Sündlos vor der Wiederkunft?

Wiederkunft
Sündlos vor der Wiederkunft?

Die Theologie der letzten Generation

Warum ist Christus noch nicht wiedergekommen? Diese Frage beschäftigt irgendwann jeden Adventisten. Auch Milian Lauritz Andreasen (1876-1962), einer der bedeutendsten adventistischen Theologen der 1930er und 1940er Jahre, versuchte diese Frage zu beantworten. Am deutlichsten legte er seine Position im Kapitel „The Last Generation“ in dem Buch The Sanctuary Service (1937, 1947) dar.1 Andreasens „Theologie der letzten Generation“ oder Teile davon haben in den letzten fünf Jahren einen zunehmenden Anklang im deutschsprachigen Raum gefunden. Da ich in meiner Jugendzeit manche Ansichten dieser Theologie vertrat, beobachte ich diese Entwicklung mit Sorge. Vielen mögen Aspekte von Andreasens Antwort auf die Frage nach der Verzögerung von Jesu Wiederkunft bekannt sein. Doch das komplexe Rahmenkonzept, in das diese Aspekte eingefügt sind, ist weithin unbekannt. In diesem Artikel möchte ich daher die „Theologie der letzten Generation“ erklären und sie anschließend mit den Lehren der Bibel vergleichen. Da vielfach davon ausgegangen wird, dass sich Andreasens Standpunkt mit dem von Ellen White (1827-1915) deckt, werde ich ferner auch auf ihre Ansichten eingehen.

Die Rolle der letzten Generation aus M. L. Andreasens Sicht

Die Antwort auf die Frage „Warum ist Christus noch nicht wiedergekommen?“ fand Andreasen im Großen Kampf zwischen Gott und Satan begründet. Satan hatte Gott vorgeworfen, dass dieser seinen Geschöpfen ein Gesetz gegeben hatte, dem sie unmöglich gehorchen konnten. Dieser Vorwurf konnte laut Andreasen nur auf eine Art und Weise entkräftet werden: „Gott muss mindestens einen Menschen hervorbringen, der das Gesetz gehalten hat. Gibt es so einen Menschen nicht, verliert Gott und Satan gewinnt.“2

Andreasens Verständnis vom Gesetz beeinflusste auch seine Auffassung von Sünde und Vollkommenheit. Da Sünde die Übertretung des Gesetzes ist (1Joh 3,4), definierte er Sünde primär als eine Handlung. Dementsprechend verstand er auch Vollkommenheit primär als Sündlosigkeit, als ein absolutes Vermeiden der Gesetzesübertretung. Die menschliche Natur sei mit sündigen Neigungen behaftet, die überwunden werden müssen. Wer den Sieg über eine bestimmte Sünde errungen habe, sei in diesem Punkt geheiligt. Wer in diesem Sinne siegreich über jede Sünde war, sei vollkommen und für die Verwandlung bereit.3 Wenn Sünde also eine Reihe von Handlungen ist, dann sei Gerechtigkeit logischerweise auch eine Reihe von Handlungen.

Andreasen machte seine Sichtweise an zwei Personen fest, die einen vollkommenen, sündlosen Gehorsam geleistet hatten. Die erste Person war Hiob. Satan hatte Gott angeklagt, und Hiob musste diese Anklage widerlegen, indem er Gott unter widrigsten Umständen und ohne Gottes Intervention gehorchte. Er lebte ohne Sünde und „Gott war abhängig von ihm [Hiob] in der Krise, durch die er hindurchging.“4 Da Hiobs Fall aber nicht „unter die gewöhnlichen Regeln“ fiel, widerlegte sein Gehorsam die Anklage Satans gegen Gott nicht.5 Die zweite Person stellte Jesus dar. Sein vollkommener Gehorsam sowie sein Tod am Kreuz dienten als Demonstration dafür, dass es für einen Menschen möglich war, das Gesetz zu halten. Der Sieg über den Teufel war allerdings noch nicht vollständig errungen. Andreasen meinte, dass der Teufel Gott immer noch besiegen konnte, wenn er die Übrigen überwand. Die „entscheidende Frage“, ob „Gottes Gesetz wirklich gehalten werden kann“, war immer noch nicht vollständig beantwortet.6 Laut Andreasen konnten weder Hiobs Gehorsam noch Jesu sündloses Leben Satans Vorwurf völlig widerlegen. Sie würden jedoch als Vorbild für die letzte Generation von Gläubigen dienen, die nach Andreasen den sündlosen Gehorsam erbringen müsse, um Satans Vorwurf endgültig zu widerlegen. An dieser Stelle war es für Andreasen besonders wichtig zu betonen, dass Jesus die Sünde und die vererbten Neigungen in der gleichen gefallenen, sündigen menschlichen Natur überwand, die auch wir haben. Nur so könne er uns als Vorbild dienen, damit auch wir überwinden können.7

Erst wenn die Gläubigen aufhören zu sündigen und dadurch keine weiteren Sünden mehr auf das Heiligtum übertragen werden, würde das Heiligtum rein und der Dienst Jesu im Heiligtum beendet sein.8 Während der Trübsalszeit werde Gott durch diese letzte Generation von Gläubigen demonstrieren, dass sein Gesetz gehalten werden kann und Satans Vorwürfe haltlos sind (die „größte Demonstration“ des Sieges über Sünde). Während der Trübsalszeit ringen die Gläubigen darum, nicht zu sündigen bzw. das Gesetz Gottes nicht zu übertreten.9 Man achte darauf, worin Gottes „Demonstration“ laut Andreasen besteht: Im himmlischen Heiligtum gibt es keinen Mittler mehr, der für das Volk eintritt. In dieser Zeit „nimmt Gott seinen Geist von der Erde hinweg“ und „verbirgt sich.“ „Gottes Volk bleibt sich selbst überlassen, um mit den Mächten der Finsternis zu kämpfen.“10 Das sei notwendig, weil „[Satan] einen eindeutigen Fall fordert, wo es keinen Zweifel gibt und wo Gott nicht eingegriffen hat.“11

Gott und das Schicksal des Universums würden vom sündlosen Gehorsam der letzten Generation abhängen. „In der letzten Generation wird Gott gerechtfertigt dastehen. In den Übrigen wird Satan seiner Niederlage begegnen. Der Vorwurf, dass das Gesetz nicht gehalten werden kann, wurde widerlegt und völlig entkräftet.“12 Andreasen meinte ferner, dass „die Reinigung des Heiligtums im Himmel von der Reinigung des Volkes Gottes auf Erden abhängt.“13 Gott würde damit ein immenses Risiko eingehen,14 da die Rechtfertigung Gottes, der Sieg über den Teufel und die Versöhnung letztlich „von uns abhängig sind.“15 Christi Wiederkunft wurde demnach also bisher aufgehalten, weil die Gläubigen noch keinen sündlosen Charakter entwickelt haben.

Die Sichtweise der Bibel

Die Bibel macht an verschiedenen Stellen deutlich, dass es einen Konflikt zwischen Gut und Böse gibt, in dessen Fokus Gottes Gesetz und Charakter stehen. An dieser Stelle ist es wichtig, das Wesen des Gesetzes zu verstehen. 1. Johannes 3,4 beschreibt Sünde als Übertretung des Gesetzes. Der Bibel nach ist Sünde mehr als nur eine Tat, sie macht unser Wesen aus, unsere Motive, unser Denken, unsere Gefühle (Matt 5,22.28; Joh 16,9). Wir alle haben gesündigt und sind von sündigen Neigungen getrieben, denen nur durch eine Neugeburt, Gottes Hilfe und Vertrauen auf ihn Einhalt geboten werden kann (Röm 2-8). Die Bibel beschreibt Jesus als zweiten Adam (Röm 5,12-21; 1Kor 15,45-49). Er war wahrhaft Mensch (Joh 1,14; Rom 1,2-4; 1Joh 4,2-3; Joh 19,28; Phil 2,6-8), nahm die Gestalt des sündigen Fleisches an (Röm 8,3) und wurde versucht wie wir, aber war ohne Sünde (Matt 4,1-11; Joh 8,46; 14,30; Heb 4,15; 2Kor 5,21; 1Pet 2,22; 1Joh 3,5). Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass Jesus Gott ist (Joh 1,1-3; 8,58; 20,28; Tit 2,13; Heb 1,8; Lk 7,48-50). In diesem Sinne war Jesus wie wir – und doch anders.

Beachtet man aber die Kernaussagen des ersten Johannesbriefes, merkt man, dass diese Aussage (Sünde ist die Übertretung des Gesetzes) im Zusammenhang mit der Liebe zu Gott und zum Nächsten steht (2,7-17; 3,11-24; 4,7-24). Das Gesetz Gottes spiegelt seinen Charakter der heiligen Liebe wieder. Die Zehn Gebote (2Mo 20,1-17; 5Mo 5,6-21) sind negativ formuliert, damit Menschen, die nicht mehr verstehen, wie man Liebe gegenüber Gott und dem Nächsten lebt, erkennen, was nicht Liebe ist. Diese Gebote aber nur als Regeln anzusehen, die es einzuhalten gilt, hieße das Wesen des Gesetzes aus den Augen zu verlieren. Eine genauere Betrachtung dieser Gebote zeigt, dass sie alle das Wohl des Anderen im Blick haben. Sie implizieren Fürsorge für das Leben, die Zeit, den Ruf, die Ehre, das Eigentum, die Familienbeziehungen usw. des Anderen. Der Andere ist Gott, der Ehepartner, die Kinder, die Eltern, der Mitbürger, der Fremde, der Sklave, ja selbst die Tiere (2Mo 20,10). Das Gesetz drückt damit diese zwei Gedanken aus – Liebe zu Gott und zum Anderen (3Mo 19,17-18; 5Mo 6,5; Matt 22,36-40; Mk 12,30-31). Diese Liebe ist also nicht selbstzentriert, sondern auf den Anderen gerichtet. Liebe, die sich nur um mich dreht, ist selbstsüchtig und damit im Kern Sünde. In der Bergpredigt rief Jesus seine Jünger dazu auf, vollkommen wie unser himmlischer Vater zu sein (Matt 5,48). Früher habe ich diesen Aufruf zur Vollkommenheit immer als einen Aufruf zur sündlosen Gesetzeseinhaltung verstanden. Diese Definition greift jedoch zu kurz und widerspricht ferner dem Zusammenhang des Textes. Dieser Vers schließt interessanterweise Jesu Rede über Feindesliebe ab (V. 43-48). Die gleiche Rede wird von Lukas mit dem Aufruf beendet, dass wir barmherzig wie unser himmlischer Vater sein sollen (Lk 6,32-36). Lukas definierte Vollkommenheit somit als vollkommene Liebe. Ein Glaube, der auf reine Gesetzeseinhaltung bedacht ist, aber es verfehlt, kreativ Liebe gegenüber dem Nächsten zu üben, ist pharisäisch, ja sogar sündig (1Joh 3,14.15.18; 4,8.20.21). Vollkommenheit drückt sich wie bei unserem himmlischen Vater in Liebe, Barmherzigkeit, Vergebung und Dienst aus (Matt 5,48; Lk 6,36; Eph 5,1-2; Kol 3,14). Die göttlichen Personen verherrlichen einander (Joh 8,54; 13,32; 16,14; 17,1.5), erinnern an die Rede der Anderen (Joh 8,28.38; 12,49; 16,14), usw. Hier wird nicht der Wunsch offenbart, den Anderen kontrollieren zu wollen. Vielmehr sehen wir eine gegenseitige Demutshaltung, die zu Harmonie bzw. Einheit im Denken, Planen und Handeln führt. Diese gegenseitige Haltung der Liebe und des Dienstes, die auf den Anderen gerichtet ist, erwartet Jesus auch von seinen Nachfolgern (Matt 23,11-12; Lk 22,25-27; Joh 13,13-16.34.35; Joh 17; Gal 5,13-15).

Die Heiligung ist ein untrennbarer Bestandteil des christlichen Lebens (1Thess 4,3), aber der Zeitpunkt des Endes der Welt wird an der Evangeliumsverkündigung festgemacht (Matt 24,14), nicht am Status der Heiligung der Gläubigen. Das Ende des himmlischen Vermittlungsdienstes und der Gnadenzeit geht einher mit der Versiegelung und Festmachung des Schicksals aller Menschen (Offb 7,1-4; 14,14–15,8; 22,11). Die Bibel spricht ferner von der Ausgießung des Geistes Gottes auf die Gläubigen vor dem großen Tag des Herrn (Joel 2,23; 3,1-2). Diese Wahrheit erklärt Jesus insbesondere im Gleichnis von den zehn Jungfrauen, in dem nur fünf Jungfrauen genug Öl hatten, um dem Bräutigam zu begegnen (Matt 25,1-13). Das Öl symbolisiert die verändernde Kraft des Heiligen Geistes, die dazu befähigt, Gott zu gehorchen (Hes 36,25-27). Letztlich sind diejenigen Gottes Kinder, die vom Geist Gottes geführt werden (Röm 8,14). Die Gläubigen sind ständig von Gott abhängig und bedürfen seiner Gnade (Joh 15,4; Phil 4,13; 1Kor 15,10). Ferner kann uns nur Christus bis zu seiner Wiederkunft untadelig bewahren (2Kor 9,8; Eph 3,14-21; 5,27; Phil 3,20-21; Jud 24-25).

Die Bibel lehrt an keiner Stelle, dass Gott von uns abhängig sei und die Rechtfertigung seines Charakters, der Sieg über den Teufel und Versöhnung auf unserer Leistung beruhen. Jesu Leben und Sterben war die entscheidende Handlung Gottes und ist der zentrale Punkt und das Fundament des christlichen Glaubens (1Kor 2,2; Gal 6,14.15; Offb 5,5-14). Jesu Tod am Kreuz war die wirksame stellvertretende Versöhnung für alle unsere Sünden (Jes 53,3-6; Joh 1,29; Röm 3,24-26; 5,10; Kol 2,14-15; 1Joh 2,2; 4,10). Und Jesu Dienst im Himmel „kann [uns] völlig retten“ (Heb 7,25). Durch das, was Jesus tat, wurde der Teufel besiegt und seine Macht gebrochen (Offb 12,10; Joh 12,31-32; 16,11; Heb 2,14-17). Satan ist gerichtet und seine Tage sind gezählt. Er wartet nur noch auf die Vollstreckung des Urteils (Joh 16,11; Röm 16,20; Offb 12,12; 20,10). Gottes Sieg ist sicher und kann ihm nicht mehr weggenommen werden (Röm 8,31-39).

Ellen G. Whites Sichtweise

Auch Ellen White erwähnte in ihren Schriften, dass Satan Gottes Charakter infrage stellte. Sie nannte allerdings zwei Vorwürfe. Satan behauptete, Gott fordere von seinen Geschöpfen Gehorsam gegenüber einem Gesetz ein, das sie gar nicht halten können. Danach entscheide er beliebig, wem er die Übertretung des Gesetzes vergibt und wen er dafür bestraft. Satan behauptete, dass Gott nicht gleichzeitig barmherzig (Liebe) und gerecht (Gerechtigkeit) sein könne. Er sei vielmehr willkürlich und unfair. Da alle gesündigt hatten, müsste Gott entweder alle bestrafen oder allen vergeben.16

Laut Ellen White ist der Große Kampf eine „Demonstration der unveränderlichen Liebe Gottes.“ Sein Wesen und Gesetz sind Liebe.17 Ihrer Ansicht nach war die einzige Definition von Sünde in der Bibel, dass es „die Übertretung des Gesetzes ist, die Umsetzung eines Prinzips, das im Gegensatz zum großen Gesetz der Liebe steht, welches die Grundlage für die göttliche Regierung ist.“18 Unser Wesen und Herz sowie unsere Motive und Neigungen sind sündig und selbstsüchtig. Nur durch Gottes Gnade kann unser Herz neu ausgerichtet werden.19

Sie schrieb, dass Jesus bei seiner Menschwerdung „seine sündlose Natur“ mit „unserer sündigen Natur“ verband. Er nahm ferner die aus unserer „gefallenen Natur“ resultierenden Schwächen (engl.: infirmities) auf sich, hatte aber nicht die gleichen sündigen Neigungen (engl.: propensities) wie wir.20 Jesus wurde zwar von der Sünde beeinträchtigt, aber nicht angesteckt oder befleckt. Demnach war Jesu menschliche Natur weder wie Adams Natur vor dem Fall noch völlig wie seine Natur nach dem Fall. Sündhaftigkeit ist also nicht wesenhaft notwendig, um versucht zu werden oder völlig Mensch sein zu können. Genau genommen waren Jesu Versuchungen viel größer als alles, was wir jemals erleben müssen, da er versucht wurde, seine göttliche Kraft für sich selbst zu verwenden.21 Da Jesus außerdem gleichzeitig immer noch Gott war, war er ohnehin anders als wir.22

Über die Zeit vor dem Ende der Gnadenzeit schrieb die Prophetin: „Die letzte Gnadenbotschaft, die der Welt gegeben wird, ist eine Offenbarung seines [Gottes] Charakters der Liebe. Die Kinder Gottes sollen seine Herrlichkeit offenbaren. In ihrem Leben und Charakter sollen sie offenbaren, was die Gnade Gottes für sie getan hat.“23 Ellen White machte eine Aussage in dem Buch Christi Gleichnisse, welche häufig von Vertretern der Theologie Andreasens zitiert wird, um zu belegen, dass die Wiederkunft Jesu von der vollkommenen Sündlosigkeit der Gläubigen abhängt. Sie schrieb: „Wenn der Charakter Christi in seinem Volk vollkommen nachgebildet wurde, dann wird er kommen und sie als sein Eigentum beanspruchen.“24 Der Zusammenhang dieses Satzes und eigentlich des gesamten Kapitels zeigt, dass Ellen White Christi Charakter als vollkommene Liebe definierte, wie sie sich im liebenden Dienst am Nächsten und in der Verkündigung der Erlösungsbotschaft zeigt – und nicht als makelloses Verhalten.25 Während sie ein ständiges Wachstum in dieser Vollkommenheit als notwendigen Bestandteil des christlichen Lebens betrachtete, der bis in die Ewigkeit immer mehr zunehmen wird, waren Jesu Verdienste und sein stellvertretendes Opfer aus ihrer Sicht immer die Voraussetzung für unsere Erlösung.26 Während wir Christi Kommen subjektiv gesehen beschleunigen können (objektiv gesehen können wir Gott nicht überraschen),27 sollen wir andererseits für einen Aufschub beten, um das vernachlässigte Werk verrichten zu können.28

Sie sah das Leben vieler biblischer Personen als ein Vorbild für unser Leben heute, aber sie betrachtete das Leben von drei Personen insbesondere als ein Vorbild für die letzte Generation: Henoch, der mit Gott wandelte und lebend hinweggenommen wurde (1Mo 5,21-24);29 Jakob, der mit dem Engel des Herrn rang und nicht losließ, bis er den Segen empfing (1Mo 32,22-31)30 ; und der Hohepriester Jeschua, der vom Teufel verklagt wurde und dessen schmutzige Kleider vom Engel des Herrn durch saubere, neue Kleider ersetzt wurden (Sach 3).31 Durch die Auswahl dieser Personen als Vorbilder für die letzte Generation legte Ellen White den Schwerpunkt auf die vollkommene Abhängigkeit der Gläubigen von Gott.

So bestand für Ellen White das Ringen der Heiligen in der Trübsalszeit auch in ihrem anhaltenden Vertrauen auf Jesus, ihren Erlöser, und auf Gottes in der Vergangenheit zugesprochene Vergebung. Satan würde versuchen den Gläubigen einzureden, dass Gott ihnen ihre vielen und schlimmen Sünden unmöglich vergeben könne. Alles um sie herum und in ihnen selbst würde ihnen bewusst machen, dass sie Jesus brauchen und er ihre einzige Chance ist.32 Nur durch Jesu Hilfe können wir ohne den himmlischen Vermittlungsdienst diese Zeit der ultimativen Offenbarung des Bösen überstehen.33 Ellen White sprach davon, dass der Heilige Geist von den Bösen hinweggenommen und ihrem bösen Wirken kein Einhalt mehr geboten wird.34 Auf die Gläubigen wird der Heilige Geist jedoch ausgegossen, um ihnen zu helfen, das Evangelium zu verkündigen und die Trübsalszeit zu überstehen.35 Es wäre auch seltsam, wenn wir unser ganzes Glaubensleben hindurch lernen sollen, ganz auf Gott und nicht auf uns zu vertrauen, und wir es dann am Ende doch alleine schaffen.

Ellen White lehrte nirgendwo, dass Gott von uns abhängig ist und die Rechtfertigung seines Charakters, der Sieg über den Teufel und ewige Versöhnung auf unserer Leistung beruhen. Sie schrieb vielmehr: „Durch sein Leben und seinen Tod bewies Christus, dass Gottes Gerechtigkeit seine Barmherzigkeit nicht zerstört, sondern dass Sünde vergeben werden kann und sein Gesetz gerecht ist und vollkommen gehalten werden kann. Satans Vorwürfe wurden widerlegt. Gott hat einen eindeutigen Beweis seiner Liebe gegeben.“36 In ähnlicher Weise schrieb sie: „Christi Tod bewies, dass Gottes Verwaltung und Regierung ohne Makel war. Satans Vorwurf hinsichtlich der gegensätzlichen Eigenschaften der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit wurde für immer und ohne Zweifel aus dem Weg geräumt.“37 Sie schrieb ferner: „Unser großer Hoherpriester hat das einzige Opfer gebracht, dass in unserer Erlösung von irgendeinem Wert ist. Als er sich selbst am Kreuz opferte, wurde eine vollkommene Versöhnung für die Sünden des Volkes bewirkt.“38 „Als der Vater das Opfer seines Sohnes betrachtete, beugte er sich vor diesem in Anerkennung seiner Vollkommenheit. ,Es ist genug,‘ sagte er. ‚Die Versöhnung ist vollendet.‘“39

Zusammenfassung

Die „Theologie der letzten Generation“ erscheint ansprechend, weil sie eine Version des Großen Kampfes vermittelt, die einprägsam und nachvollziehbar ist. Sie versucht ferner die Frage nach der Verzögerung der Wiederkunft Jesu zu beantworten. Sie greift manche grundlegenden Aussagen der Bibel und Ellen Whites auf, fügt ihnen Begründungen hinzu und stellt sie in ein Endzeitszenario, das jedoch über diese Aussagen hinausgeht. Neben der einseitigen Verwendung der Bibel und Ellen Whites Schriften führen diese Begründungen und diese Version der Endzeit allerdings zu einer Verzerrung zentraler biblischer Lehren. Die letzte Generation wird nach Andreasens Theologie damit beauftragt etwas zu tun, was nach den Aussagen der Bibel und Ellen Whites Christus durch sein Leben und Sterben bereits bewirkt hat. Dadurch schmälert diese Theologie die Bedeutung dessen, was Jesus schon getan hat, und schreibt die Verantwortung für das Schicksal des Universums der letzten Generation zu. Diese Theologie unterschätzt die Macht der Sünde und überschätzt die Fähigkeit des Menschen, sie zu überwinden, denn der Fokus liegt hier letztlich auf uns und nicht auf Gott oder dem Nächsten. Ellen White hob in ansprechender Weise den zentralen Punkt hervor, den unser Reden und Lehren stattdessen haben sollte.

„Das Opfer Christi als eine Versöhnung für unsere Sünde ist die große Wahrheit, um die sich alle anderen Wahrheiten sammeln. Um richtig verstanden und geschätzt zu werden, sollte jede Wahrheit im Wort Gottes, vom 1. Buch Mose bis zur Offenbarung, im Licht studiert werden, das vom Kreuz Golgathas erstrahlt. Ich zeige euch das große, gewaltige Denkmal der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, der Erlösung und Befreiung – der Sohn Gottes am Kreuz emporgehoben. Das sollte die Grundlage jeder Rede sein, die unsere Prediger halten.“40

Quellen:

1 M. L. Andreasen, The Sanctuary Service, 2. Ausg. (Washington, D.C.: Review and Herald, 1947), 299-321. 2 Ibid., 316. 3 Ibid., 302. 4 Ibid., 314. 5 Ibid., 316. 6 Ibid., 309, 310. 7 M. L. Andreasen, Letters to the Churches (Baker, OR: Hudson, [1959]), 8, 10, 11. 8 M. L. Andreasen, Book of Hebrews (Washington, DC: Review and Herald, 1948), 58-60. 9 Andreasen, The Sanctuary Service, 312. 10 Ibid., 315. 11 Ibid., 316. 12 Ibid., 315, 319. 13 Ibid., 321. 14 Herbert E. Douglass, God at Risk (Roseville, Calif.: Amazing Facts, 2004). 15 Andreasen, The Sanctuary Service, 320. 16 Ellen G. White, Great Controversy, 761; Patriarchs and Prophets, 69. 17 Ellen G. White, Patriarchs and Prophets, 33. 18 Ellen G. White, Great Controversy, 493. 19 Ellen G. White, Steps to Christ, 17, 18. 20 Ellen G. White, Testimonies for the Church, 2:202; Review and Herald, 28.07.1874, 51; Review and Herald, 04.08.1874, 58; Lt 8, 1895; Desire of Ages, 48; Review and Herald, 17.07.1900, 449; Signs of the Times, 29.05.1901, 139; Medical Ministry, 181; Tim Poirier, “Sources Clarify Ellen White’s Christology,” Ministry, December 1989, 7-9. 21 Ellen G. White, Signs of the Times, 10.04.1893, 358. 22 Ellen G. White, Lt 5, 1889; Desire of Ages, 507; Ms 76, 1903. 23 Ellen G. White, Christ’s Object Lessons, 415, 416. 24 Ibid., 69. 25 Ibid., 62-69; Prophets and Kings, 589. 26 Ellen G. White, Review and Herald, 22.04.1884, 257. 27 Ellen G. White, Review and Herald, 18.06.1901, 387; Desire of Ages, 633, 634; Great Controversy, 458; Lt 38, 1888. 28 Ellen G. White, Testimonies for the Church, 5:714-718. 29 Ellen G. White, Review and Herald, 19.04.1870, 138, 139. 30 Ellen G. White, Great Controversy, 619, 620. 31 Ellen G. White, Prophets and Kings, 588, 589. 32 Ellen G. White, Spirit of Prophecy, 1:125; Review and Herald, 22.09.1896, 598. 33 Ellen G. White, Great Controversy, 621; Lt 54, 1906. 34 Ellen G. White, Spiritual Gifts, 4:44; Patriarchs and Prophets, 201. 35 Ellen G. White, Early Writings, 86. 36 Ellen G. White, Desire of Ages, 762. 37 Ellen G. White, Ms 128, 1897. 38 Ellen G. White, Signs of the Times, 28.06.1899, 1. 39 Ellen G. White, Review and Herald, 24.09.1901, 1163. 40 Ellen G. White, Gospel Workers, 315.

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