilfriede war Angestellte. Ich habe sie dann schon beachtet, öfter gesehen und gern gesehen – und sie mich auch. Aber wir haben uns das nicht gestanden. Erst im letzten Schuljahr, kurz vor meinem Abgang, war im März ein Fasten- und Gebetssabbat, damals für Kolumbien, wo Gläubige verfolgt wurden. An diesem Fasten- und Gebetssabbat bin ich, anstatt zum Mittagessen zu gehen, im Odenwald spazieren gegangen. Sie auch. Unsere beiden Wege haben sich – welch ein Zufall – durch Gottes Fügung genau gekreuzt. Ich musste von meinem Weg abbiegen und auf ihren einschwenken. Seither sind wir dann miteinander den Weg gemeinsam gegangen. Ich war mir von Anfang an sicher: Die und keine andere! Sie war meine erste Liebe, meine einzige Liebe und das wird sie auch bleiben. Vielleicht sollten mehr junge Leute einen Fasten- und Gebetssabbat vorher halten, um dann die Entscheidung füreinander zu treffen.

Deine Laufbahn in der ersten Phase deines aktiven Dienstes im Predigtamt war vielfältig und abwechslungsreich: Stuttgart, Heilbronn, Esslingen, Kirchheim, Nürtingen, Weilheim, Bissingen… Der Start in der Nachkriegszeit, die viele Opfer und Entbehrungen verlangte, war sicherlich nicht einfach. Welchen Herausforderungen seid ihr im Dienst für die Gemeinden begegnet?

Du hattest bei deiner Aufzählung einen Ort vergessen, nämlich Karlsruhe. Vor Esslingen wurde ich als Sekretär der damals noch vorhandenen Badischen Vereinigung gerufen. Ich war zwei Jahre lang unterwegs in dem Land Baden. Aber meine Frau hat dadurch sehr viel gelitten. Ich musste sie Sabbat für Sabbat allein lassen mit den beiden Kindern. Deshalb bat ich nach zwei Jahren die Vereinigung, endlich wieder Prediger sein zu dürfen, denn ich war nicht zur Verwaltung Prediger geworden, zur Administration, sondern zur Verkündigung der Adventbotschaft. Daraufhin wurde ich nach Esslingen geschickt und hatte acht Jahre lang einen schönen Bezirk, in dem Gott mich gesegnet hat. Jedes Jahr konnte ich dann auch das „Ziel“ erfüllen (mindestens sieben Taufen wurden damals von jedem Prediger pro Jahr erfordert).

Von 1961 bis 1963 hast du als Sekretär der damaligen Badischen Vereinigung somit auch die administrative Seite des Dienstes kennengelernt. Nach weiteren Jahren des Dienstes in den Gemeinden wurdest du 1968 als Evangelist für den Bereich des Süddeutschen Verbandes gerufen. Wie hast du diese Zeiten und Aufgaben erlebt?

Wie bereits erwähnt, bin ich kein Freund von Administration und Organisation, auch wenn sie notwendig sind. Ich fühlte mich zur Verkündigung der Botschaft berufen. Als Prediger konnte ich das tun; als man mich dann zum Evangelisten und später zum Leiter der Stimme der Hoffnung berief, empfand ich das als eine Ausweitung meines Dienstes in der Verkündigung. Ich konnte als Evangelist eine Vortrags-Reihe nach der anderen in verschiedenen Städten halten und die Frucht dem jeweiligen Ortsprediger dann in die Hand legen.

Längst bevor wir uns persönlich begegnet sind, habe ich als Teenager deine Stimme über einen Kurzwellensender zum ersten Mal gehört. Es war eine Sendung der „Stimme der Hoffnung“, die uns trotz sowjetischer Störsender in Rumänien erreicht hat. Mit sechs Monaten Gefängnis wurde bestraft, wer damals westliche Sender hörte. Aber die Erkennungsmelodie, „Blast die Posaune, dass laut es erklingt“, und die ermutigende, mitreißende Botschaft des Evangeliums waren uns wichtiger als die Drohungen eines atheistischen Staates. Was bedeutete es für dich als Prediger, von heute auf morgen Rundfunkredakteur, Sprecher und Direktor der „Stimme der Hoffnung“ zu sein?

Ich konnte als Redakteur und Radiosprecher all die vielen Menschen erreichen, die ich nicht sah. Immer stand im Mittelpunkt die Verkündigung der Adventbotschaft. Nur deshalb habe ich diese Aufgaben angenommen. Es ging für mich immer um die Verkündigung adventistischer, nein, biblischer Grundwahrheiten. Solange gewährleistet war, dass ich die volle Freiheit hatte, die Grundlehren des Heils – das Evangelium – zu verkündigen und am Bau des Reiches Gottes mitzuarbeiten, habe ich jeden Ruf, der mich erreicht hat, angenommen.

Es war in den 80er Jahren in der Firnhaberstraße in Stuttgart. Inzwischen warst du seit 1978 Abteilungsleiter für Kommunikation, Sabbatschule und Haushalterschaft in der damaligen Euro-Afrika-Division (heute: Inter-Europäische-Division), mit Sitz in Bern. Du warst unser Gast auf einer Prediger-Tagung. Während deiner Ansprache hast du ein Exemplar der Zeitung Prawda, Zentralorgan des damaligen sowjetischen Imperiums, in der Hand gehalten und uns von deinen sehr unterschiedlichen Erfahrungen auf deinen Dienstreisen in den Ländern der Division berichtet. Welche dieser Erfahrungen sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Na ja, die Prawda habe ich in Bern gekauft, weil ich hörte, dass Prawda „Wahrheit“ heißt, und man muss ja die Wahrheit auch mal in der Hand halten. Also es gibt zahllose Erfahrungen, die ich gemacht habe, aber zwei davon möchte ich kurz herausgreifen. Die eine war eine Fahrt nach Bukarest. Der damalige Präsident, Nicolae Ceaușescu, hatte wieder einmal, um von seinen innenpolitischen Problemen abzulenken, eine Friedenskonferenz international ausgeschrieben und dazu die Repräsentanten aller Kirchen eingeladen. Da in der Division gerade niemand anders frei war, wurde ich gefragt, ob ich hinfahren könnte – und ich konnte. Als die Brüder hörten, es käme jemand aus der Schweiz, hatten sie eine lange Liste von Dingen, die sie brauchten: Beispielsweise einen Ring Fernsehkabel (um die Veranstaltungen in der Zentralgemeinde Labirint übertragen zu können, weil der Saal die Menschen nicht fasste), einen Projektor, Bildserien, Medikamente... Ich hatte meine Koffer voll mit Dingen, die ich eigentlich nicht mitbringen durfte. Das wusste ich. Ich wusste auch, dass, wenn ich am Flughafen bei der Ankunft kontrolliert würde, ich wahrscheinlich nicht durchkäme. Also habe ich mit anderen Kollegen in der Division gebetet, der liebe Gott möge uns bewahren. Als ich dann in Bukarest ankam, kam es, wie es kommen musste. Eine Kommissarin sagte: „Koffer aufmachen!“, und fragte: „Was haben Sie da?“ Ich konnte nur sagen: „Ich bin von ihrem Präsidenten, Nicolae Ceaușescu, eingeladen worden, am Friedenskongress teilzunehmen.“ Sie fragte: „Wirklich? Vom Präsidenten?“ „Ja!“, antwortete ich. Sie darauf: „Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“ Ich glaube, ich hätte eine Atombombe unterm Arm haben können, aber sie hat mich durchgewinkt.

Die zweite Erfahrung: Ich war in Madagaskar angekommen. Madagaskar war damals eine sozialistische Republik, die vorab eine Erklärung aller Devisen forderte, die man ins Land einführte, damit man sie auch wieder ausführen durfte. Ich hatte am Flughafen nach jemandem gesucht, der mich abholen sollte, fand den Mann auch und vergaß komplett, meine Devisen zu deklarieren. Als ich dann im Vereinigungsbüro saß, fragte man mich: „Hast du auch deine Devisen deklariert?“ Ich hatte Schweizer Franken, D-Mark und US-Dollar dabei. Ich sagte: „Nein, ich habe sie nicht deklariert.“ „Dann müssen wir gleich zum Flughafen fahren und es nachholen“, antwortete der Bruder. So fuhren wir zurück. Ich wurde untersucht, man fand drei verschiedene Währungen bei mir und stellte fest: Der Mann wohnt in Deutschland, kommt aus der Schweiz, flog von Paris ab. Also wenn der kein Spion ist, wer dann?„Bitte warten Sie hier, bis der Polizeichef von Antananarivo, aus der Hauptstadt, kommt!“, sagte man mir. Sie hielten mich eine Stunde lang fest, bis der oberste Polizist, der Polizeichef, von Antananarivo kam. Er schaute mich scharf an und sagte: „Was machen Sie hier?“ Darauf erklärte ich, dass ich geschickt worden war, um an der adventistischen Schule Soamandrarini und in anderen Ortgemeinden das Evangelium zu verkündigen. „Sind Sie Adventist?“, fragte er. „Ja!“, antwortete ich. „Prediger noch dazu?“ „Ja.“ „Ja, warum haben Sie das nicht sofort gesagt?“ Ich erwiderte, dass mich bisher niemand danach gefragt hatte. Darauf warf er ein: „Von den Adventisten wissen wir, dass alles in Ordnung ist. Sie lügen nie. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Madagaskar.“ Wie dankbar war ich unseren Geschwistern für den Ruf, den Sie bei der Polizei in der Hauptstadt hatten!

Gott hat dich mit einer lieben Frau, mit einem Sohn, einer Tochter, mit Enkeln und sogar mit Urenkeln beschenkt. Was bedeutet für dich Familie?

Die Familie war für mich Geschenk und Herausforderung zugleich. Geschenk, weil ich sehr froh und glücklich war mit Frau und Kindern, aber Herausforderung, weil sie sehr gelitten haben unter meinem Dienst, da ich oft Tage und manchmal sogar Wochen lang abwesend war und sie allein bleiben mussten. Meine Kinder und sogar meine Enkel bemühen sich jetzt rührend um mich. Der Stuhl meiner Frau am Tisch bleibt leer, das Bett neben mir bleibt leer, aber ihr Platz in meinem Herzen bleibt nicht leer. Er wird nie leer bleiben.

Im Leben eines jeden Gläubigen gibt es auch Krisen – das dunkle Tal. Gab es sie auch für dich? Und wenn ja, wie hast du sie erlebt und überlebt?


Ich kann mich nicht entsinnen, jemals in einer großen Glaubenskrise gewesen zu sein, weil ich, wie gesagt, von der Adventbotschaft überzeugt war und diese von Jugend auf immer verteidigt und vertreten habe. Aber es gab manchmal Krisen in meinem persönlichen Verhältnis zu Jesus: Die ständigen Anfechtungen, der Spagat zwischen Arbeit und Familie, Ehefrau. Und dann wurde allmählich aus dem formalen Glauben die persönliche Freundschaft mit Jesus!

1985 wurdest du, wie du mir sagtest, völlig überraschend zum Präsidenten der Baden-Württembergischen Vereinigung gewählt. In den elf Jahren in dieser Funktion durfte ich dich als Vertreter der Prediger im Vereinigungsausschuss und ab 1994 als Sekretär der Vereinigung näher kennenlernen. Es waren keine einfachen Jahre deines Dienstes, aber reich gesegnet. Was hat dir Gott in dieser Phase besonders ans Herz gelegt?

Es war mein Anliegen, die Baden-Württembergische Vereinigung nicht nur organisatorisch und formell, sondern geistlich zu führen. Ich habe darauf geachtet, dass meine Mitarbeiter zu unseren Grundlehren standen und oft auch entsprechende Personalentscheidungen getroffen. Leider war ich nicht kreativ genug, um neue Projekte zu starten. Ich war viel zu konservativ, zu wenig innovativ. Im Rückblick erkennt man meist klarer, was man alles hätte tun und besser machen können. Aber wichtig war mir, dass meine Frau mich nach all den Jahren des Verzichts fast jeden Sabbat begleiten, mit in die Gemeinden fahren und die Mitarbeiter und Gemeinden persönlich kennenlernen konnte. Das war mir in allem eine große Hilfe.

Als du Ende 1996 deinen Ruhestand begonnen hast, begann für dich und für deine Wilfriede faktisch eine weitere Phase eures aktiven Dienstes. Vorträge im In- und Ausland, regelmäßiger Predigtdienst in den Gemeinden, Workshops, Übersetzung von Büchern und Artikeln, zeitweise Betreuung von Gemeinden, Taufunterricht – bis heute. Was liegt dir heute besonders am Herzen? Was ist dein Vermächtnis?

Zwei Texte sind mir immer sehr wichtig geworden. Das eine: „Halte, was du hast“, aus der Offenbarung; der andere Text: „Wirket, bis dass ich komme.“ Ich wollte Prediger, Verkündiger, werden und das ist man nicht nur bis zur Pension, sondern bleibt man lebenslang. Solange Gott mir Aufgaben gibt, werde ich ihm immer zur Verfügung stehen.

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