Mein Weg durch ein dunkles Tal

Lebensgeschichte
Mein Weg durch ein dunkles Tal

Wie Gottes Teddybär alles veränderte

Ich wurde 1977 in Russland in einer Familie mit sieben Kindern geboren. Meine Eltern waren keine Christen, doch als bei meiner Mutter Krebs diagnostiziert wurde, begann sie Gott zu suchen. So fand sie bald durch die Baptistengemeinde zum Glauben. Mein Vater hielt nichts davon und verbat ihr, uns Kinder mitzunehmen oder biblische Geschichten vorzulesen. Als er eines Tages ganz plötzlich an einem Herzinfarkt starb, traf dieser Schicksalsschlag unsere Familie schwer. Gleichzeitig war es für mich jedoch Anlass, mit meiner Mutter den Gottesdienst zu besuchen. Mir wurde bald klar, dass Jesus wiederkommen wird – und da ich unbedingt bei ihm sein wollte, entschied ich mich für ein Leben mit Gott. Als 1992 meine Mutter an Krebs starb, fand ich Halt in der Gemeinde, die mittlerweile wie eine zweite Familie für mich geworden war.

Zu der Zeit wanderten viele deutschstämmige Russen nach Deutschland aus, unter anderem auch zwei meiner älteren Brüder. Sie sorgten dafür, dass ich nachkommen konnte; und so landete ich 1997 als junges Mädchen in einem Auffanglager in Hannover. Von dort kam ich nach Halver, wo meine Großmutter und meine Tante lebten. In der westfälischen Kleinstadt gab es eine große Baptistengemeinde, in der ich mit offenen Armen aufgenommen wurde und schnell Freunde fand. Ich absolvierte einen Sprachkurs und landete nach einiger Zeit unter viel Gebet in einem Pflegeberuf. Meine Freude war groß, als einer meiner Brüder, der schon immer eine Bezugsperson für mich gewesen war, mit seiner Familie ebenfalls zum Glauben fand. Doch 2008 verstarb auch er an Krebs.

Die Jahre vergingen und ich sehnte mich nach einem gläubigen Partner. Irgendwann nahm ich all meinen Mut zusammen und meldete mich im Internet auf einer christlichen Single-Plattform an. Dort lernte ich meinen ersten Mann kennen, der damals bereits auf der Suche nach Jesus war. Wir fingen an, gemeinsam die Bibel zu lesen und zu beten und heirateten schließlich. Die Ehe verlief sehr harmonisch, nur der Kinderwunsch wollte nicht in Erfüllung gehen. Nach genaueren Untersuchungen erklärte mir der Arzt, dass eine OP notwendig sei und es dann womöglich klappen könnte. So vereinbarten wir einen Termin bei einem Spezialisten in Karlsruhe, den ich jedoch niemals wahrnehmen sollte ...

Von einem Moment auf den anderen

An einem Abend, während wir in der Küche standen und uns unterhielten, schrie mein Mann plötzlich auf und fiel von einem Moment auf den anderen nach hinten um. Mit einer großen Platzwunde am Kopf wurde Martin umgehend ins Krankenhaus eingeliefert. Nachdem uns gesagt wurde, er habe ein Gehirntrauma erlitten, wurde er noch in derselben Nacht in der Heidelberger Klinik operiert. Am nächsten Morgen rief ich dort an und erfuhr, dass die OP gut verlaufen sei und mein Mann bei vollem Bewusstsein war. Nach einer Woche war sein Zustand um ein Vielfaches besser und so wurde er in die Klinik Pforzheim, nahe unseres Wohnortes, verlegt. Als Martin nach dem Transport jedoch sehr müde wirkte und sein Zustand sich wieder verschlechterte, untersuchten ihn die Ärzte nochmals, konnten jedoch keinen erkennbaren Grund für die Verschlechterung finden. So gingen wir nach Hause, in der Hoffnung, es würde ihm am nächsten Tag besser gehen.

Gegen 11 Uhr erhielt ich am Tag darauf bei der Arbeit den Anruf, Martin liege auf der Intensivstation – er atme nicht mehr selbständig und zeige auch keine Reflexe oder Reaktionen. Sofort machte ich mich auf den Weg zum Krankenhaus und schrie bereits im Auto zu Gott, mein Mann solle doch am Leben bleiben ... Dabei fiel mir ein Gespräch ein, bei dem Martin vor einiger Zeit erwähnt hatte, dass er nur schwer mit einer Behinderung zurecht käme. So bat ich Gott, Martin am Leben zu lassen, wenn er trotz Behinderung glücklich werden würde. Als ich mein Anliegen in Gottes Hand gelegt hatte, fiel mir eine Last von den Schultern und ich fühlte mich, wie wenn Gott mich in die Arme genommen hätte. Im Krankenhaus wurde mir gesagt, dass bedingt durch eine Hirnschwellung die Hirnströme meines Mannes immer weiter zurückgingen. 24 Stunden lang zitterten und beteten wir – all meine Freunde und Verwandten lagen auf den Knien und versicherten mir immer wieder, dass wir einen Gott haben, der Wunder tun kann. Dennoch: Ende August 2014 wurde Martin für hirntot erklärt und die Maschinen wurden abgeschaltet ...

Ich wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Der Termin beim Spezialisten in Karlsruhe war gecancelt und ich fragte mich, warum Gott mich für stark genug hielt, dieses Tal zu durchwandern. Gleichzeitig erschien regelmäßig, wenn ich betete, ein Bild vor meinen Augen, das ich auf einer Karte vor einigen Jahren gesehen hatte: Darauf steht Jesus vor einem Kind und bittet das Kind, ihm seinen Teddy zu geben, während er selbst einen viel größeren Teddy hinter seinem Rücken bereit hält. Darüber stand: „Wenn Gott dir etwas nimmt, dann nur, um dir etwas Größeres zu geben.“

Eine Schulter zum Weinen

Eines Tages, nachdem ich die Sachen weggeräumt hatte, die mich immer wieder an meinen verstorbenen Mann erinnerten, kam mir der Gedanke, auch unseren Schriftverkehr auf der Internetplattform zu löschen, auf der wir uns kennengelernt hatten. Ich wollte jedoch nicht einfach so verschwinden, sondern den Menschen auf der Plattform Mut machen. Also schrieb ich unter meinen „Status“: „Denen die Gott lieben, dienen alle Dingen zum Besten“; und bei „Beziehung“ gab ich an: „verwitwet“. Daraufhin kontaktierte mich ein Mann namens Mathias, der mir mitteilte, dass er meinen starken Glauben bewunderte. So sprachen wir viel über die Bibel und den Glauben. Ich erzählte ihm meine Geschichte und wir beteten gemeinsam. Obwohl Mathias Interesse an mir bekundete, wollte ich zu dem Zeitpunkt keinen anderen Mann. Ich wollte meinen Martin zurück!

Eines Nachts, als ich von meinem verstorbenen Mann träumte, wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass mein Martin nie mehr zurückkommen würde. Ich hielt den Tag über meine Tränen zurück, doch als ich am Abend Mathias anrief und er vorbeikam, brach ich zusammen und konnte kein Wort über die Lippen bringen. Er nahm mich in den Arm und ich konnte an seiner Schulter weinen. Da wurde mir zum ersten Mal klar, was ich diesem Mann bedeutete und dass er der Mensch war, der mir am nächsten stand. So entschieden wir uns bald, den Weg gemeinsam zu gehen. 

Überraschenderweise wurde ich irgendwann schwanger. Als ich meinen Arzt fragte, wie das möglich sei, entgegnete er: „Ich weiß es nicht, aber ich freue mich für Sie.“ Auch während der Schwangerschaft selbst wirkte Gott so manches Wunder. Denn laut Aussagen der Ärzte hätte unser Kind behindert geboren werden sollen oder kurz nach der Geburt sterben müssen. Doch nichts davon geschah. Stattdessen machte mir Gott am 28. Juli 2015, an meinem Geburtstag, eines der größten Geschenke meines Lebens: unseren Sohn Jonathan. Gott ist groß und am Ende eines dunklen Tals merken wir oft erst rückblickend, welchen Teddy er hinter seinem Rücken für uns bereit hielt.

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