Widersehen in San Ramón

Mission in Bolivien
Widersehen in San Ramón

Mennonitische Adventisten planen eigene Gemeinde

Als wir Ende November 2014 unsere Koffer packten, um ins über 10.000 Kilometer entfernte Deutschland zurückzufliegen, wussten wir nicht, ob wir unsere Glaubensgeschwister in San Ramón jemals wiedersehen würden. In dem bolivianischen 6000-Seelen-Städtchen, 170 km nördlich von Santa Cruz, versammelt sich seit fast zehn Jahren eine Gruppe adventistisch getaufter Mennoniten und Interessierter regelmäßig zum Gottesdienst (siehe u.a. Ausgabe 3/2015).

Eigentlich sollte eine Predigerfamilie gefunden werden, die bereit wäre, die evangelistische Arbeit in Bolivien für mehrere Jahre fortzusetzen. Doch im Frühjahr 2016 hörten wir, dass noch niemand für diese Aufgabe gewonnen werden konnte und die kleine Adventgemeinde die meiste Zeit auf sich allein gestellt ist. Deshalb beschlossen wir kurzerhand, in den Sommerferien ein weiteres Mal nach San Ramón zu reisen, um unsere Glaubensgeschwister dort zu unterstützen und zu ermutigen.

Spanisch sprechende Begleitung

Dieses Mal hatten wir sogar die Möglichkeit, unsere jüngste Tochter Joana, 23, für zwei Wochen mitzunehmen. Sie arbeitete von März bis September im Instituto Adventista del Uruguay als Volontärin und hatte gerade zu dieser Zeit selbst Ferien. Unser Aufenthalt wurde deshalb besonders gesegnet, weil Joana sich den Kindern in der Gemeinde widmen konnte. Die erwachsenen Geschwister versuchen, Hochdeutsch zu sprechen und verstehen uns auch einigermaßen. Doch die Kinder bzw. Enkelkinder kennen nur das mennonitische Plattdeutsch, welches sich wiederum stark vom Deutschen unterscheidet – oder eben Spanisch.

So war es für die Kleinen ein besonderes Ereignis, ihre Kindersabbatschule mit einer anderen, Spanisch sprechenden „Sabbatschultante“ zu erleben. Auf diese Weise hatten auch die Mütter Gelegenheit, am Bibelgespräch der Erwachsenen teilzunehmen. Die anderen Erwachsenen freuten sich ebenfalls, eine weitere Glaubensschwester aus Deutschland kennenzulernen, die zudem den Gottesdienst mit ihrem Querflötenspiel bereicherte.

Gleich nach unserer Ankunft baten wir die Geschwister, zu überlegen, was sie von uns erwarteten und sich wünschten, damit wir die Tage effektiv nutzen konnten. Neben der Gestaltung der Gottesdienste und regelmäßigen Andachten unter der Woche war es uns ein besonderes Anliegen, praktische Tipps im Umgang mit biblischen Fragen und deren Beantwortung sowie Gesundheitsratschläge nebst Kochkurs zu geben.

Leben in der Kolonie

Schon bei unserem ersten Besuch vor zwei Jahren hatten wir uns immer wieder gefragt, wie viel unsere Geschwister von dem, was wir sagen und vor allem meinen, überhaupt verstehen. Die meis-
ten von ihnen haben keine Schule im herkömmlichen Sinne besucht. Vieles von dem, was sie heute wissen und können, haben sie sich selbst angeeignet. Daher gibt es durchaus große Unterschiede unter den mittlerweile geschätzten 100.000 Mennoniten in Bolivien.

Dabei haben die Jahrhunderte, seitdem Menno Simon sich im 16. Jahrhundert mit ihren Vorfahren auf die Reise machte, ihrem Arbeitsethos nichts anhaben können. Dies ist einer der Gründe, warum im letzten Jahrhundert Paraguay – und später Bolivien – den Mennoniten gerne Zuflucht bot und ihnen bereitwillig Land überließ. So entstanden Kolonien, Zusammenschlüsse mehrerer Farmen, die von einem Ältestenrat geleitet werden. Diese legen fest, wie das Glaubens- und Gemeinschaftsleben gestaltet werden muss. So zum Beispiel die Frage, ob Autos, Computer oder Mobiltelefone zu einem gottesfürchtigen Leben gehören. Viele Kolonien lehnen dies kategorisch ab. Durch diese krasse Trennung von der übrigen, nichtmennonitischen Gesellschaft, bildet die Kolonie das einzige ökonomische und soziale Zentrum. Dies stellt unsere Mission vor ein Dilemma. Das bewirtschaftete Land, das die Lebensgrundlage der meisten Familien bietet, gehört in der Regel der Kolonie. Eine Konvertierung bedeutet im schlimmsten Fall den Verlust dieser Grundlage. Zur bolivianischen Gesellschaft wiederum gehören sie aus verschiedenen Gründen auch nicht dazu. Ihnen fehlen beispielsweise Schulabschlüsse oder Diplome. Zudem wird der Erwerb von neuem Land immer kostspieliger, und die Lebensweise der indigenen bolivianischen Bevölkerung passt so gar nicht zu den mennonitischen Gepflogenheiten.

Eine eigene Gemeinde

Unsere Glaubensgeschwister in San Ramón haben sich weitgehend aus den Kolonien zurückgezogen. Sie waren dort nicht mehr erwünscht. So haben sie zum Teil Land von Einheimischen gepachtet oder arbeiten mit ihren Maschinen für Farmer oder Agrargesellschaften. Ein Großteil unserer Geschwister wohnt deshalb nunmehr in San Ramón, einem kleinen Ort in der Provinz Santa Cruz.

Hier wurde ein Grundstück für den Bau einer eigenen Gemeinde an die Trägerschaft der zuständigen Misión del Oriente Boliviano in Santa Cruz übergeben. Architekten sind bereits involviert, damit das zukünftige Gemeindehaus an die örtlichen Bedürfnisse angepasst ist. Mehrzweckräume, angedacht sind drei, sollen zudem die geplante adventistische Schule mit deutschsprachigem Unterricht ermöglichen.

Bei unserem Besuch wurde außerdem deutlich, dass unbedingt an eine Küche gedacht werden muss. Es ist an der Zeit, mit unserer Botschaft den Menschen vor Ort zu helfen, ein neues und gesundes Leben in Christus zu führen. Die Bolivianer verarbeiten leider nur wenig Gemüse. Stattdessen landet in der Regel alles auf dem Teller, was gejagt werden kann. „Pollo“ (Hühnerfleisch) ist dabei das Hauptnahrungsmittel.

Überraschenderweise erlebte Bettina bei einem Treffen von mennonitischen Frauen aus der Provinz in einer ihrer Kirchen, wie das Interesse an gesundem Essen auch unter den Mennoniten der anderen Kolonien erwacht ist. So kam eine völlig fremde Frau auf eine Schwester unserer Gemeinde zu und fragte diese: „Könnt ihr uns nicht gesundes Kochen beibringen?“

In der kleinen mennonitischen Adventgemeinde haben nicht nur die jungen Frauen, sondern auch viele ältere Geschwister erkannt, wie notwendig eine pflanzliche, gesunde Ernährung ist. Der kürzlich getaufte Boris ist einer von ihnen. Obwohl er eigentlich als IT-Fachmann in der Misión in Santa Cruz arbeitet, hat er seine eigentliche Berufung im gesunden Kochen gefunden. In der eigens dafür eingerichteten Küche der Adventgemeinde Harmaca organisiert er sehr gut besuchte Kochkurse, die vor allem bei nichtadventistischen Bolivianern auf großes Interesse stoßen.

Zudem möchte er seinen Schwestern und Brüdern Mut machen, die vegetarischen und veganen Gerichte nicht nur in ihren persönlichen Alltag zu übernehmen, sondern auch Kochkurse für Interessierte aus den Kolonien anzubieten. Seine Unterstützung in diesem Bereich hat er bereits den mennonitischen Geschwistern in San Ramón zugesagt.

Zu Besuch im Busch

Dass die evangelistischen Bemühungen unter den bolivianischen Mennoniten Frucht bringen, wurde besonders beim Besuch einer Familie weit draußen im Busch deutlich. Wir hatten sie schon vor zwei Jahren kennengelernt. Während Bettina und ich mit den Eltern gemeinsam aßen und uns unterhielten, kümmerte sich Joana um die Kinder. Diese Familie ist ein Beispiel dafür, wie schwierig es ist, die Kolonien zu verlassen. Weil sie es gewagt hatten, eigenständig zu denken und nicht koloniekonforme Entscheidungen zu treffen, mussten sie um ihr Leben fürchten und in den bolivianischen Busch fliehen. Sie leben auch heute noch unter unvorstellbar primitiven Bedingungen: Zum Schlafen haben sie nicht mehr als eine kleine Hütte mit Palmendach, zum Mittagessen gibt es nicht selten gefangene rattenähnliche Kleintiere und Piranhas und dazu einen Becher ungefiltertes Wasser aus dem verdreckten Fluss.

Mittlerweile wird diese Familie regelmäßig von unseren Glaubensgeschwistern sabbats besucht. Und so staunte die Gemeinde nicht schlecht, als das Ehepaar aus dem Busch mit zwei Kindern und einem Enkel eines Tages zu ihrem Gottesdienst erschien. Die Fünf hatten die beschwerliche Reise auf sich genommen, um mit unseren Geschwistern wieder Gemeinschaft zu haben. Vor kurzem erfuhren wir außerdem, dass die Familie neuerdings selbst im Busch einen kleinen Gottesdienst mit Sabbatschule durchführt.

Und so bleibt es unser Anliegen, für das Gemeinde- und Schulprojekt unserer mennonitischen Geschwister zu beten, mit Hoffnung im Herzen, dass sich Menschen finden, die dieses Projekt für längere Zeit vor Ort unterstützen. „Wie danken Gott, dee ons en Christus emma siejen lat. Un soo aus sikj een scheenet Jeroch vespreet, soo brukt Gott ons, aulawäajen Christus bekaunt to moaken.“ (2. Korinta 2,14; aus der mennonitischen plattdeutschen Bibel)

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