Typisch Afrika! – oder doch nicht?

Evangelisation
Typisch Afrika! – oder doch nicht?

Josia-Missionsschule unterwegs in Äthiopien

Ein bedrohliches und ziemlich lautes Geräusch ließ mich in jener Nacht aus dem Schlaf aufschrecken. Ich war sofort hellwach! Draußen war es noch ziemlich dunkel ... Als ich gerade dachte, ich hätte mir diesen Lärm nur eingebildet, hörte ich es erneut: diesen tiefen, knurrenden Laut, der durch Mark und Bein ging – und das direkt vor unserem Fenster, das ich vor dem Schlafengehen noch weit geöffnet hatte. Mit einem Schlag wurde mir bewusst, dass mich nur noch ein paar dünne Gitterstäbe von einer Hyäne trennten.

Aber erstmal von vorne: Nur knapp zwei Wochen zuvor hatte ich noch in Isny mit einer hartnäckigen Grippe in meinem Zimmer gelegen. Wochenlang war ich ans Bett gefesselt. Und als ich das erste Mal wieder bei Michael im Unterricht saß, eröffnete er uns, dass wir aufgrund logistischer Probleme (unser Bus hatte am Wochenende zuvor endgültig den Geist aufgegeben) die Nacht vor unserem Abflug nach Äthiopien am Flughafen verbringen müssten. „Das kann doch jetzt nicht wahr sein!“, dachte ich innerlich. „Ich habe es gerade geschafft, wieder so fit zu werden, dass ich diese Missionsreise antreten kann, und dann so etwas!“ Als ich merkte, dass sich der Frust auf meine allgemeine Stimmung übertrug, wandte ich mich voller Empörung an Gott. Nach zwei Tagen war ich bereits müde von meiner Rebellion: „Jesus, du weißt am allerbesten, ob ich schon fit genug für diese Flughafenübernachtung bin oder nicht. Wenn ich es noch nicht bin, dann vertraue ich dir, dass du eine andere Möglichkeit für mich findest.“ Genau in dem Moment, als ich alles an Gott abgegeben hatte, klopfte es an meiner Zimmertür. Ich erfuhr, dass es für drei Personen aus unserer Gruppe, denen es gesundheitlich nicht so gut ging, die Möglichkeit gab, bei einer Familie in der Nähe des Flughafens zu übernachten. Gott hatte nur darauf gewartet, dass ich diese Angelegenheit vertrauensvoll in seine Hände legte. Ermutigt durch diese Erfahrung konnte ich nun voller Freude und Dankbarkeit (und ausgeschlafen!) die Missionsreise antreten.

Freundschaft, gute Gewohnheiten und mehr


Zwei Flüge und viele Sicherheitskontrollen später waren wir endlich in Afrika angekommen! Die meisten von uns hatten den afrikanischen Kontinent vorher noch nie bereist. Daher war es anfangs schon ziemlich ungewohnt, von so vielen neugierigen dunkelhäutigen Menschen umringt zu werden. Eine unserer Aufgaben bestand darin, an verschiedenen Schulen Gesundheitsunterricht zu geben. So drängten sich zum Teil bis zu sechzig Kinder in einem Klassenraum zusammen, um etwas über Wasser, gute Gewohnheiten, aber auch andere Aspekte der ganzheitlichen Gesundheit wie etwa Freundschaft zu erfahren. Bilder, Plakate, Experimente und persönliche Erfahrungen veranschaulichten die Themen. Meine Gruppe bekam eine 7. Klasse zugeteilt und wir waren erstaunt, wie viel sich die Kinder vom Vortag gemerkt hatten. Krankheiten wie Depressionen oder Burnout waren ihnen übrigens unbekannt, was mich etwas zum Nachdenken brachte.

Einmal sollte ich spontan eine Unterrichtsstunde vertreten, da der zuständige Lehrer verhindert war. Als ich allerdings fragte, ob ich eine biblische Geschichte erzählen dürfte, wurde es mir untersagt: Offiziell wird das Kalala Learning Village von einem privaten Verein betrieben, den ein adventistischer Arzt leitet; die meisten Schüler dort sind orthodox bzw. muslimisch. Grundsätzlich darf in Äthiopien im Setting des Klassenraums keine Religion unterrichtet werden. Die adventistischen Schulen tun, was sie können, um den Glauben dennoch weiterzugeben. Aber die Herausforderung auf allen unseren Schulen in Äthiopien ist, dass die meisten Lehrer keine Adventisten sind. Das macht es sehr schwierig, ein adventistisches Profil zu wahren. Da ich den Kindern trotzdem etwas über Gott vermitteln wollte, erzählte ich einfach eine Gebetserfahrung. Wider Erwarten waren alle Schüler ruhig und aufmerksam, bis ich die Geschichte beendet hatte. So schuf Gott dennoch die Möglichkeit, ein Zeugnis für ihn abzulegen.

Bettlaken am Baum und (kein) Strom aus der Hütte


Dass das Wirken Gottes im Leben von uns Missionsschülern einen bleibenden Eindruck bei den Äthiopiern hinterließ, merkten wir vor allem bei den Evangelisationsabenden. Diese veranstalteten wir in unserer ersten Woche jeden Tag unter einem riesigen Baum – von uns „Gospel Tree“ (Evangeliums-Baum) genannt. Zum Programm gehörte das gemeinsame Singen von Liedern, Wasseranwendungen und Blutdruckmessen, ein sogenannter „Health Talk“ (Gesundheitsthema) und biblische Geschichten der Erlösung. Als Beamer-Leinwand diente ein Bettlaken, das am Baum befestigt wurde, und Strom (der im Übrigen nur dann funktionierte, wenn er wollte) wurde bei der nächstgelegenen Hütte angezapft. Eine junge Schülerin hatte sich bereit erklärt, uns zu übersetzen, was sie auch voller Hingabe und Hilfsbereitschaft tat. Die zahlreichen Besucher hatten sich auf Bierbänken platziert oder saßen auf Baumwurzeln, teilweise auch im Baum, und hörten aufmerksam zu. Wie einfach es ist, Menschen von Jesus zu erzählen und eine Evangelisation durchzuführen, dachte ich bei mir.

Dort am Baum lernte ich unter anderem ein 16-jähriges Mädchen namens Ruth kennen. Sie erzählte mir viel über ihr Leben in Äthiopien, ihre Familie und ihren orthodoxen Glauben, was für mich sehr bereichernd war. Wir können so viel von den Menschen dort lernen! Nach unserer Abreise schrieb Ruth unserem Leiter Michael, dass sie noch nie so viele ernsthaft gläubige Menschen getroffen habe, an deren Leben man erkennen könne, dass sie an Gott glauben und mit ihm leben. Das hat mich wirklich berührt!

Volle Aufmerksamkeit


Wenn man vor knapp fünfhundert Personen sprechen muss, verliert man irgendwann jegliche Angst davor. So auch am Ethiopia Adventist College, wo wir neben dem Unterricht die Morgenandachten und abends das Programm der Gebetswoche gestalteten. Unsere persönlichen Erfahrungen mit Gott bildeten dabei erneut das Kernstück jedes Abends. Vor allem die Kinder empfingen uns herzlich und überschütteten uns täglich mit selbstgemalten Bildern und Umarmungen. Da war dann der innere Stress, im Freien und ohne Mikrofon vor über dreihundert Grundschülern eine Andacht halten zu müssen, schnell wieder vergessen.

Dass einem die Aufmerksamkeit auch mal zu viel werden kann, merkten wir bereits zu Beginn unserer Reise. Sobald ich ein paar Schritte auf dem Schulgelände machte, kamen Kinder von allen Seiten auf mich zugerannt, wollten mir die Hand geben, über meine helle Haut streichen und meine blonden Haare anfassen. Den Höhepunkt dieses „Star-Daseins“ erlebten wir mit einigen Missionsschülern, als wir einen ländlich gelegenen Markt besuchten. Anfänglich wirkte noch bis auf zwei bettelnde Kinder und auffällige Blicke der Einheimischen alles relativ normal. Doch als wir anhielten, um an einem Stand mit Korbwaren etwas zu kaufen, begann sich eine Menschentraube um uns zu bilden. Das Gefolge blieb uns erhalten, bis wir am Ausgang etwas gestresst, aber erleichtert in Taxis sprangen. Was für ein Privileg, gemütlich und ohne besondere Aufmerksamkeit durch unsere Einkaufsstraßen zu bummeln!

Viel zu spät


Auch die Hyänen mussten wohl von dem prominenten Besuch aus Isny gehört haben, denn wie ich später erfuhr, hatte uns nicht nur eines der afrikanischen Raubtiere einen nächtlichen Besuch abgestattet, sondern gleich zehn! Direkt vor unserem Gästehaus veranstalteten sie ihre Rudelkämpfe und gaben dabei jene fremdartigen Laute von sich, die mich aus dem Tiefschlaf rissen.

Doch natürlich war uns dieses Erlebnis nicht genug – wir wollten noch mehr afrikanische Tiere sehen und unternahmen am letzten Freitagnachmittag einen Ausflug zum Safaripark. Ein uralter Schulbus, der vom deutschen TÜV sicherlich schon einige Jahre zuvor aussortiert worden wäre, wurde uns dafür zur Verfügung gestellt. In Afrika war das allerdings kein Problem, denn solange ein Fahrzeug noch fährt, wird es auch benutzt!

Am Abend begrüßten wir den Sabbat am Ufer des Langano-Sees, wo inmitten eines Naturschutzgebietes eine wirklich friedliche und besinnliche Stimmung herrschte. Um 18.30 Uhr sollten wir wieder zurück am College sein und die Gebetswoche eröffnen. Da jedoch einige aus unserer Gruppe einen anderen (längeren) Weg zum Parkplatz nahmen, verzögerte sich unsere Abfahrt um etwa eine halbe Stunde. Zu allem Überfluss streikte schließlich auch noch der Bus. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir kamen letztlich mit einer Verspätung von zwei Stunden an und erwarteten bereits, einen leeren Versammlungssaal vorzufinden. Doch als wir den Raum betraten, war dieser zu unserer Überraschung immer noch komplett gefüllt. Trotz zwei Stunden Verspätung! Die Schüler, Studenten und Angestellten hatten einfach die ganze Zeit gesungen, bis wir eintrafen. Ich dachte mir: „So etwas passiert ja wirklich nur in Afrika ... in Deutschland wären alle nach einer Viertelstunde Wartezeit unruhig geworden und spätestens nach einer halben Stunde wieder gegangen.“

Doch ich sollte falsch liegen. Denn diese Geduld war alles andere als „typisch Afrika“. In einem Gespräch mit einem Lehrer am folgenden Tag erfuhr ich nämlich, dass es überhaupt nicht normal war, dass alle Leute so lange gewartet hatten und dass er selbst sehr überrascht gewesen sei. Es kann nur der Heilige Geist gewesen sein, der an und in den Herzen dieser Menschen gewirkt und sie zum Warten motiviert hat.

In Momenten wie diesen merkte ich ganz besonders, dass die Missionsreise unter Gottes Segen stand. Trotz Stromausfällen, politischen Unruhen, Krankheit und Erbrechen, nächtlichen Hyänenbesuchen, Unpünktlichkeit und einem wiedergefunden Reisepass habe ich erlebt, welche Freude es ist, das Evangelium mit anderen zu teilen.

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