„Unterwegs nach Hause“

Lebensgeschichte
„Unterwegs nach Hause“

Ein Leben für die Musik in der Gemeinde

Die erste Begegnung mit Günter Preuß, an die ich mich erinnere, war wohl um das Jahr 1970.
Wir nahmen beide in Freiburg an einem Seminar über die Evolutionstheorie teil. Hans Heinz, Dozent in Bogenhofen, war der Sprecher. Günter und ich übernachteten bei Familie Wobser im gastfreundlichen Privatquartier. Nach all den Vorlesungen und Diskussionen fand sich genügend Zeit, auch etwas am Klavier zu improvisieren und zu experimentieren. Schon damals war Günter fleißig am Komponieren, stellte seine Notenskizzen zur Diskussion und lud zu Verbesserungsvorschlägen ein. Diese Art des Umgangs mit seinem eigenen Schaffen verließ ihn nie und zeichnet ihn bis heute aus. Allein für das Lied „Unterwegs nach Hause“, dessen Text er zusammen mit Sabine Schlicke zu Papier brachte, befragte er über Monate hinweg verschiedene Gruppen und Einzelpersonen. Mit der 19. Version aus dem Jahr 2004 war dann das Ziel erreicht.

Musikalischer Überflieger oder Sprachgenie?

So kennen wir „unseren Günter“! Er sprüht vor Ideen und bezieht bereitwillig sein Umfeld bei der Umsetzung mit ein. Alles, was erreicht wird, kann dann doch nochmal weiter entwickelt werden. Legendär sind daher seine Kompositions-Versionen 2, 3a, 3b bis hin zu gefühlt 5c, die teilweise noch am Tag der Aufführung auf die Pulte kamen.

Von nichts kommt natürlich nichts: Durch Klavierunterricht und fleißiges Üben erhielt Günter bereits in jungen Jahren die Grundlagen für sein Musikverständnis und auch die entsprechende Virtuosität, die er später benötigte. Letztendlich war jedoch kein Instrument vor ihm sicher. Nach und nach probierte er sich an Mandoline, Geige, Trompete, Posaune und Gitarre aus, weil es in seiner Heimatgemeinde Ludwigsburg entsprechende Ensembles gab.

Bei seiner Berufswahl spielte die Musik jedoch zunächst keine Rolle. Mit 15 Jahren ließ er sich taufen und verspürte seitdem die Berufung, Pastor oder Missionar zu werden. Guter mütterlicher Rat führte dazu, dass er, der hundertprozentige Theoretiker, zunächst ein praktisches Jahr absolvierte und eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer hinter sich brachte. 1973 begann Günter sein Theologiestudium am Seminar Marienhöhe in Darmstadt, das er 1978, verbunden mit einem Sprachdiplom, am französischen Seminar Collonges oberhalb des Genfer Sees abschloss.

In dieser Zeit entpuppte er sich als Sprachgenie. Nach und nach eignete er sich so viele Fremdsprachen an, dass ich irgendwann mit dem Zählen aufhörte. Inzwischen ist er bei über sieben angekommen, in denen er auch gepredigt und unterrichtet hat. (Schwierige Sprachen wie Schwäbisch oder Sächsisch wurden hierbei gar nicht mit eingerechnet! ...)

Mit Schwung und Elan

Gisela Winandy, seine Musiklehrerin in Collonges, erkannte Günters musikalische Begabung, zumal sich seine Diplomarbeit mit dem Einsatz und der Wirkung von Popularmusik in der Evangelisation beschäftigt hatte. „Unsere Kirche benötigt nicht nur Prediger, sondern auch fähige musikalische Leiter“, meinte sie, und gab so den Anstoß, dass Günter sich professionell der Musik zuwandte. Er studierte zunächst am Newbold College Musiktheorie, Orgel, Posaune und Gesang und dann bis zum A-Staatsexamen im Jahr 1985 in Düsseldorf evangelische Kirchenmusik.

Dort lernte er Ruth Scherffig, die Tochter eines evangelischen Pfarrers, kennen. In seinem Abschlussjahr 1985 heirateten sie und folgten einem Ruf nach Collonges, wo Günter als Leiter der Musikabteilung für die ganze Breite der musikalischen Ausbildung vom Kindergarten- bis zum Hochschulniveau verantwortlich war.

Insgesamt wurden der Familie drei Kinder geschenkt, Samuel, Miriam und Debora – oder mit anderen Worten: eine Trompete, eine Querflöte und ein Cello. Immer behielt Ruth, sanft und konsequent, den täglichen Überblick in der Familie und unterstützte dazu noch als Flötistin Günters musikalische Arbeit.

1995 kreuzten sich unsere Wege wieder. Günter nahm die neu geschaffene Vollzeitstelle des Musikbeauftragten in der Baden-Württembergischen Vereinigung an. Mit viel Schwung und Elan stürzte er sich in die Arbeit. Die bestehenden Vokal- und Bläserchöre ergänzte er mit jährlichen Kindersingwochen, regelmäßigen überregionalen Bläsertreffen, Fortbildungsangeboten und der Weiterführung der Kantate-Sabbate. Daneben förderte er intensiv auch Kammer- und Orchestermusik. Die Integration eines weiteren Klangkörpers (Streicher und Holzbläser) auf adventistischen Veranstaltungen und in Gottesdiensten ist bis heute eine echte Bereicherung und eigentlich nicht mehr wegzudenken.

1999 hielt Günter die erste Orchesterfamilienfreizeit ab, die seitdem mit wachsenden Teilnehmerzahlen jedes Jahr stattfindet. Da 2001 ein amerikanischer Handglockenchor wegen der Vorfälle am 11. September nicht nach Deutschland kommen konnte, „erfand“ er als Ersatz die „Classic Night with Candle Light“. Sie gab mit stimmungsvollem Ambiente Talenten aus unseren Reihen eine Bühne. Günter übernahm außerdem von Gisela Winandy das Konzept der Aufführungen von „Adventus Domini“ – einer adventistischen Chor- und Orchestergemeinschaft, die geistliche Themen mit Bildpräsentationen und Live-Musik kombiniert und Benefizkonzerte für ausländische Missionsprojekte gibt.

Immer im Einsatz für die Musik

Günters anfangs erwähntes kompositorisches Schaffen brachte vor allem Werke und Arrangements für Chor, Bläser und Orchester hervor. Für überregionale Veranstaltungen schuf er Mottolieder, die gerne gesungen wurden. Einige davon, wie etwa „Ein Segen liegt verborgen“ und „Herr, Jesus, Herr des Sabbattags“, fanden Eingang in die Liederbücher der Gemeinde.

Erhebliche zusätzliche Belastungen ergaben sich durch seine Doktorarbeit, die sich mit französischer reformierter Theologie und Liedgut des 18. und 19. Jahrhunderts beschäftigte und sich bis 2002 hinzog, sowie seine Mitwirkung in insgesamt vier Liederbuchkommissionen (u.a. „Leben aus der Quelle“ und „Glauben, Hoffen, Singen“). Dennoch gründete er überdies zwei Vereine: „Adventist Music Society e.V.“ will adventistische Kriterien für die Auswahl von Musik in Erziehung und Gottesdienst entwickeln und mit „MoreKids4Music“ soll die Orchesterarbeit unter Kindern gefördert werden.

Neben seiner Tätigkeit als Musikbeauftragter wurde Günter zum gefragten Sprecher im Hinblick auf musiktheologische Fragen und nahm zusätzlich einen kleinen Lehrauftrag für den Masterstudiengang in Friedensau an (Liturgik und Hymnologie). Zusammen mit der noch immer intensiven Ausübung seiner Leidenschaft des Komponierens und Arrangierens führte dies zu Überlastungserscheinungen, die auch bei seinen musikalischen Weggefährten die eine oder andere Spur hinterließ. Da wäre weniger manches Mal womöglich mehr gewesen ...

Dennoch ist Günter jederzeit hilfsbereit, einsichtig und humorvoll geblieben. Er lacht gerne, auch über sich selbst, zum Beispiel, wenn er bei „Bunten Abenden“ auf die Schippe genommen wird. Diese Grundeigenschaften gehören einfach zu ihm. Er war und ist stets bereit, konstruktive Kritik anzunehmen. Ich kann mich an keine einzige Situation erinnern, in der er auf Rückmeldungen abwehrend reagiert oder gar einen „Gegenangriff“ gestartet hätte. Ich denke, dass es insbesondere diese durchaus nicht weit verbreitete Fähigkeit ist, die ihm Freundschaften und Unterstützung erhalten hat.

Zur Ehre Gottes

Auch wenn unser Günter 2019 in den Ruhestand tritt, wird er mit Sicherheit eine ganze Reihe musikalischer Betätigungsfelder behalten, nicht nur an Orgel oder Klavier. Gelegentlich wird er bereits jetzt als Trompeter und Hobby-Bratscher (sein 8. Instrument) gesichtet. Mit unserem Baden-Württembergischen Kammerorchester bleibt er dirigierend, mitspielend und fördernd verbunden und hat schon die nächsten Arrangements in Vorbereitung.

Der persönliche Eindruck, der von ihm sicherlich bleiben wird, sind seine unbedingte Hingabe an die Musik in der Gemeinde, seine Begeisterung, seine Offenheit für jede Anregung – und sein Wahlspruch, dass die Musik zur Ehre Gottes erklingt („Soli Deo Gloria“). Unvergesslich bleiben einige Aufführungen von „Adventus Domini“, wie etwa mit dem „Messias“ von Händel, der „Johannespassion“ von Bach oder „Paulus“ von Mendelssohn. Insbesondere Günters Vertonung des letzten Abschnitts aus dem Großen Kampf, wobei Erde und Himmel einstimmen in das universale Lob „Gott ist die Liebe“, drückt am eindrucksvollsten aus, wie sehr ihn die Hoffnung auf ein ewiges Leben mit Gott bewegt.

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