Das Phänomen der relevanten Botschaft

Reformation
Das Phänomen der relevanten Botschaft

Warum Luthers Verkündigung die Menschen direkt ins Herz traf

Es ist heutzutage nicht ungewöhnlich, dass Menschen in langen Schlangen stundenlang vor Läden warten, um dort den neusten Harry-Potter-Band oder das aktuellste iPhone zu ergattern. Vor 500 Jahren geschah etwas Ähnliches mit der Bibel. Wie gelang es Martin Luther, die biblische Botschaft so relevant und interessant als „gegenwärtige Wahrheit“ zu verkündigen, dass die Menschen dafür „Schlange standen“?

Luthers Botschaft trifft den Nerv seiner Zeit

Ohne die politischen und wirtschaftlichen Umstände, in denen sich die reformatorische Wende Anfang des 16. Jahrhunderts ereignete, wäre Luther wohl nur ein Ketzer unter vielen gewesen. Der himmlische Weltenlenker fügte es, dass die Zeit für eine neue Botschaft reif war, denn die Gesellschaft war durch Katastrophen, neue Entdeckungen und Erfindungen sowie durch Krisen und allgemeine Verunsicherung in Bewegung. Luther wusste, was die Menschen beschäftigte und reagierte in seiner Verkündigung darauf. Er wurde zum Anwalt des Volkes und traf den Geist der Neuorientierung und Reform in der Renaissancekultur. Bei Luthers Einzug zum Reichstag in Worms bringt es ein vor ihm reitender, mit Schellen behangener Narr so zum Ausdruck: „Ersehnter, auf den wir in Finsternis so lange gewartet haben, bist du endlich angekommen.“1

Verständliche Kommunikation

Seine 95 Thesen schrieb Luther zwar auf Latein, brachte sie aber schon im Jahr darauf auch in Landessprache unters Volk.2 Im März 1518 veröffentlichte er auf Deutsch den auch für Laien leicht verständlichen „Sermon von dem Ablass und der Gnade“. In einer Zeit, in der 90 Prozent aller Druckwerke in der Gelehrtensprache Latein geschrieben wurden, war das ungewöhnlich. Luther schrieb verständlich, bildhaft, anschaulich und volkstümlich. Er nutzte alle üblichen Sprachen: Latein für die Gelehrten im In- und Ausland und Deutsch für alle anderen. Durch das laute Vorlesen seiner Texte vielerorts erreichte er nicht nur die fünf bis zehn Prozent derjenigen, die lesen konnten, sondern alle.

Seine Bibelübersetzung war ein Jahrtausendwerk mit enormer Sprengkraft. Es hatte auch vor ihm schon 17 Vollausgaben der Bibel auf Deutsch gegeben, aber diese Bibeln waren sehr teuer und meist schwer verständlich. Luther ließ durch die eingängige deutsche Sprache, die keiner vor ihm in gleicher Weise gemeistert hatte, alle anderen Übersetzungen weit hinter sich.3,4 Die Menschen sollten die Heilige Schrift nicht nur lesen und verstehen, sie sollten sie auch gerne lesen.5

Der Humanismus mit seiner Wertschätzung für die alten Quellen kam Luther sehr zugute: So waren etliche gute griechische Handschriften, aber auch Hilfsmittel wie Grammatiken und Wörterbücher für ihn verfügbar. Allerdings stieß er bei der Übersetzung dennoch auf Herausforderungen: Als er zum Beispiel die Innereien der im Alten Testament erwähnten Opfertiere beschreiben wollte, begab er sich mehrmals zu einem Fleischhauer, um die richtigen deutschen Begriffe zu finden. Wo kein Begriff zu passen schien, fühlte er sich frei, selbst ein neues Wort zu erfinden wie z. B. „Gottesbild“, „Lückenbüßer“, „Herzenslust“, „Gewissensbisse“ oder „Lockvogel“. Luther legte den Schwerpunkt nicht auf die genaue Übertragung der Wörter, sondern auf die Übermittlung des Schriftsinnes.6 Damit die biblische Botschaft die Menschen erreichen konnte, setzte der Begründer der deutschen Sprache darauf, dem Volk „aufs Maul“ zu schauen: „Man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen ... auff das maul sehen, wie sie reden, vnd darnach dolmetzschen, so verstehen sie es den ...“7 Er hatte Erfolg. Selbst seine Gegner mussten mit Verdruss feststellen, „dass ouch das gemein Volk mehr Lust hat, darin zu lesen.“8

Neue Arten der Kommunikation

Eine der wesentlichsten Voraussetzungen dafür, dass Luthers Botschaft überhaupt relevant werden konnte, war die Erfindung des Buchdrucks. Der Streit um den Professor aus Wittenberg war das erste massenmediale Thema der Neuzeit9 und die Reformation gleichzeitig auch eine Medienrevolution. Luther bediente sich ganz unterschiedlicher Medien. Das entscheidende Kampfmittel war das gesprochene, gesungene und das gedruckte Wort, ob als Predigt, Flugblatt, Bild, Karikatur oder Choral.

Weil der größte Teil des überaus empfänglichen Publikums damals nicht lesen konnte, mussten auch Bilder die frohe Botschaft verkünden. Vor allem der Maler Lucas Cranach d. Ä. unterstützte ihn durch Abbildungen und Karikaturen und war somit einer der wichtigsten PR-Helfer der Reformation.10,11 Luther war ein Freund von Bildern, weil er um ihren pädagogischen und didaktischen Wert wusste.12

Seine Verkündigung wurde außerdem maßgeblich durch das Lutherlied unterstützt. Schon 1524 erschien in Wittenberg das erste evangelische Gesangbuch, zum größten Teil mit Liedern von ihm, die die Menschen zu Hause wie Volkslieder sangen. Manche sagen, Luther habe die Reformation mit dem Gesangbuch in Deutschland durchgesetzt.13

Luther hatte die Reformation persönlich erfahren

Luthers zentrale Lebensfragen waren die gleichen, die schon eine ganze Generation bewegt hatten. Auch er war geprägt vom Mittelalter mit all seinen Ängsten vor dem Fegefeuer, der Pest u. a.14 Luthers Überlegenheit gegenüber seinen Gegnern bestand darin, dass er seine Theologie nicht nur gelernt, sondern auch in der Tiefe seiner Seele persönlich erlebt hatte. Das gab seiner Lehre Authentizität, Dynamik und ihm selbst Gewissheit.15,16 Geschichtliche Größe hat, wer klar auszusprechen vermag, was viele dumpf erahnen oder ersehnen, ja, wer die befreiende Antwort nicht vom Schreibtisch aus gibt, sondern aus persönlichem Erleben heraus. Luthers individuelle Erfahrung weitet sich – als er damit an die Öffentlichkeit tritt – zur Erfahrung einer Gesellschaft, seine Antwort zur Antwort seiner Mitmenschen, seine Stunde zur Stunde der Zeit. Man kann nur Gottes Fügung darin sehen, dass er im richtigen Moment auf die Bühne tritt.17

Eine biblisch fundierte Bibelauslegung

Luther lehnte die allegorische Auslegung der Kirchenväter und Scholastiker fast durchgehend ab und kehrte zurück zum buchstäblichen und christologischen Schriftsinn der ersten Christen. Er schrieb: „Dies ist meine letzte und beste Kunst: die Bibel überliefern nach ihrem einfältigen Sinn. Denn der Wortsinn, der tut’s; da ist Leben, Trost, Kraft, Lehre und Kunst drinnen. Das andere ist Narrenwerk, obwohl es hoch gleißt.“18

Dem Selbstzeugnis der Schrift entsprechend formulierte er den Grundsatz: „Sancta Scriptura sui ipsius interpres“ (Die Heilige Schrift legt sich selbst aus)19, wobei ihm die Schriftauslegung Jesu und der Apostel als Vorbild diente.

Die Bibel ist einzige Grundlage des Glaubens und nur sie hat Priorität. Jeder Gläubige sollte Zugang zum Wort Gottes haben und es verstehen können. Dass die Bibel den Laien 1229 auf dem Konzil von Toulouse verboten wurde, nannte er „ein Kunststücklein des Teufels.“20 Er schlussfolgert: „Diese Königin [das Wort Gottes] muss herrschen. Ihr müssen wir alle gehorchen und uns unterwerfen. Wir dürfen nicht ihr Lehrer, Richter und Schiedsrichter sein, sondern einfach ihre Zeugen, Schüler und Bekenner, sei es der Papst, Luther, Augustinus, Paulus oder ein Engel im Himmel.“21

Bis zu seinem Lebensende hat Luther Ehrfurcht vor dem Wort Gottes. Seine wohl letzten Worte lauteten: „Die Heilige Schrift meine niemand genugsam geschmeckt zu haben, er habe denn hundert Jahre lang mit Propheten wie Elias und Elisa, Johannes dem Täufer, Christus und den Aposteln die Gemeinden regiert. Versuche nicht diese göttliche Aeneis, sondern neige dich tief anbetend vor ihren Spuren!“ Und setzt in seinem Deutsch voller Demut hinzu: „Wir sind pettler: hoc est verum.“ (Das ist wahr). 22

Mut und enormer Durchsetzungswille

Luther wird von einem Eifer, ja, einem heiligen Feuer, angetrieben,23 das ihn auch vor Mächtigen und Mehrheiten nicht zurückschrecken lässt. Als Freunde ihn warnen, nicht zum Reichstag nach Worms zu fahren, antwortet er: „Er must vnd wolt hinein, vnd wen so viel Teuffel drinne weren als ziegeln auff den dechern.“24 Dieser Mut sollte allen heutigen Verkündigern „gegenwärtiger Wahrheit“ als Vorbild dienen.25

Kaiser Karl V. argumentierte vor dem Reichstag gegen Luther: „Denn es ist gewiss, dass ein einzelner Ordensbruder irrt mit seiner Meinung, die gegen die ganze Christenheit ist, sowohl während der vergangenen tausend und mehr Jahre als auch in der Gegenwart; dieser Ansicht nach wäre die ganze genannte Christenheit immer im Irrtum gewesen und würde es noch heute sein.“26 Luther ist in seinem Gewissen gefangen.27 Nach seinem ersten Auftritt vor dem Reichstag wirkte er noch verunsichert, als ob ihn für einen Augenblick der Mut verlassen hätte, doch dann entschied er sich erneut, keinen Verrat am Evangelium zu üben.

Wenn es um die Wahrheit ging, scheute Luther ab einem bestimmten Punkt seiner Entwicklung keinen Konflikt mehr. Die Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ gleicht einem Kriegsruf. Er weist darin nach, dass die sieben Sakramente Sinnbilder päpstlicher Tyrannei seien. Ein Herausgeber seiner Schriften sagt darüber, dass noch niemals ein Autor seine Sache derart rasch, derart umfassend und derart genau dem lesenden Publikum habe vermitteln können.28,29 Heinrich Heine unterstreicht: „Die Feinheit des Erasmus und die Milde des Melanchthon hätten uns nimmer so weit gebracht wie manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin.“30 Luther wollte durch das Wort wirken. In seiner „göttlichen Brutalität“ war er in Wirklichkeit mutiger als sämtliche Intellektuelle seiner Zeit.31 Er scheute sich deshalb auch nicht, den Papst als den Antichristen zu bezeichnen, als diese Überzeugung in ihm gereift war.

Die Gewissheit und Freudigkeit, mit der Luther das Evangelium verkündigte, sprengte den Rahmen seiner Kultur und Zeit.32 Luthers mutiges und felsenfestes Ausharren beim Wort Gottes war das Mittel zur Befreiung der Gemeinde und der Anfang eines neuen und besseren Zeitalters.33

Strategische Kommunikation und Zielgruppenbewusstsein

Luther hatte die Verbreitung seiner Kirchenkritik strategisch geplant – und er nahm sie auch selbst in die Hand. Seine 95 Thesen verschickte er in handschriftlichen Briefen an einige ausgewählte Empfänger aus Wissenschaft, Politik und Kirche, etwa an Albrecht von Brandenburg, Erzbischof von Magdeburg und auch von Mainz, und damit dem ranghöchsten deutschen Kleriker.

Spätere Schriften waren speziell auf Zielgruppen abgestimmt. Der Adel wurde in der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nationen von des christlichen Standes Besserung“ aufgefordert, Missstände innerhalb der Kirche zu bekämpfen. An die Gelehrten schrieb er auf Latein „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“. Die Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die er deutsch und lateinisch verfasst, ist an den einzelnen Christen gerichtet, dem Luther ein höheres Recht als der Kirche zuspricht. Seine passgenauen Ansprachen unterschiedlicher Zielgruppen machten seine Schriften zur begehrten Ware, die häufig illegal nachgedruckt wurde.34

Luther war ein Vielschreiber, der allein in den Jahren 1518-19 auf 45 Publikationen mit rund 1.600 Druckseiten kam. Wenige Jahre später war er nicht nur der meistgelesene und umstrittenste Autor Europas, sondern auch der fleißigste Publizist des gesamten 16. Jahrhunderts.35

Es gab zwar noch längst kein Deutschland, aber es gelang dem großen Kommunikator Luther, sich zu dessen Botschafter und Anwalt zu machen: WIR für ein rechtes Verständnis des Evangeliums nach der Schrift! WIR gegen Rom! WIR für Gottes Sache! Luthers Anhänger erhielten 1529 den Namen „Protestanten“. Die Welt braucht – heute mehr denn je – überzeugte Nachfolger Jesu, die an die Kraft des Wortes glauben und den Mut haben, ihren Glauben zu bekennen und bewusst auszuleben. Wo ist ihre relevante Botschaft der gegenwärtigen Wahrheit heute zu hören?

Quellen:

1 Gisela Mönche (Hg.) Archiv für Reformationsgeschichte, Jg. 80 (1989), 41. 2 Dietmar Pieper & Eva-Maria Schnurr, Der Spiegel Geschichte, Die Reformation: Aufstand gegen Kaiser und Papst. Hamburg, Spiegel-Verlag, 6/2015, 26. 3 Hans Egger in Thomas Domanyi, Dialog, Theologische Hochschule Friedensau, Okt/Nov/Dez 2016, 3. 4 GEO Epoche Edition. Martin Luther und die Reformation. Hamburg, Gruner & Jahr, 2009, 156. 5 Daniel Heinz (Hg.) So komm doch diese Stunde! Luthers Reformation aus Sicht der Siebenten-Tags-Adventisten. Lüneburg, Advent-Verlag, 2016, 105. 6 Ibid., 106–107. 7 Ein Sendbrief D. M. Luthers. Von Dolmetzschen vnd Fürbit der heiligenn. Nürnberg 1530. Luther, Biblia, Band 3, 246. „Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man deutsch reden soll, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markte drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen.“ 8 Thomas Domanyi, Dialog, Theologische Hochschule Friedensau, Okt/Nov/Dez 2016, 3. 9 Der Spiegel Geschichte, 76. 10 Ibid., 6. 11 Willi Winkler, Luther: Ein deutscher Rebell. Berlin, Rowohlt, 2016, 349. 12 WA 10 II, 458. Daniel Heinz, 253. „Was könnte es also schaden, wenn jemand die wichtigsten Geschichten der ganzen Bibel nacheinander in ein Büchlein malen ließe?“ 13 Albert Martin Steffe, Die Hugenotten: Macht des Geistes gegen den Geist der Macht. Augsburg, Weltbild Verlag, 1995,16. 14 Hannes Lilje, Martin Luther, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 1965, 9. 15 Johann Heinz, Die Geschichte der Reformation in Deutschland. Bogenhofen, unveröffentlichtes Manuskript, 1976, 50. 16 Lilje, 78. 17 Daniel Heinz, 128. 18 Tischreden 5, 5285, Oktober 1540. 19 WA 147, 97. 20 Johann Heinz, 55. 21 WA 40 I, 119. 22 WA Tr 5, 317, Nr. 5677 bzw. WA 48, 421. 23 Winkler, 379. 24 WA Tr 5, 101, Nr. 5375b. 1540, WA Bd. 2, 298 & 300. „Wenn noch so viele Teufel zu Worms wären als Ziegel auf den Dächern, ich wollte doch hinein!“ 25 Ellen G. White, Testimony for the Church, Nr. 9, Battle Creek, Mi 1863,16–20. 26 Hans Wolter, Das Bekenntnis des Kaisers. Reuter (Hg.), Der Reichstag zu Worms von 1521, 227. 27 Winkler, 285. 28 Moeller, Das Berühmtwerden Luthers, 84. 29 Rupprich, Dürer, Schriftsteller Nachlass, Band 1, 171. 30 Manfred Windfuhr (Hg.). Heinrich Heine: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Hamburg, 1979, Band 8,I, 34. 31 Winkler, 561. 32 Adolf von Harnack in Johann Heinz, Die Geschichte der Reformation in Deutschland. Bogenhofen, unveröffentlichtes Manuskript, 1976, 15. 33 Ellen G. White, Der große Kampf. Hamburg, Advent-Verlag, 167. 34 Der Spiegel Geschichte, 74. 35 Ibid., 70.

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